Aus: "Operation Sunrise". Atti del convegno
internazionale (Locarno, 2 maggio 2005), a cura di
Marino Viganò - Dominic M. Pedrazzini (Lugano 2006)
Helden braucht das Land
Waibels Sonnenfinsternis
Von Shraga Elam*
Mit Geheimdienstoffizier Max
Waibel hat die Schweiz einen neuen Helden
gefunden, der das Ende des zweiten Weltkriegs beschleunigt haben soll.
Tatsächlich spielte Weibel eine zwiespältige Rolle in problematischen
Verhandlungen zwischen der SS und den Westalliierten und schützte nach
dem Krieg NS-Kriegsverbrecher.
Am 2. Mai 1945, sechs Tage vor Kriegsende in Europa,
kapitulierten die Deutschen in Norditalien. Bewirkt hatte die
frühzeitige Waffenniederlegung die so genannte «Operation Sunrise».
Unter diesem Namen führten US-Geheimdienstler hierzulande
Friedensverhandlungen mit SS-Offizieren. Von grosser Bedeutung waren
dabei der Schweizer Nachrichtenoffizier Max Waibel samt
Mitarbeitern und ein Informant namens Max Husmann. Sie stellten nicht
nur eine Villa im Tessin zur Verfügung und ermöglichten die komplizierte
Ein- und Ausreise der Nazis. Sie traten auch immer in Erscheinung, wenn
die Verhandlungen ins Stocken gerieten. Nach dem Krieg entstand das
Bild, Waibel hätte, im Alleingang und ohne die Zustimmung seiner
Vorgesetzten, «Sunrise», zu Erfolg geführt. Endgültig zum Helden wurde
Waibel, weil der Bundesrat ihn rügte und viele Jahre lang das Erscheinen
seines «Sunrise»-Buches verbot. Waibel soll aber nicht nur das Bedürfnis
nach Helden befriedigen, sondern auch als eine Art Entgegnung auf die
Vorwürfe dienen, wonach die Schweiz den Krieg verlängert habe.
Freilich gibt es da noch einige Details, welche die
Freude am hochgejubelten neuen Helden verderben könnten. Namhafte
Forscher wie Militärhistoriker Hans-Rudolf Fuhrer beurteilen die
Kriegsverkürzung nämlich als unbedeutend. Umso schwerer wiegen der
geleistete Schutz für NS-Kriegsverbrecher und die
nachrichtendienstlichen Fehlleistungen. Und was Waibels Friedensstiftung
betrifft, so kann man darin auch die ersten Schüsse im Kalten Krieg
erkennen.
«Mutig und beharrlich, nicht Befehlen, sondern dem
eigenen Gewissen gehorchend, entzündete er das Friedensfanal, das den
Krieg in Europa verkürzte», heisst es auf der Gedenktafel für Waibel,
die am 6. Mai 2005 beim Armee-Ausbildungszentrum Luzern enthüllt wurde.
Einige Tage zuvor wurde in Losone/TI der inzwischen verstorbene Waibel
offiziell gefeiert und rehabilitiert. Unter Beteiligung internationaler
Prominenz würdigte der damalige Bundespräsident Samuel Schmid die
«Operation Sunrise» und den Geheimdienstler.
Max Waibel wurde am 2. Mai 1901 in Basel geboren und
promovierte 1923 zum Doktor der politischen Wissenschaften. Ab 1927
fungierte er als Instruktionsoffizier auf dem Waffenplatz Luzern. 1935
in den Generalstab versetzt, wurde er 1938 an die Kriegsakademie Berlin
abkommandiert. Bei Kriegsausbruch 1939 kehrte er in die Schweiz zurück
und leitete während des Aktivdienstes die Nachrichtensammelstelle
Rigi/Luzern. 1940 gehörte Waibel zu den Anführern des «Offiziersbundes»,
welcher den Kampf gegen eventuell einmarschierende deutsche Truppen auf
eigene Faust aufnehmen wollte, falls der Bundesrat die Kapitulation
beschliessen würde. Zusammen mit zwei anderen Offizieren wurde Waibel
verhaftet, jedoch bald wieder entlassen und Ende 1940 sogar zum Major
befördert. Sein grösster Ruhm erlangte Waibel aber durch seine besonders
delikate Rolle bei den «Sunrise»-Verhandlungen ab Februar 1945. Und über
die Jahre mutierte Waibel gewissermassen zum „Mr. Sunrise“.
