Tage der Buße
von Mohammad Omer
Rafah Today / ZNet 19.10.2004
Der Gestank hier ist einfach
bestialisch. Gehst du irgendeine Straße entlang - falls du dich traust -,
bist du gezwungen, den Blutlachen auszuweichen, manchmal mußt du auch
mittendurch. Überall hängen Fetzen von Menschenfleisch - oft kaum noch als
menschliche Überreste erkennbar -, auf den Dächern, auf der Straße, oder
das Fleisch klebt an kaputten Fensterscheiben.
Der Geruch von faulendem
Blut mischt sich mit dem beißenden Gestank schwarzverkohlten
Menschenfleischs - verbrannt durch eine Rakete, die aus einem in Amerika
fabrizierten Apache-Hubschrauber der israelischen Armee abgefeuert wurde.
Der Himmel ist verqualmt mit schwarzem Rauch. Zum Teil stammt der Qualm
von den Raketenexplosionen; manchmal scheint es aber, als sei die
Hauptursache der Verqualmung die ständigen Müllfeuer, die die Leute mit
Reifen und anderem Müll nähren. Der Rauch verwirrt nämlich die unbemannten
Drohnenüberwachungsflugzeuge, die auf Hitze reagieren. Ein auf relativ
freiem Gelände gelegtes Feuer lenkt so Geschoßfeuer und Bomben auf
harmlosere Ziele ab. Der Rauch - vermischt mit Gips- und Zementstaub - ist
Fluch und Segen zugleich. Der Gestank verbrannten Fleisches und
verwesenden Bluts verdrängt bis zu einem bestimmten Grad den der
ungeklärten Abwässer aus geborstenen Kanalrohren und den Geruch von
zehntausenden Menschen, die sich seit mehr als einer Woche nicht mehr
waschen konnten. Trinkwasser ist hier zum raren, wertvollen Gut geworden.
Duschen oder baden - ein Luxus, den sich niemand mehr leisten kann. Der
Rauch reizt die Augen, daran ist nichts zu ändern, aber er schützt die
Augen auch ein klein wenig vor jenen noch schrecklicheren Bildern:
Körperteile, die als solche erkennbar sind - ein Stück Bein oder ein Stück
Torso. Finger liegen verstreut - noch deutlich als Finger erkennbar, mit
ganz persönlichen Merkmalen. Eigentlich sollte niemand etwas Derartiges
sehen müssen. Gruppen von Freiwilligen sammeln die Körperteile auf und
bringen sie in eins der beiden Krankenhäuser Jabalyas. Die Ambulanzen
kommen nicht nach, die Flut der Verletzten und frisch Verstorbenen zu
bewältigen.
Überall
sieht man Beerdigungszüge und “Trauerhäuser” (so nennt man die Zelte, die
trauernde Familien errichten, um Freunde und Angehörige zu empfangen).
Aber in Wirklichkeit ist hier jedes Haus ein Trauerhaus - ob noch relativ
intakt oder komplett bzw. teilweise zerstört durch Panzer und Bulldozer
der israelischen Armee (IDF). Vor den Geräuschen gibt es keinen Schutz -
nicht vor dem Weinen und Wehklagen der Väter und Mütter, der Kinder und
Ehemänner bzw. Ehefrauen der Getöteten. Nichts schützt vor den Schreien
der Verletzten, dem Heulton der Ambulanzen, dem Gewehrfeuer der
Heckenschützen, dem dumpfen Knall einer Panzergranate, den ständigen
Explosionen durch einschlagende Apache-Granaten. Die Zeit ist aus den
Fugen geraten. Eine Stunde ist hier wie ein Tag; ein Tag ist wie eine
Woche oder ein Monat.
Wir reden
hier vom Flüchtlingslager Jabalya, im nördlichen Gazastreifen. In Jabalya
- einem der dichtbevölkertsten Orte der Welt - werden seit über einer
Woche 106 000 Männer, Frauen und Kinder, überwiegend unbewaffnete
Zivilisten, schonungslos attackiert. Die offizielle Version der Israelis:
Das Gemetzel sei die “Antwort” auf eine selbstgebastelte Kassam-Rakete,
die palästinensische Militante letzte Woche auf die israelische Stadt
Sderot abfeuerten. Die Rakete tötete zwei Kinder. In Wirklichkeit drangen
die ersten israelischen Panzer schon Stunden vor dem Raketenanschlag auf
Sderot in Jabalya ein. Seit Wochen beobachten wir mit Besorgnis, wie sich
im Norden Gazas die israelischen Streitkräfte sammeln: 2000 frische
Soldaten mit mehr als hundert zusätzlichen Panzern und Bulldozern.
Erst seit
ich hier sitze und meine Notizen, die ich in den letzten Tagen sammelte,
durcharbeite, wird mir klar, was für einen grausamen Namen die IDF für
ihre Offensive wählte: ‘Tage der Buße’. Sie schlachten nicht nur
unbewaffnete Zivilisten ab, sie vergehen sich sogar an der Sprache. Nach
meinem Verständnis bedeutet “Buße” soviel wie das Bereuen einer schlechten
Tat - aus freien Stücken. Soll das Massaker die Opfer etwa zu Büßern
machen? Soll es in ihnen Trauer wecken für 4 oder 5 getötete israelische
Soldaten und 2 tote israelische Kinder - während man den Tod von mehr als
60 palästinensischen Zivilisten als eine Art Gerechtigkeit hinnehmen soll?
