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Arne Hoffmanns Interview mit Shraga Elam

 

Auf mein Buch „Warum Hohmann geht und Friedman bleibt“ erhielt ich schon kurz nach der Veröffentlichung interessierte Anfragen von Aktivisten für Frieden und Menschenrechte im Nahen Osten. Einer davon war der israelische Journalist Shraga Elam, der unter anderem durch sein Werk "Hitlers Fälscher - Wie jüdische, amerikanische und Schweizer Agenten der SS beim Falschgeldwaschen halfen" bekannt geworden ist. Elams Vater war aus Nazi-Deutschland geflohen, wo viele seiner Familienmitglieder umgebracht wurden; 1947 kam Elam in Haifa zur Welt. Heute gehören zu seinen Kernthemen der israelisch-palästinensische Konflikt sowie die historische Forschung zur Rolle von jüdischen Organisationen und der Schweiz während der NS-Zeit. 2004 wurde Elam mit dem renommierten australischen Journalistenpreis Gold Walkley Award für seine Enthüllung über Schweizer Konten australischer Prominenter bei einer Schweizer Bank ausgezeichnet. Ich nutzte die Gelegenheit seiner Kontaktaufnahme für die Bitte um ein Interview. Ursprünglich war das Interview für unser liberales Magazin „eigentümlich frei“ abgesprochen gewesen, leider war dort eine Veröffentlichung später nicht mehr möglich. Jetzt wurde es in der antirassistischen Zeitschrift „Die Brücke“ veröffentlicht.

 

 

Arne Hoffmann: Sharons Unterstützer wie beispielsweise Henryk Broder und Paul Spiegel können sich in den deutschen Massenmedien stark präsentieren, während Vertreter der israelischen Friedensbewegung dort kaum auftauchen und ihre Positionen von Pressure Groups, Journalisten aber auch Politikern aller Parteien als antisemitisch abgewatscht werden. Jeder, der hinzukommt, um diese Positionen zu unterstützen, kann schon absehen, dass die Folge kein Eingehen auf seine Argumente sein wird, sondern nur, dass man ihm selbst das Etikett des Antisemiten anheftet. Wenn sich selbst die "taz" und die "Welt" darin einig sind, bestimmte Aspekte in der Berichterstattung komplett auszublenden, scheint mir eine faire öffentliche Debatte nur schwer zu erreichen. Sehen Sie Wege, wie diese Einseitigkeit geknackt werden kann?


Shraga Elam: Ich befürchte, nicht so schnell. Eine wesentliche Änderung wird erst dann eintreten, wenn Israel an Bedeutung für die  USA verlieren würde. Ich denke, dass diese enge Beziehung der entscheidende Faktor ist. Ich weiß nicht, wie man die Medien sonst dazu bringen kann, nicht so verlogen und heuchlerisch zu berichten. Es braucht leider im Moment offensichtlich viel Mut, um ein Buch zu schreiben, wie Sie es machten. Es ist in der Regel nicht sehr dienlich für die eigene Karriere, sich in dieser Tabuzone zu bewegen. Aber wenn es mehr und mehr Menschen wagen würden und der Druck von "unten" größer wird, dann wird logischerweise der Druck auf die einzelnen mutigen Kritiker kleiner.

Ein großes Problem ist, dass verschiedene Leute wie Walser oder Möllemann sehr stark auf einem Ego-Trip sind oder waren. Walser zum Beispiel wollte mit Jamal Karsli nicht zu tun haben und auch Möllemann ließ ihn sehr schnell fallen. Eine Art Vernetzung und gegenseitige Unterstützung sind enorm wichtig. Eine dritte und ganz wichtige Voraussetzung ist, dass jeder Mensch sich fragen muss: Wo, wann und wie viel spielen die eigenen Vorurteile eine allzu große Rolle? Eine konstante Selbstkritik ist also notwendig. Der Vorwurf von Antisemitismus erfolgt sowieso, und auch ich werde seit Jahren als "Selbsthasser" "jüdischer Antisemit" usw. verleumdet. Wenn man sich aber sicher genug ist und über eine gute Unterstützung verfügt, ist die Sache viel einfacher. Ich glaube, dass meine Unterstützung für Jamal Karsli ihm zwar zuerst mehr Probleme schaffte, denn Westerwelle benutze sie, um gegen Jamal zu agieren. Danach fühlte sich Jamal aber durch unsere fast täglichen Gespräche nicht ganz alleine gelassen, und er ging auch in der Offensive.