Anlässlich seiner festlichen Ansprache in Losone am
1. Mai 2005 hielt der damalige Bundespräsident Samuel Schmid fest:
«Zwischen dem 2. und dem 8. Mai 1945 [Kriegsende in Europa]
liegt ein Unterschied von sechs Tagen. Sechs Tage weniger
Blutvergiessen. Sechs Tage weniger Zerstörungen. Sechs Tage weniger
menschliches Leid. Daran dürfen wir auch nach sechzig Jahren noch mit
Fug und Recht erinnern.»
Der Historiker Edgar Bonjour war seinerzeit sogar
noch weiter gegangen: «Sunrise» habe den Krieg um ganze sechs bis acht
Wochen verkürzt. Und nicht nur das. Dank Waibels Vermittlerkünsten
sollen die Deutschen in Oberitalien auf die Taktik der «verbrannten
Erde» verzichtet haben. Mit andern Worten: Unzählige Städte, Dörfer,
Strassen, Brücken und Kulturgüter wurden von der Zerstörung bewahrt,
unzählige Gefangene vor der Erschiessung gerettet, schrieb Bonjour.
Die italienische Historikerin Elena Aga Rossi
postuliert, dass das Kapitulationsabkommen nicht nur die Zerschlagung
der norditalienischen Schwerindustrie verhinderte, sondern auch den
Rückzug deutscher Truppen in die sogenannte «Alpenfestung». Dort, im
österreichisch-bayerischen Alpenmassiv, hätten Elitetruppen bis zum
letzten Blutstropfen Widerstand leisten sollen. Aber auch die Schweiz
hätte von «Sunrise» profitiert: Es sicherte ihr den wichtigen Zugang zum
Genueser Hafen und ersparte ihr eine Flüchtlingswelle.
Studien, die dieses positive Bild in Frage stellen,
werden von der Öffentlichkeit dagegen kaum wahrgenommen. So argumentiert
etwa der Schweizer Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer aufgrund
deutscher Akten, dass die Wehrmacht in Norditalien ohnehin kurz vor dem
Zusammenbruch gestanden habe. Ihre Versorgungslage sei katastrophal
gewesen, die Flugzeuge der Alliierten hätten uneingeschränkt den
Luftraum kontrolliert, die Kampfeinheiten seien sehr schlecht besetzt
gewesen und der immer stärker werdende Partisanenkrieg habe zusätzlich
die Nachschubtransporte und den Meldefahrerverkehr erschwert.
Militärhistoriker Fuhrer sieht in der «verbrannte
Erde»-Drohung, welche die Geheim-Verhandlungen ausgelöst haben soll, ein
reines Phantom:
«Der eindeutige Nachweis eines klaren Befehls zur
systematischen Zerstörung Norditaliens in den Jahren 1944/45 liegt bis
heute nicht vor. Weder im zentralen deutschen
Bundesarchiv-Milittärarchiv in Freiburg in Breisgau noch in den
amerikanischen National Archives in Maryland finden sich substantielle
Hinweise für eine derartige Planung.»
Die italienische Historikerin Elena Aga Rossi vertrat
am gleichen Kolloquium eine andere Einschätzung. «Sie gehe davon aus»,
berichtete Radio DRS, «dass die Wehrmacht eben doch eine Politik der
verbrannten Erde verfolgt habe - auch in Italien, entgegnete sie Fuhrer.
In Mittel- und Süditalien habe die Wehrmacht auf ihrem Rückzug Häuser,
aber vor allem Industrieanlagen, Häfen und Eisenbahnanlagen zerstört.
(…) Es habe ein Plan zur Zerstörung Norditaliens bestanden - nur schon
der Hafen von Genua beispielsweise sei vermint gewesen, sagt Aga Rossi.»
Max Waibel sah die Lage, selbst ein Jahr nach
Kriegsende, ganz anders als Fuhrer. Seine Beschreibung der
«Sunrise»-Ausgangssituation liest sich wie ein Eigenlob: «Erst wenn
man sich die allgemeine Lage an den Kampffronten und insbesondere die
Situation der Heeresgruppe C [Wehrmacht in Italien] wieder
vergegenwärtigt, wird klar, wie gewagt und scheinbar aussichtslos es
sein musste, ausgerechnet diese Heeresgruppe zur bedingungslosen
Kapitulation veranlassen zu wollen. Unter allen deutschen Heeresgruppen
stand die in Italien noch am festesten.»
Zweifellos entpuppte sich das deutsche «Alpen-Réduit»
als leere Drohung. Nach dem Krieg wunderte sich ein
SS-Nachrichtenoffizier, «dass die Alpenfestung von den Alliierten
masslos überschätzt wurde.»
Selbst die US-Armee gab 1981 zu, dass das «Réduit» erwiesenermassen das
Produkt deutscher Täuschung und fehlerhafter Nachrichtendienstarbeit
sei.