Für uns, die wir in der Jabalya-Falle sitzen, hört sich das eher wie ‘Tage
der Rache’ an. Zweifellos ein Akt der Kollektivbestrafung - laut Genfer
Konvention verboten.
Aber
vielleicht sollten wir uns gar nicht wundern. Israels Premierminister
Ariel Scharon hat angekündigt, den Angriff “solange wie nötig”
fortzusetzen - bis von selbstgemachten Raketen des palästinensischen
Widerstands “keine Gefahr mehr” ausgehe. Vor mehr als 20 Jahren war
Scharon Architekt der Massaker von Sabra und Schatila. Heute verfährt er
fast identisch - allerdings mit weit besseren Waffen. Natürlich gibt es
militante Gruppen. Letzte Woche schlugen sie hin und wieder zu. Aber die
Israelis sind ihnen zahlenmäßig und natürlich waffenmäßig haushoch
überlegen. Die Hamas verteilt in Gaza-Stadt Flugblätter, in denen sie
schwört, ihre Raketenangriffe (mit selbstgebastelten Waffen) auf illegale
jüdische Siedlungen in Gaza bzw. auf jede erreichbare Stadt in Israel
solange nicht zu beenden, wie die Israelis ihre Einmärsche nicht
beendeten. Der internationale Protest ist angesichts der amerikanischen
Unterstützung für Israel verstummt bzw. erlahmt. Einzig die dünne, einsame
Stimme des US-Außenministeriums drängt Israel, seine “Reaktionen”
“verhältnismäßig” zu gestalten. Dem ging natürlich wieder das
obligatorische Mantra voraus: “Israel besitzt das Recht auf
Selbstverteidigung”. Zu Beginn dieser Woche wurde eine UN-Resolution
eingebracht, die Klartext redete und den Angriff verurteilte. Das Veto der
USA schlug sie nieder.
In puncto
genaue Opferzahlen ist es gar nicht so einfach, auf dem neuesten Stand zu
bleiben. Die aktuellen Zahlen lauten: 80 getötete Palästinenser (davon 20
Militante, die die Hamas für sich reklamiert) und über 200 Verletzte.
Bevor dieser Artikel in Druck geht, werden die Zahlen sicher weiter
steigen. In Jabalya existiert kein Zufluchtsort, und in den Kliniken
herrscht Chaos. Die Bestände gehen zur Neige, das Personal arbeitet
ausnahmslos rund um die Uhr - schon seit Tagen. Ich sah Abu Nedal - Vater
des 14jährigen Nedal Al Madhown - der um Fassung rang und die erschöpften
Ärzte und Ambulanzfahrer fragte: “Wurde mein Sohn getötet? Wurde er
getötet?” (Der Junge war schon bei seiner Ankunft im Krankenhaus tot). Bei
der Mehrzahl der Toten und Verletzten handelt es sich um Kinder und
Jugendliche, die offensichtlich nicht gekämpft hatten.
Ich führte
ein Interview mit Dr. Mahmoud Al Asali, Direktor des Kamal Adwan
Hospitals. Man müsse wohl zwangsläufig davon ausgehen, daß die israelische
Armee es absichtlich auf Zivilisten abgesehen hat, so der Doktor. Die
meisten der durch Gewehrschüsse Verletzten wiesen Oberkörperwunden auf,
was auf einen Tötungsbefehl für israelische Scharfschützen schließen
lasse. Die palästinensischen Ärzte entfernten etliche sogenannte
‘Flechettes’ aus verletzten und toten Körpern; das läßt darauf schließen,
daß die IDF illegale Splitterbomben verwendet, Bomben, die bei der
Explosion rasierklingenscharfe Splitter streuen. Wie mir Dr. Al Asali
sagt, ist der Einsatz illegaler Splitterwaffen für die hohe Zahl Toter und
Schwerverletzter bzw. für den hohen Schweregrad der Verletzungen
verantwortlich. Die IDF verweigert eine Stellungnahme.
Die
Krankenhaus-Teams und Ambulanzen-Crews sind so gestreßt, daß sie
Freiwillige mit der grauenhaften Aufgabe betrauen müssen, die menschlichen
Überreste einzusammeln, zu sortieren und zuzuordnen. Den trauernden
Familien soll möglichst viel Substanz übergeben werden. Einer dieser
Sanitäter ist Ahmed Abu Saali, 26, vom Kamal Aswan Hospital: “Enorme
Schwierigkeiten bereitet uns die Tatsache, daß diese gewaltigen Bomben
Teile der einzelnen Opfers über einen großen Radius verstreuen können. So
kann es leicht passieren, daß einige Teile einer Person im Al Awda
Hospital landen, also im Osten des Lagers, während wir hier im Westen
andere Teile derselben Person haben”. Manchmal sind Kleiderfetzen bei der
Zuordnung hilfreich. Immer wieder schießt die israelische Armee auf
Sanitäter-Teams oder Journalisten. Bislang wurden 2 Ambulanzfahrer sowie
ein Kameramann der Ramatan New Agency verletzt. Ambulanz-Crews und
Presseleute tragen natürlich spezielle Kleidung, die sie kenntlich macht.