Es gibt zwar sehr laute, aggressive und aktive Gruppierungen wie die "Anti-Deutschen", die absolut borniert und religiös argumentieren (sie beeinflussen die „taz“ sehr stark und bedrängen kritische Medienschaffende), es muss aber ein klarer Gegenpol erzeugt werden. Diese bornierten Menschen kann man/frau nicht überzeugen, denn sie wollen keine Gegenargumente oder Beweise hören. Es sollte ein neues Medien-Organ geschaffen werden, wo eine sachliche Diskussion und Berichterstattung möglich sein könnte. Diese muss gar nicht einseitig geführt werden, sondern eher im Gegenteil: kontrovers. Ich glaube, dass es hier eine echte Marktlücke  gibt. Mit einer Möglichkeit wie dem Internet ist die notwendige Investition nicht mehr so groß wie früher, als man/frau direkt mit einem Printprodukt anfangen musste. Ich glaube, dass nicht nur in diesem Bereich die Notwendigkeit für eine mutige und freche Publikation besteht, die nicht unbedingt auf eine Links-rechts-Orientierung zu reduzieren wäre. Eine Publikation, die fundierte und kritische Beiträge beinhalten würde.
Arne Hoffmann: Wie kann man aber als Kritiker der israelischen Regierungspolitik einigermaßen sicher gehen, dass die eigene Stellungnahme nicht von Leuten missbraucht wird, denen der Frieden im Nahen Osten und die Menschenrechte vollkommen egal sind und die einen lediglich ins Spiel bringen, um eigene antisemitische Agitationen vorzubereiten?
Shraga Elam: Dass Rechtsradikale und andere Rassisten meine Argumentation benutzen könnten, stellt zwar eine Gefahr dar, die Unterdrückung der Wahrheit ist aber noch viel, viel gefährlicher. Denn das wachsende Unbehagen wird über kurz oder lang zu einer großen Explosion und einem Backlash führen. Diese Zensur und Tabuisierung verschlimmern nur die Situation. Sie versuchen, eine sachliche und faktische Auseinandersetzung unmöglich zu machen und schaffen damit mehr Platz für Verschwörungstheorien und andere wilde Spekulationen, die eine Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und glatten Lügen sind. Dieser Punkt muss realisiert und bekannt gemacht werden. Das kritische Feld darf nicht den Rechtsradikalen überlassen werden. Ich baue in meinen Texten verschiedene Elemente ein, die den Missbrauch erschweren, und mache immer deutlich, dass ich jegliche Form von Rassismus grundsätzlich ablehne. Ich versuche aber, auch Rechtsradikale anzusprechen, um sie mit ehrlichen Argumenten zu überzeugen. Manchmal gelingt es mir sogar ein bisschen.

Arne Hoffmann: Warum geht Ihrer Einschätzung nach ausgerechnet in den letzten Jahren ein Antisemitismusskandal nach dem anderen durch unsere Medien?

Shraga Elam: Sobald die Medien negativ über die israelische Politik berichten, wird die Antisemitismuskeule geschwungen, um von dieser Kritik abzulenken oder sie zu ersticken. Das war so bei der Libanoninvasion Anfang der achtziger Jahre, bei der ersten Intifada und bei dem zweiten Golfkrieg 1990/91. Seit der zweiten Intifada ab September 2000 wird die internationale Kritik wieder heftiger, worauf die Diskussion aufkommt: Wo liegt die Grenze zwischen berechtigter und antisemitischer Israelkritik? Die Menschen, die Israel in Schutz nehmen, erklären Kritik zwar für legitim, ziehen die Grenzen aber zugleich sehr eng. Sehr schnell ist sie nicht mehr legitim. Das Flugblatt von Jürgen Möllemann zum Beispiel kritisierte ausdrücklich Michel Friedman und Ariel Sharon, stand aber gleichzeitig für das Existenzrecht Israels und eine friedliche Lösung. Trotzdem wurde es in den deutschen Medien zuerst antisemtisch, dann antiisraelisch gennannt. Es gibt aber doch offensichtlich einen Unterschied zwischen Israel- und Sharonkritik. Man muss kein Antizionist sein, um Sharon zu kritisieren. Er wird von Leuten kritisert, die stramme Zionisten sind. Hier liegt eine gewollt verzerrte Optik vor: Die einen wussten, welche Sichtweise sie durchsetzen wollten, und die Journalisten plapperten einfach nach. Im Produktionsdruck haben sich viele offenbar gar nicht die Mühe gemacht, das eigentliche Faltblatt zu lesen. Und die, die es machten, sagten zu mir: Sie haben Recht, Herr Elam, aber das können wir nicht schreiben. Sowohl die Kritiker als auch die Verteidiger von Israel haben ihre Vorurteile. Da gibt es viele Politiker, die hier ein wenig opportunistisch sind. Claudia Roth und Guido Westerwelle stechen nur heraus.