«Although it eventually proved to be a product of
German delusion and faulty American intelligence, the so-called German
National Redoubt nonetheless influenced Allied strategy in 1945.»
Das heisst im Klartext: Sowohl Schweizer wie
US-Geheimdienste schätzten die Stärke und Strategie der Deutschen falsch
ein. Diese waren am Ende und blufften nur. In Tat und Wahrheit hatten
sie kaum mehr etwas anzubieten; den verhandelnden Nazis ging es vor
allem um ihr eigenes Überleben. Denn der Preis für die deutsche
Kapitulation war sehr hoch: ein Straferlass für Kriegsverbrecher.
Einen zentralen Aspekt des Waibel-Mythos entkräftete
ausgerechnet der heutige persönliche Berater Samuel Schmids, Stefan
Costa. Dieser räumte schon 1998 in seiner Liz-Arbeit mit der Legende vom
Alleingang Waibels gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten auf.
Gemäss Costa zeigen die Bundesarchiv-Akten, dass
Nachrichtendienst-Chef Brigadier Roger Masson in groben Zügen sehr wohl
über die Rolle seines Untergebenen bei «Sunrise» informiert war und
diese auch billigte. Das Gleiche gilt für den Armeechef General Henri
Guisan. Costa schreibt: «Roger Masson wandte sich - als ihn Max
Waibel über die Bedeutung der sich anbahnenden Aktion [«Sunrise»]
informierte - insgesamt fünf Mal persönlich an General Henri Guisan.»
Das war ungewöhnlich. «Normalerweise wurde
die schweizerische Armeespitze durch den Nachrichtendienst mittels
periodisch erscheinender "Bulletins de
renseignements" über die allgemeine Lage sowie die spezielle
Nachrichtensituation ins Bild gesetzt. In diesem Fall jedoch glaubte
Masson Guisan und den Generalstabschef (GSC) Korpskommandant Jakob Huber
direkt über den Vorstoss... orientieren zu
müssen.»
Als Waibel nach dem Krieg unter Beschuss geriet, weil
er seine Vermittlerrolle bekannt gemacht hatte, konnte er nicht nur auf
Massons Rückendeckung zählen. Auch die graue Eminenz des
Aussenministeriums, Walter Stucki, der «Sunrise» schon während des
Krieges unterstützte, schaltete sich öffentlich zugunsten Waibels ein.
Er schrieb: «Denken wir an die
humanitären Aufgaben, die Wahrung fremder
Interessen, an die von den Mächten
anerkannte Vermittlertätigkeit, wie sie etwa in Vichy oder in der
Beschleunigung der deutschen Kapitulation in Oberitalien durch
schweizerische Hilfe zum Ausdruck gekommen war. Deutlicher denn je
muss die Welt wissen, dass diese Dienste an
jenen, die in den Krieg gestürzt wurden, nur dank unserer neutralen
Stellung möglich gewesen sind. Daraus erkennt aber die Welt ebenso
deutlich, dass Neutralität für uns nicht bequemes Abseitsstehen
bedeutete.»
Was häufig vergessen wird: «Sunrise» war keine
Einzelaktion, die von 'Friedensaktivsten' in die Welt gesetzt wurde.
Hinweise zeigen, dass Himmler schon ab 1941
anfing, Fühler in die Richtung der Alliierten auszustrecken.
Dies, weil Militäreinschätzungen dem Russlandfeldzug keine Erfolgschance
beimassen, jedoch Hitler von diesem Vorhaben nicht abzubringen war. Die
Prognosen der Strategen bewahrheiteten sich schnell. Schon einige Monate
nach Beginn der deutschen Russlandinvasion sollen auf Himmlers
Schreibtisch Berichte gelegen haben, dass ein grosser Teil der deutschen
Armee an der Ostfront nicht mehr existiere. Spätestens am 31. Juli 1941
erfuhr Himmler, «Dass von 18 an der Ostfront eingesetzten
Panzerdivisionen gut 40% als endgültig vernichtet betrachtet werden
können. Die Menschenverluste seien horrend.»
Folglich versuchte die SS-Führung, wie auch ein Teil
der NS-Elite, zu retten, was zu retten war. Vergeblich. Die Alliierten
lehnten ihre Friedensinitiativen immer wieder ab. Nur eine
bedingungslose Kapitulation kam in Frage, lautete die Antwort. Abgesehen
davon misstrauten die Westmächte dem Separatfriedensangebot. Laut ihrer
«Keiltheorie» wollten die Nazis damit lediglich die Alliierten spalten.
Denn ein NS-Vorschlag war, den Krieg zu stoppen und die gemeinsame
antikommunistische Sache aufzunehmen.