Israel hat
alle Grenzen zu Gaza dichtgemacht. Auch innerhalb des Gazastreifens wurde
die Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt. Es existieren drei Haupt-
“Zonen” - die durch abgeriegelte militärische Checkpoints voneinander
getrennt sind. Während der letzten Tage wurden zahlreiche neue Checkpoints
eingerichtet und Straßen mit Zementblocks und Sandbarrieren abgeriegelt.
Die Menschen können nicht mehr von Stadt zu Stadt - nicht einmal
Ambulanzen, die Patienten in die Klinik bringen wollen. Darüber hinaus
wurde der Hauptübergang zwischen Israel und Gaza geschlossen - selbst für
NGOs, humanitäre Hilfsorganisationen und ausländische Journalisten. So
intensiv die Militäroffensive auch ist und war, den Menschen droht noch
weitere Gefahr. Viele Familien haben seit Tagen weder Wasser noch Nahrung.
In Tal Al Zattar, Ost-Jabalya, habe ich eine ältere Frau namens Umm Ramzi
interviewt. Sie sprach mit mir durch das klaffende Loch in ihrer Hauswand,
das eine israelische Panzergranate riß. Sie sagte: “Wir haben das Rote
Kreuz angefleht, unser Leben und das unserer Kinder zu retten, aber
niemand reagierte”. Der Großteil der NGO-Mitarbeiter und
Hilfsorganisationen nimmt natürlich - logischerweise - an, daß durch die
Linien des israelischen Militärs rund um Jabalya kein Durchkommen ist.
Gleichzeitig ist ihnen aber absolut klar, daß die Zivilisten Hilfe
brauchen. Es gelang mir, mich mit dem Sprecher des Internationalen
Komitees des Roten Kreuzes (ICRC) in Verbindung zu setzen. Sein Name ist
Simon Schorno. Er sagte mir am Telefon: “Im Moment befinde ich mich auf
dem Weg nach Gaza. Wir haben mit der IDF geredet und um Erlaubnis gefragt,
Nahrungsmittel und Wasser zu bringen. Es ist uns jedoch nicht gelungen,
ein Okay für umfassende Lebensmittelverteilungen zu erhalten”. Auf die
Frage, warum das Rote Kreuz während der letzten Tage, als soviele Familien
in Not waren, nicht da war, antwortete Mr. Schorno: “Ich fühle mich
furchtbar. Wir tun wirklich unser Bestes, um Nahrung und Wasser
reinzubringen, aber auch die beschädigten Straßen sind ein Grund, warum
wir die Menschen nicht so schnell erreichen”. Eine Reihe Einwohner -
Augenzeugen - haben bestätigt, daß die israelische Armee mehrere hohe
Gebäude zu Heckenschützenposten umfunktioniert hat. Und sie würden auf
alles schießen, was sich bewegt. Eines der aktuellsten Opfer ist Islam
Dweidar, 14. Das Mädchen wollte während einer scheinbaren Feuerpause für
die Mutter Brot einkaufen. Ein israelischer Heckenschütze schoß ihr in den
Kopf.
Im Süden
des Gazastreifens verstärkt die israelische Armee ihre Panzer und
Bulldozer - überall in Khan Younis und Rafah. Jede Nacht kommt es zu
Granatbeschuß, mit vielen Toten und Verletzten. Heute morgen sprach im am
Telefon mit Dr. Ali Mussa. Er ist Direktor des Abu Yousif Al Najjar
Hospitals in Rafah. Er erzählte mir von der 13jährigen Eman al Hums, die
von israelischen Scharfschützen getötet wurde: “Das Kind kam im
Krankenhaus an und war übersät mit insgesamt 20 Schußwunden in
verschiedenen Körperteilen, 5 davon im Kopf”. Palästinensische Augenzeugen
berichten, das Mädchen wurde getötet, als es mit zwei anderen Schulmädchen
auf dem Weg zur Schule war. In ersten Medienberichten behauptete die IDF
noch, das Mädchen habe versucht, eine Bombe zu legen. Später sah man sich
gezwungen einzugestehen, daß dies eine falsche Beschuldigung war.
Die
heutigen Angriffe sind wesentlich verheerender als ‘Operation Regenbogen’
im Mai. Damals starben in Rafah 40 Menschen, und es kam zu einem
internationalen Aufschrei. Heute herrscht vor allem in Amerika Stille.
Diese Stille scheint zu akzeptieren, daß Gaza in ein ‘killing field’
verwandelt wird. Scharon hat den Zeitpunkt wirklich gut gewählt, die
Kinder in Gaza zu dezimieren. Amerika ist mit seinem
Präsidentschaftswahlkampf und seiner Irak-Invasion beschäftigt. Wieviele
müssen noch sterben, ehe die Welt ihre Stimme erhebt?
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