Arne Hoffmann: Jamal Karsli wurde unter anderem deshalb Antisemitismus vorgeworfen, weil er behauptete, die zionistische Lobby habe den größten Teil der Medienmacht in der Welt inne. Wie bewerten Sie diese Äußerung?

Shraga Elam: Karsli wurde ja zuerst wegen dem Vorwurf angegriffen, dass die israelische Armee Nazimethoden anwende, nachdem palästinensischen Gefangenen eine Identifikationsnummer auf den Unterarm oder die Stirn geschrieben worden war. Dabei wurde Karslis Bewertung von seinen Parteikollegen akzeptiert, als er noch Mitglied der Grünen war. Man machte sie erst zum Skandal, sobald er wegen der grünen Nahostpolitik zur FDP wechselte. Hier gab es wohl Schwierigkeiten in Deutschland, weil man nicht darüber berichtete, dass die von Karsli angesprochene Praktik auch innerhalb Israels von prominenten Leuten wie etwa dem ehemaligen Minister und Holocaustüberlebenden Yosef Lapid ähnlich kritisiert wurde. Erst später äußerte sich Karsli in einem Interview über die zionistische Macht. Und hier muss ich differenzieren.

Unter dem Strich ist die prozionistische Haltung in den Medien schon stark präsent. In den USA sind viele Zeitungsmacher und Zeitungsbesitzer jüdisch, wobei es da unterschiedliche Strömungen gibt: Nicht alle Juden sind von vorneherein pro Israel. Es gibt da einige, die sehr kritisch eingestellt sind. Im deutschsprachigen Raum sind nicht viele jüdische Journalisten vorhanden und mit Ausnahme von Haim Saban und Roger Schawinski gibt es auch kaum jüdische Medienbesitzer oder wichtige Entscheidungsträger dort. Nichtsdestotrotz ist der zionistische Einfluss auf die Medien sehr groß. Beim Springer-Verlag etwa müssen alle Journalisten ganz offiziell einen Vertrag unterschreiben, in der Kritik an Israel nicht weit zu gehen. Aber ich sehe das Problem weniger in einer zionistischen Lobby, die ist ja legitim, als vielmehr in rassistischen Vorurteilen von Nicht-Juden. Es brauchen ja nur zehn Leute bei einer Zeitung anzurufen, schon bekommen die Redakteure Angst vor einer vermeintlichen machtvollen Verschwörung. Ich will Friedman und Broder nicht in Schutz nehmen, aber das eigentliche Problem sind die Medien, die sie so wichtig nehmen.

Eine übertrieben judeophile Haltung in den deutschen Medien geht sehr weit: Selbst Zeitungen, die sehr weit im linken Spektrum liegen, setzen Grenzen für die israelische Kritik, die weit über die Grenzen in israelischen Zeitungen hinausgehen. Im Juni 2005 zum Beispiel gab es dort einen fundierten Bericht, dem zufolge der berühmte Schriftsteller und spätere Goethepreisträger Amos Oz in seinem Buch „Siah Lohamim“, einem Bestseller und Kultbuch der Friedensbewegung, Aussagen israelischer Soldaten über Greueltaten im Krieg von 1967/68 zensiert beziehungsweise gefälscht hatte, beispielsweise als diese Soldaten israelische Verbrechen mit denen der Wehrmacht und der Gestapo verglichen. Es gab keine deutsche Zeitung, die Interesse hatte, darüber zu berichten, schon gar nicht im Vorfeld der Goethepreis-Verleihung im August. Weder die FAZ noch die „junge welt“. Ich glaube nicht, dass da ein Redakteur bei Friedman oder Broder angerufen hat, ob man diese Story bringen dürfe. Es war wohl eher die berühmte Schere im Kopf. Dass israelische Soldaten mit Wehrmacht oder Gestapo verglichen werden: Das darf man nicht machen.