Um den Widerstand der Alliierten gegen das Angebot zu
überwinden, versuchte Himmler, Juden als Druckmittel zu benutzen. Zwei
grosse Erpressungsversuche, in denen seine Botschaft (auch über die
Schweiz) übermittelt wurde, sind bekannt: der Europa Plan von 1942/43
und jener in Ungarn von 1944/45. Er wäre bereit, Millionen von Juden
frei zu lassen, wenn die Westmächte mit ihm verhandeln und eine
entsprechende Zahlung erfolgen würde, lauteten seine Forderungen,
ansonsten würden diese Juden vernichtet. Wie andere Rassisten glaubte
auch Himmler, dass «die Juden» die Welt beherrschen, und entsprechend
sollte das imaginäre Weltjudentum im Stande sein, z.B. Roosevelt zu
beeinflussen, auf den grausamen Deal einzugehen. Die Erpressung des
SS-Chefs funktionierte aber nicht, u.a. auch weil die jüdischen Lobbys
damals nicht so einflussreich waren, wie er glaubte. Und dass einige
Millionen Juden ermordet würden, war auch den Machthabenden der
Alliierten ziemlich egal.
Ab 1944 wurden die SS-Bemühungen, einen Sonderfrieden
zu schliessen, intensiviert. Es gab mehrere Schienen verschiedener
SS-Fraktionen, die sich gegenseitig bekämpften und konkurrierten. Denn
ihnen ging es vor allem um das eigene Überleben, die Sicherung ihrer
Existenz nach der sich anbahnenden Niederlage und eine eventuelle
Machtposition in der Nachkriegsneuordnung. Eine zentrale Figur bei
diesen Bestrebungen war Walter Schellenberg, der Chef des Geheimdienstes
SD, der über mehrere Kanäle die Alliierten zu erreichen versuchte. Aber
auch ihm ging es vor allem um eigene Interessen, denn 1944 blockierte er
die Initiative von Wilhelm Harster, dem SD-Chef in Italien, der einen
italienischen Industriellen namens Franco Marinotti in Oktober 1944 als
Geheimvermittler in die Schweiz sandte, um mit britischen Vertretern
über einen separaten Frieden zu diskutieren.
Kurz darauf sandte die SS aus Italien einen anderen Friedensboten,
nämlich den Priester Don Giuseppe Bicchierai, der mit Dulles Kontakt
aufnahm. Bicchierai überreicht Dulles ein schriftliches Projekt von
Kardinal Schuster aus Mailand.
Wie englische Dokumente zeigen, stand Bicchierai in enger Verbindung mit
dem SS-Standartenführer Walther Rauff aus Mailand.
Nach dem Krieg half dieser Priester mehreren Nazi-Verbrechern, darunter
auch Rauff, aus Europa zu fliehen.
Im November 1944 wurde die Idee, erneut einen
italienischen Mittelsmann in der Schweiz einzusetzen, wieder belebt. In
einem Meeting von SS-Geheimdienstoffizieren schlug Obersturmführer Guido
Zimmer vor, seinen Freund, den italienischen SS-Vertrauensmann und
Industriellen Baron Luigi Parrilli in die Schweiz zu schicken. Dieser
sollte Kontakt mit dem US-Geheimdienstler Allen Dulles herstellen.
Parrilli wurde ausführlich von Zimmer instruiert. Der
italienische Baron hätte zu erwähnen, dass Zimmer «ohne Wissen seiner
Dienststellen einigen Kreisen von einflussreichen Personen angehoere,
die eine bestimmte politische Richtung verfolgen, die fuer die
Englaender dann Bedeutung haben falls der Entschluss, Deutschland um
jeden Preis zu vernichten und Russland das Feld zu ueberlassen, nicht
schon entschieden sei.»
Dulles war ab 1943 Chef des US-Nachrichtendienstes
OSS für die Schweiz in der wichtigen Spionage-Schaltstelle Bern. Nach
dem Krieg wurde er CIA-Chef. Die Wahl von Dulles war nicht zufällig,
denn er galt als deutschfreundlich, weil er vor dem Zweiten Weltkrieg
als Wirtschaftsanwalt, zusammen mit seinem Bruder John Forster, ein
wichtiges Bindeglied zwischen dem amerikanischen Big Business und dem
deutschen Grossunternehmertum war. Kein Wunder, bemühten sich etliche
Deutsche, unter ihnen auch Delegierte von Himmler, Kontakte zu ihm zu
knüpfen, um die Sonderfrieden-Perspektiven zu entwickeln.