Arne Hoffmann: Forscher der Universität Bielefeld haben vor kurzem bei 89 Prozent aller Deutschen antisemitische Züge entdeckt. Ihrer Argumentation zufolge ist es beispielsweise ein Zeichen für Antisemitismus, die aktuelle israelische Politik mit dem Handeln der Nationalsozialisten zu vergleichen, weil das die Opfer zu Tätern stempele.

Shraga Elam: Es kommt darauf an, vor welchen Hintergründen man das macht. Ich denke, ein Vergleich ist eine legitime Praxis für jede historische Forschung. Wenn man das verböte, könnte man jede historische Forschung geradezu vergessen. Und auch das Anzweifeln von Fakten ist immer legitim. Die Frage geht nach den Motiven. Handelt es sich zum Beispiel um einen Versuch der Bewältigung von Schuldgefühlen, die ohnehin keine reale Grundlage haben? Schließlich ist Sippenhaft juristisch nicht haltbar. – Wie dem auch sei: Als NS-Verbrechen werden häufig nur Auschwitz und die systematische Massenvernichtung wahrgenommen. Dabei wird übersehen, dass sich die antijüdische NS-Politik in mehrere Phasen gliederte. Von 1933 bis 1938 ging es darum, die Juden sozusagen „freiwillig“ zu vertreiben: ihnen nahezulegen auszuwandern, mit ihrem Ausschluss aus der Öffentlichkeit, der Beschlagnahme von ihrem Besitz usw. Ich will das nicht verharmlosen, aber damals war die physische Vernichtung von Juden kein konkretes und operatives Thema. Zwischen 1938 und 1941 ging es über zur aktiven Vertreibung und erst ab 1941/1942 begann die systematische Vernichtung. Wenn man jetzt von „Nazimethoden“ spricht, muss man konkretisieren, welche Phase und welche Methoden man meint. Selbstverständlich existieren in Israel keine Gaskammern. „Noch nicht“ kann man vielleicht mit der früheren israelischen Bildungsministerin Shulamith Aloni sagen. Aber wenn man das heutige Israel mit dem Deutschland zwischen 1933 und 1938 vergleicht, kann man bestimmte Ähnlichkeiten erkennen. Es gibt auch Äußerungen von israelischen Politikern, die man genauso hätte im Nazideutschland hören können. Im August 2002 definierte der damalige israelische Generalstabschef die palästinensische Bedrohung als Krebsgeschwür und das israelische Vorgehen als Chemotherapie, was er später mehrmals wiederholte. Dieser Sprachgebrauch hätte auch von Hitler oder Himmler stammen können. Man darf diesen Vergleich also nicht nur ziehen, ich würde sagen: Man muss ihn ziehen. Ich weiß nicht, wie gut die Bielefelder Befragten über die Vorgänge in Israel informiert sind. Die meisten Menschen sind wohl weder Nahost- noch Geschichtsexperten, aber sie haben den Eindruck, da laufen Verbrechen, sehen rein gefühlsmäßig keine Unterschiede und haben damit grundsätzlich Recht. Solche Antworten müssen von Fall zu Fall anhand von zusätzlichen Fragen ausgewertet werden. Erst dann kann man eventuell feststellen, ob hier anti-jüdische Vorurteile hineinspielen.  Diese einseitige Interpretation ist ein zusätzlicher Beweis, dass solche Meinungsumfragen mehr über die Forscher und ihre eigene Vorurteile aussagen als über diejenigen der Befragten

Es gibt ein antideutsches, rassistisches Interpretationsmuster, wonach die NS-Verbrechen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ etwas völlig Einmaliges seien, und das ist nicht so. Diese Verbrechen wurden von Menschen begangen, und gewisse Prozesse können sich überall ereignen. Die deutschen Soldaten waren keine Bewohner eines anderen Planeten. Ich war selbst als Soldat in drei Kriegen und kann sagen, da passieren im Krieg überall ähnliche Sachen. Dass man es nicht mit einem genetischen Erbgut der Deutschen zu tun hat, wie manche Publikationen eigentlich suggerieren, kann durch eine einfache und zuverlässige Umfrage über den Stellenwert von Militarismus demonstriert werden.  Militarismus wird heute weit negativer in Deutschland bewertet als in Israel.