Es dauerte lange, bis Berlin die Parilli-Mission in
der Schweiz bewilligte. Mitte Februar 1945 konnte auch die Unterstützung
von SS-General Karl Wolff gewonnen werden. Wolff bekleidete damals das
Amt des höchsten SS- und Polizeiführers in Italien und war der dritte
Mann in der SS-Hierarchie. Ihm unterstanden alle SS-, Polizei- und
Sicherungstruppen sowie das Wirtschaftsdezernat in Italien.
Der italienische Emissär fuhr am 21. Februar 1945 in
die Schweiz. Ein deutscher Diplomat behauptete, Parrilli sei ein
Nazi-Agent und habe «für eine Reise für ein paar Tage vom Comer See
nach der Schweiz und zurück 6.000 sfrs verlangt und erhalten, dies zu
wiederholten Malen.»
Der Baron traf in Zürich seinen langjährigen Freund Dr. Max Husmann und
unterbreitete ihm das Angebot der SS: einen Separatfrieden um die
Zerstörung von Norditalien zu verhindern.
Husmann, Inhaber des Zugerberger Knabeninstituts
Montana, war eine undurchsichtige Figur. Der zum Katholizismus
konvertierte Jude wurde von der militärischen Spionageabwehr (Spab)
verdächtigt, für den SS-Geheimdienst zu arbeiten und eine «stark
deutsche und faschistische Einstellung» zu pflegen: «Die
stark deutsche und faschistische Einstellung des Dr. Husmann wird darin
erblickt, dass er englische und holländische Lehrer entliess und
italienische und speziell den deutschen Lehrer bevorzugt, der
Rassenlehre und Mathematikunterricht erteile, obschon er zunächst nur
als Hauslehrer für den deutschen Schüler Assag herkam und auch nur für
diese Tätigkeit Aufenthaltbewilligung erhielt.»
Der Verdacht im Dienst der SS zu stehen wurde nach dem Krieg durch den
ehemaligen deutschen Botschafter in Italien, Rudolf Rahn, bestätigt.
Der Schweizer Geheimdienstler Max Waibel hingegen
bezeichnete Husmann als Freund, mit dem er seit Frühjahr 1940 «in
regem Gedankenaustausch über alle wichtigen Probleme, welche der Krieg
stellte»
sei. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass Husmann ein Doppelagent
war.
Nach dem Erhalt von Parrillis Botschaft kontaktierte
Husmann Waibel. Der Geheimdienstler brach seine Winterferien in St.
Moritz ab und fuhr sofort nach Zürich, um Parrilli zu sehen. Am 25.
Februar traf Waibel Allen Dulles in Luzern, und die «Operation Sunrise»
wurde lanciert. Nach einigen Vorbereitungsrunden kam General Wolff am 8.
März nach Zürich, wo er sich mit Dulles traf. Dieser war vom SS-General
positiv beeindruckt.
Laut Dulles sagte Wolff, er könne den Befehlshaber
des deutschen Militärs in Italien, Albert Kesselring, zum Mitmachen
bewegen. Kesselring könnte dann zusammen mit Wolff die Situation in
Norditalien und Westösterreich kontrollieren. Dadurch würden Hitler und
Himmler nicht imstande sein, Gegenmassnahmen zu ergreifen. Wolff war
auch der Meinung, dass die Kapitulation in Italien auf andere Generäle,
die alle auf einen ersten Schritt warteten, ansteckend wirken könnte.
Gemäss Dulles forderte Wolff keine Gegenleistung, was seine persönliche
Sicherheit oder «privilegierte Behandlung aus
'kriegsverbrecherischer' Betrachtung»
anbelangte.
Die letzte Aussage ist allerdings nicht glaubwürdig,
denn einige Tage vor diesem Treffen, bei den Vorgesprächen, gab Dulles'
Mitarbeiter Paul Blum den SS-Leuten zu verstehen, dass die an den
Verhandlungen beteiligten Deutschen nach dem Krieg geschützt würden. «Jeder,
der hilft, den Krieg zu verkürzen, gibt uns damit den Beweis seines
guten Willens...»
Dieses Versprechen - wie weiter unten zu sehen sein wird - wurde
nach dem Krieg eingelöst und schwere NS-Kriegsverbrecher wie Karl Wolff
und Guido Zimmer wurden gedeckt.
Um seinen Goodwill zu beweisen, war Wolff bereit, die
Kriegsführung gegen die Partisanen einzustellen und 150 Juden, die im
KZ-Bozen interniert waren, sowie andere Gefangene freizulassen. Er
behauptete, gemäss Dulles, «dass er jegliche in diesem Zusammenhang
angebotenen Lösegelder zurückgewiesen habe. Solche Gelder wurden
wahrscheinlich schon von den Mittelsmännern geschluckt.»
Akten in der Schweiz und Israel zeigen, dass Wolff
schon im Januar 1945 in Verhandlungen zur Freilassung von 150 Juden
verwickelt war.
In einer Meldung an einen jüdischen Aktivisten teilte der Vermittler,
der IKRK-Delegierte Hans Bon, der sich mit Wolff getroffen hatte, mit,
dass finanzielle Forderungen gestellt wurden.
Es ist nicht wahrscheinlich, dass Wolff, der eine zentrale Rolle bei
dieser Angelegenheit spielte, zwar über Zahlungen von Lösegeldern
informiert war, jedoch selber nichts damit zu tun gehabt hätte. Wolffs
Erwähnung der möglichen Befreiung von jüdischen Häftlingen erinnert
stark an die schon erwähnten SS-Versuche, mit Juden Menschenhandel zu
betreiben und sie gleichzeitig als Druckmittel bei zähen Verhandlungen
zu benutzen.
Der jüdische Nazi-Agent Valerio Benuzzi, der im
Auftrag Wolffs und dessen Untergebenen, Standartenführer Walther Rauff
(Guido Zimmers Vorgesetzten), in dieser Sache tätig war, verschwand am
28. Februar 1945 spurlos aus dem Hotel Bellevue in Bern, ohne seine
Ausweispapiere mitgenommen zu haben. Benuzzi hatte zuvor das IKRK in
Genf besucht und die Erpressungsbotschaft auch an den Schweizer
Vertreter der jüdischen US-Hilfsorganisation AJDC, Saly Mayer,
übermittelt.
Wie neu entdeckte britische Akten zeigen, wurde
Benuzzi mit zwei anderen Italienern vom britischen Geheimdienst auf
Schweizer Boden entführt und über Frankreich nach Italien verschleppt.
Die drei standen unter Verdacht, Spionage in der Schweiz zu betreiben
und italienische Widerstandsorganisationen infiltriert zu haben.
Am 26. April wurde mitgeteilt, dass nach den
Verhandlungen zwischen dem IKRK-Generalsekretär, Hans Bachmann, und dem
zweiten Mann in der SS-Hierarchie, Ernst Kaltenbrunner, dieser den
Befehl gab, die Juden im KZ Bozen freizulassen.
Was genau hinter den deutschen Kulissen ablief, ist
nicht bekannt. Einerseits behauptete Wolff, er habe die Verhandlungen
mit Dulles im Alleingang und gegen den Widerstand von Kaltenbrunner und
Himmler geführt, anderseits lag das KZ Bozen eindeutig im
Einflussbereich Wolffs. Denn gemäss einem mit der Freilassung
beauftragten jüdischen Nazi-Agenten hätte der KZ-Kommandant ohne
Bewilligung Wolffs die Häftlinge nicht freisetzen können.
Die Sachlage war noch verwickelter, da Kaltenbrunner,
parallel zu Wolffs Schiene, versuchte, andere Kanäle zu Dulles zu
eröffnen. Es war das Verhandlungsangebot seines vertrauten
Nachrichtenoffiziers, des ebenfalls aus Österreich stammenden Wilhelm
Höttl, das am 25. Februar Dulles erreichte. Drei Tage später reiste
Höttl in die Schweiz ein, und zwar mit der Hilfe von Waibels engstem
Mitarbeiter, Hauptmann Konrad Lienert, der gleichzeitig als St. Galler
Kantonspolizei-Chef amtierte.
Höttl war über Wollfs Verhandlungen gut informiert,
und schon deshalb ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sein Chef
Kaltenbrunner und
auch Himmler nicht im Bild waren. In seinen Memoiren schrieb Höttl:
«[Botschafter Rudolf] Rahn erzählte mir auch ganz
offen von seinem Plan und dass die Verbindung bereits hergestellt sei,
und zwar durch einen alten VM [Vertrauensmann] von uns, den .... Baron
Luigi Parilli...[32]«
Als Höttls Trumpfkarte bei den Gesprächen mit Dulles
erwies sich die Drohung mit einer imaginären «Alpenfestung». Dulles
glaubte an diese Gefahr, nicht zuletzt, weil er darüber viele
überzeugende Berichte des ansonsten zuverlässigen Schweizer
Geheindienstlers Hans Hausamann erhalten hatte. Der OSS-Mann wollte eine
solche Gefahr unbedingt neutralisieren. Dass er sich dabei verschätzte,
brachte ihm nach dem Krieg viel Kritik ein. Denn sein Irrtum prägte
nicht nur die «Sunrise»-Verhandlungen. Er beeinflusste auch die
Strategie der Westalliierten in Europa.