Arne Hoffmann: Ist Ihre Bewertung des israelischen Vorgehens eine Einzelmeinung von Ihnen oder wird sie von anderen geteilt?

Shraga Elam: Sie wird von so einigen Leuten getragen. Der jüdische Autor Hajo Meyer, ein Auschwitzüberlebender, hatte Deutschland in den dreißiger Jahren selbst erlebt. Er war kürzlich in den palästinensischen besetzten Gebieten und musste feststellen, dass die Situation der Palästinenser in manchem schlimmer ist als damals die der Juden im Dritten Reich. Gideon Levi, Journalist der israelischen „Haaretz“, befand, die Situation sei zwar nicht identisch, aber es gebe viel mehr Ähnlichkeiten zwischen der Situation in Nazi-Deutschland und im heutigen Israel, als ihm lieb sei. Wenn es von palästinensischer Seite ein Mega-Attentat mit hunderten von Toten gäbe, müsste man mit massiven israelischen Reaktionen rechnen, die bis hin zu einer blutigen Massenvertreibung gehen könnten. Hinzu kommt die jetzt schon enorm große Zahl der Palästinenser, die bis heute gestorben sind – nicht in militärischen Auseinandersetzungen, sondern etwa durch Mangelernährung oder Probleme mit der medizinischen Versorgung. Geschätzte 20.000 Tote dürften eher die Untergrenze darstellen. Nur wegen seiner Abhängigkeit von den USA kann es sich das heutige Israel nicht so leicht leisten wie damals Nazideutschland, schon kleinste „Provokationen“, also den geringsten Widerstand, als Vorwand für ganz scharfe Maßnahmen zu verwenden.

Arne Hoffmann: Wenn man hierzulande über israelische Täterschaft zu sprechen versucht, erfolgt als Einwand relativ zügig, das vertausche Opfer mit Tätern und sei insofern antisemitisch. Inzwischen hat Henryk Broder die Argumentation gewechselt: (... Das berühmte Opfer, Täter mit mehr Spass stand hier. Es wurde aus rechtlichen Gründen entfern - Der Webmaster 9.11.2007).

Shraga Elam: (lacht) Naja, Broder ist ein Einzel-Schreibtischtäter und ein bisschen ein Spaßvogel. Den darf man nicht so wahnsinnig seriös betrachten. Was dahinter steckt, das ist eine jüdische Haltung, die man in gewissen Kreisen aus Israel hört: Ja, die Welt hat uns lieber als Opfer denn als Täter, aber wir wollen nicht mehr Opfer sein. Selbstverständlich können die Opfer von gestern die Täter von heute werden. Denken Sie an Gewaltopfer in der Familie, an Menschen, die sexuell missbraucht wurden – diese geben die erfahrene Gewalt häufig an ihre Kinder weiter. Die Gewaltopfer haben ihr schlimmes Schicksal dann nicht richtig bewältigt. Ich glaube aber nicht, dass ein Richter solche Täter freispricht, nach dem Motto: Weil sie selbst Gewalt erlebt haben, dürfen sie ihre eigenen Kinder auch missbrauchen. Das geht nicht.

Arne Hoffmann: Viele Journalisten betrachten den Abzug Israels aus Gaza als ein sehr positives Zeichen für einen Wandel seiner Anti-Palästinenser-Politik …

Shraga Elam: Viele gehen sehr stark mit ihren Hoffnungen statt mit kühlen Analysen an die Sache heran. Warum hat Sharon diesen Schritt getan? Er war in einer sehr bedrängten Lage wegen Korruptionsvorwürfen gegen ihn und seine Familie, die durch alle israelischen Medien gingen. Die Untersuchungen laufen noch. Sharon musste diese Sache neutralisieren. Er kommt damit Forderungen aus der Arbeiterpartei nach mit dem Wunsch, man möge ihn dafür wegen dieser Korruptionssache in Ruhe lassen. Diese Rechnung ist größtenteils aufgegangen. Dies obwohl die Opposition zum Rückzug aus dem rechtsradikalen Lager sehr groß war. Es gab Prognosen, die ich auch teilte,  dass Israel dadurch an den Rand eines Bürgerkrieges geraten können hätte. Erstaunlicherwise lief der Abzug relativ problemlos ab, die rechtsradikale Opposition wurde immer schwächer. Man rätselt immer noch warum. Sharon hat offensichtlich eine klare Absprache mit der rechtsradikalen Siedlerbewegung gebrochen, dass es keine weiteren wesentlichen Konzessionen geben würde. Bei der Westbank, wo sich größere Siedlungen befinden, würde dasselbe nicht funktionieren. Was sich in Gaza abspielt, ist auch für die Palästinenser kein gangbarer Weg: Das Ghetto ist ein bisschen größer geworden, aber die Belagerung ging nicht zurück und der Druck auf die palästinensische Gesellschaft wurde sogar noch größer. Die Situation ist sehr labil. Die israelische Armee wartet nur auf palästinensische Aktionen, um wieder in Gaza einzufallen. Die Verbände stehen bereits. Das einzige, was das momentan verhindert, ist Druck aus den USA. Aber das Ganze könnte man mit einem dieser Tänze vergleichen, wo man einen Schritt zurück tut, um dann drei vorwärts zu machen.