Höttl sagte nach dem Krieg: «Ich habe zu meiner
Überraschung bei den Verhandlungen mit Dulles in der Schweiz
festgestellt, dass die Alpenfestung von den Alliierten masslos
überschätzt wurde. (...) ...die Amerikaner hatten ... eine Mordsangst
vor der Alpenfestung, weil es ihnen an Hochgebirgstruppen und
entsprechender Ausrüstung fehlte. Sie verfügten über
Agentenberichte, die von Verlagerungen der Rüstungswerke in Alpenstollen
sprachen...[33]»
Die «Alpenfestung» diente Dulles als Begründung für
seine Gesprächsbereitschaft mit der SS. In einem Telegramm an die
OSS-Zentrale teilte er folgendes mit:
«Natürlich
können Personen wie Himmler und Kaltenbrunner keine Immunität von
unserseits erlangen; solange sie aber glauben, dass dies möglich sei,
bietet sich uns die Möglichkeit, einen Keil in die SD zu schieben und
damit die Effektivität der deutschen Réduit-Pläne zu mindern. .... Ich
habe keinen Skrupel solche Typen wie Himmler, Kaltenbrunner & Co. zu
betrügen. Durch indirekte Kanäle arrangieren wir, dass Höttl an der
Schweizer Grenze
kommen kann, wo er von einem Vertrauensmann empfangen
wird.[34]»
In einem Buch, welches von Höttl inspiriert wurde
steht:
«In St. Gallen wurden die Verhandlungen mit
alliierten Stellen mit Falschgeld finanziert.»[35]
Solche Blüten, nämlich von der SS gefälschte
Pfundnote landeten in der Tat auch bei OSS-Agenten. Etwa drei Tage nach
dem Krieg tauchten in Feldkirch sieben oder acht Männer auf, die aus der
Schweiz kamen. Sie trugen Halstücher mit Sowjetsternen und gaben sich
als Mitglieder der österreichischen Widerstandsbewegung aus. Sie
plünderten und stahlen bis die französischen Militärpolizei sie
entwaffnete und auswies. In der Schweiz gaben sie zu Protokoll, dass sie
in Zürich vom Dulles-Agenten Kurt Grimm (Falsch-)Geld und den
US-Amerikanern Waffen erhalten hätten. Weitere Untersuchungen des
Zürcher Polizei-Nachrichtendienstes ergaben, dass Hptm. Konrad Lienert
und Waibels Nachrichtensammelstelle 1 (N.S.1 oder Rigi) in diese Aktion
verwickelt waren, d.h. davon wussten und dabei mitgeholfen hatten.
Höttls Versuche ein Abkommen mit Dulles zu erreichen,
scheiterten, auch wenn er den US-Geheimdienstler über eine weitere
Schiene zu erreichen versuchte, und zwar durch den ehemaligen deutschen
Generalkonsul in Los Angeles, Georg Gyssling, welcher damals beim
Hauptquartier der SS-Waschanlage der gefälschten Pfundnoten in
Meran/Südtirol stationiert war.
Die Dulles-Wolff-Linie dagegen schaffte es, trotz
grosser Schwierigkeiten auf beiden Seiten, ihr Ziel zu erreichen. Wolff
war erfolgreich, weil es ihm gelungen war, Wehrmacht-Generäle mit
einzubeziehen und den Eindruck zu erwecken, dass weder Himmler noch
Kaltenbrunner in den Verhandlungen verwickelt waren.
Nach dem Krieg wollte Waibel die Geschichte der
Verhandlungen veröffentlichen. Doch die Publikation seines Werks wurde
ihm verboten und eine Untersuchung eingeleitet. Das Problem lag nicht
nur darin, dass ein publizitätsfreudiger Geheimdienstler von den
Behörden nicht gern gesehen wird. Es bestand die Befürchtung, die UdSSR
könnte gegen eine Verletzung der Schweizer Neutralität protestieren.
Denn die Sowjetunion betrachtete «Sunrise» als antikommunistische
deutsch-britisch-amerikanische Verschwörung und als einen der ersten
Schüsse im Kalten Krieg.
Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass
Kriegsverbrecher wie Karl Wolff und Guido Zimmer durch Dulles, Waibel
und Husmann später geschützt wurden. Damit wurde «Sunrise» zu einem
Vorläufer verschiedener Operationen, die mit System betrieben wurden:
US-Geheimdienste retteten eine ganze Reihe von Nazi-Verbrechern, um sie
später im Kalten Krieg gegen die Kommunisten zu benutzen.