Arne Hoffmann: Sie haben ja die heftigen Anfeindungen gegen Sie erwähnt. Ich kenne das selbst auch – wegen meines Buches wurde ich zuletzt in einer Internet-Diskussion von Leuten, die es alle nicht gelesen hatten, als Rechtsradikaler und Neonazi beschimpft. Als ein Diskussionsteilnehmer einwandte, vielleicht sollte man doch wenigstens mal einen Blick in dieses Werk werfen, über das man sich so ereifere, wurde ihm vorgeworfen, wenn er so etwas läse, sei er offenbar genauso ein Faschist wie ich. Wie ist hierzulande ein Diskussionsklima entstanden, in dem es schon tabu ist, die Stichhaltigkeit gewagter Vorurteile zu überprüfen?

Shraga Elam: Es gibt sehr viel Propaganda in Deutschland. Diese ganze Holocaustkultur kommt bei vielen Leuten sehr gut an. Einige machen das aus opportunistischen Gründen mit, andere glauben das einfach. 1994 lief im Kino „Schindlers Liste“. Der Film hatte mit der Buchvorlage wenig zu tun und wurde in Israel mehrheitlich als Verkitschung gesehen. Kein deutscher Journalist hätte ein solches Urteil gewagt. Die Leute, die diesen Film damals als Jugendliche gesehen haben, sind heute erwachsen. Auch die Werke von Goldhagen und anderen hatten ihre Wirkung. Rassistische Voruteile gegen die Deutschen werden verinnerlicht, und da gibt es eine reiche Kultur. Bei Antideutschen kommt es manchmal zu abstrusen Schlussfolgerungen. Da argumentieren linke Deutsche, warum sie Sharon als Linke und Sozialisten unterstützen. Sie wissen, dass Sharon nicht links ist, aber „unbewusst“ sei er doch ein Spielzeug der kommunistischen Revolution. Viele Menschen werden durch die Medien und durch die Schule geprägt, andere schwimmen einfach mit dem Strom. Wenn Sie in diesem System Karriere machen möchten, wird Ihnen Ihr Buch zurzeit nicht wahnsinnig helfen.

Arne Hoffmann: Wie, glauben Sie, wird sich diese Debatte in den nächsten Jahren entwickeln? Sie scheinen zu befürchten, dass die Art, wie hierzulande über Antisemitismus gesprochen wird, den Juden langfristig eher schaden wird?

Shraga Elam: Auch kurzfristig. Mehr Juden müssen realisieren, dass Israel für sie eine große Bedrohung darstellt und keinen richtigen Schutz bietet. Sie beschäftigen sich ja auch in Ihrem Buch mit der Frage, wie verbreitet heute Judenhass ist, ob er wächst oder stagniert. Meiner Ansicht nach nehmen antijüdische Erscheinungen und Gefühle zu – primär als Reaktion auf die israelische Politik und die Arroganz von verschiedenen jüdischen Exponenten wie Michel Friedman. Nun ist der Einfluss einzelner jüdischer Organisationen vor allem nach dem Sieg Israels im Krieg von 1967 gewachsen, nachdem Israel ein wichtiger Machtfaktor für die USA geworden ist. Nicht zufälligerweise hat sich danach auch die ganze Holocaustkultur viel stärker ausgeprägt. Aber solche Bündnisse sind immer befristet. Heute können jüdische Organisationen die US-Politik noch stark beeinflussen, aber es könnte bald zu einer Wende kommen. Ich sehe zwei mögliche Szenarien. Das eine: Die Schlappe im Irak wird für die Bush-Administration so unerträglich, dass diese behaupten könnte, die Juden oder Israel seien Schuld daran, dass es diesen Krieg überhaupt gegeben hat. Das andere Szenario wäre, dass sich die Situation in Israel wirklich zu einer bürgerkriegsähnlichen Lage zuspitzt. Die Gewaltbereitschaft innerhalb der israelischen Gesellschaft ist enorm groß: Auch auf der privaten Ebene, in der Familie und auf der Straße wird häufig große Gewalt angewendet. Es könnte zu einem großen Gewaltausbruch kommen. Wenn das stattfindet, egal vor welchem Hintergrund, wäre Israel für die USA als Partner nicht mehr so interessant. Das wiederum dürfte einen enormen Rattenschwanz nach sich ziehen. Plötzlich wäre aus dem Ballon der jüdischen Lobby – und mehr als ein Ballon ist es nicht – die Luft draußen. Die ganze Welt macht jetzt einen Kniefall, die UNO will einen Holocausttag einführen, aber das beruht nicht auf einer festen Einsicht, dass die Judenvernichtung in der Tat das schlimmste Verbrechen aller Zeiten war. Vielmehr ist es ganz klar politisches Kalkül, hier bestimmte Konzessionen zu machen. Wenn das politische Klima sich plötzlich ändern würde, wäre auch die internationale Haltung ganz anders. Wenn das passieren würde, könnten die vorhandenen unterdrückten Aggressionen vieler Menschen gegen Juden zum Ausdruck kommen. Leute wie Spiegel und Friedman realisieren das nicht so richtig. Man kann hier von der Arroganz der Macht sprechen. Dass diese Macht auf wackligen Füßen steht und sich ihre Arroganz gegen sie selbst auswirken könnte, halten diese Leute offenbar kaum für denkbar.

Arne Hoffmann: Was würden Sie einem Deutschen empfehlen, der die israelische Friedensbewegung unterstützen und dazu beitragen möchte, Menschenrechtsverletzungen im Nahen Osten zu verhindern?

Shraga Elam: Es gibt hier kein einfaches Patentrezept, das ist klar. Jeder muss für sich entscheiden, wieviel Energie er in diese Sache investieren will. Man kann sagen: In Deutschland gibt es mit Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Rassismus genug Probleme. Andererseits ist die Unterstützung des deutschen Staates für israelische Verbrechen groß. Israel hatte meines Erachtens nie ein Recht, im Namen der Nazi-Opfer zu sprechen, und falls doch, hätte es dieses Recht mittlerweile verspielt. Doch Deutschland gehört heute zu den engsten Verbündeten von Israel. Die finanzielle Unterstützung Deutschlands hat praktisch sämtliche israelischen Aggressionen begünstigt, da sind sich sehr viele israelische Historiker einig. In den sechziger Jahren stand Israel am Rande des ökonomischen Zusammenbruchs, und erst durch die Wiedergutmachungszahlungen konnte es sich Waffen und Systeme kaufen, die die Aggressionen bis heute ermöglicht haben. Ich will keiner neuen Kollektivschuldthese das Wort reden, aber es muss zur Kenntnis genommen werden, dass Deutschland Mitverantwortung für die Verbrechen an den Palästinensern trägt. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich kenne viele Leute, die sich engagieren, die übers Internet Informationen verteilen, Protestaktionen und Demonstrationen in Zusammenarbeit mit israelischen oder palästinensischen Gruppen veranstalten oder einfach gegen Medienberichte protestieren, die ihnen nicht gefallen. Bei einer entsprechend großen Anzahl zeigt das durchaus Wirkung.

Arne Hoffmann: Wo kann man sich zum Thema weiterinformieren?

Shraga Elam: (lacht) Man sagt ja, Wissen sei Macht. Ich habe den Eindruck, Wissen ist nur bei den Mächtigen Macht. Bei den Machtlosen bedeutet Wissen eher Ohnmacht. Aber ich stelle Ihnen gerne ein paar Links zusammen:

www.arendt-art.de/deutsch/palestina/index.html

www.zmag.de/index.php

www.freunde-palaestinas.de

www.steinbergrecherche.com

www.haaretz.com  (englisch)

 

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