Der Historiker Stefan Costa erbringt Beweise, wie
sich Husmann nach dem Krieg für SS-General Wolff einsetzte: «[Husmann]
wandte sich am 9. August 1947 mittels eines siebenseitigen Briefes
direkt an den zuständigen Ankläger in Nürnberg, General Telford T.
Taylor. Husmann schrieb darin: ‹(...) Nach unserer Schweizer
Auffassung gehören General Wolff und seine Mitarbeiter für die
Kapitulation nicht vor ein Gericht, sondern sie haben das militärische
Versprechen auf eine loyale Behandlung nach Kriegsende.›»
Costa verzichtet darauf, mehr aus dem gleichen
Schreiben Husmanns zu zitieren:
«Major Max Waibel ..... und ich haben als
Schweizer General Wolff die Garantie gegeben, dass die Anglosachsen ihr
Versprechen halten werden, auch ohne irgendwelchen schriftlichen
Vertrag. Die Alliierten lehnten es kategorisch ab, eine schriftliche
Vereinbarung zu treffen, weil es uns damals schon bekannt war, und heute
öffentlich und historisch nachgewiesen ist, dass General Stalin bei
Präsident Roosevelt energisch intervenierte, diese Verhandlungen in der
Schweiz abzubrechen.»
Dies war zweifelsohne Teil der Reaktion Husmanns auf
einen Brief, den Wolff aus der Gefangenschaft schrieb:
«AUF GRUND MEINES GUTEN GEWISSENS UND MEINER
REINEN HAENDE GLAUBE ICH TROTZ ALLEDEM FEST AN DIE UNVERAENDERTE
GRUNDEINSTELLUNG UNSERES GEMEINSAMEN FREUNDES, SOLANGE ICH NICHT EINE
GEGENTEILIGE MITTEILUNG MIT BEGRUENDUNG ERHALTE. –KOENNEN SIE ALS MEIN
NEUTRALER FREUND + GARANT ETWAS FUER MEINE BEIDEN FAMILIEN SORGEN ODER
WENIGSTENS DEN 9 UNSCHULDIGEN KINDERN WAEHREND DER HUNGERSNOT AB UND ZU
EIN LIEBESGABENPAKET ZUKOMMEN LASSEN?»
In seinem 2007 erscheinenden Buch will der britische
Historiker Michael Salter neue Belege für die aktive Beschützung Wolffs
durch Dulles und Waibel veröffentlichen.
Salter beschreibt darin, wie sich Wolff 1950 bei Waibel beschwerte, dass
private Effekten seiner Familie von den US-Amerikanern beschlagnahmt und
nie zurückgegeben wurden. Wolff verlangte eine Kompensation. Waibel
wandte sich an Dulles mit der Empfehlung, Wolff zu helfen und beschrieb
diese Angelegenheit als «die letzte Phase unseres Sunrise Spiels»,
um hinzuzufügen; «Unter uns gesagt bezweifle ich, ob dieses Spiel je
zu Ende gehen wird.»
Waibels Bemerkung weist klar darauf hin, dass die Deckung der
deutschen «Sunrise»-Unterhändler zur Operation gehörte.
Dulles war empört über Wolffs unverschämte Forderung,
und schrieb im Wissen über dessen kriegsverbrecherische Vergangenheit
zurück; «Unter uns gesagt, KW [Karl Wolff] realisiert nicht,
was für ein Glück er hat, dass er den Rest seines Lebens nicht im
Gefängnis verbringen muss. Seine klügste Politik wäre es also, schön
ruhig über den Verlust von Unterwäsche usw. zu bleiben. Er hätte leicht
mehr als nur sein Hemd verlieren können.»
Trotz aller Schutzmassnahmen wurde Wolff 1964 in München wegen Beihilfe
zum Mord an mindestens 300 000 Juden zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt –
notabene nicht von den Alliierten, sondern von einem deutschen Gericht.
Ein Mitbeteiligter an «Sunrise», F. J. Stalder, schrieb
1946, dass Guido Zimmer der wichtigste Verbindungsoffizier zwischen
Wolff und Dulles gewesen sei und dass ohne Hilfe Zimmers –der jeweils
unter Gefahr für sein eigenes Leben gehandelt habe – die
Kapitulationsgespräche sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich gewesen
seien. «Aus verschiedenen Gesprächen
über das Unternehmen Sunrise meine ich mich zu erinnern, dass wiederholt
gesagt wurde, Zimmer solle, wegen seiner Rolle bei den
Kapitulationsverhandlungen, jede Nachsicht durch die Alliierten
erfahren. Über diese Empfehlung hinaus denke ich nicht, dass wir irgend
eine moralische Verpflichtung gegenüber Zimmer haben, obwohl ich keine
Gegenargumente sehe, ihm kleine Gefallen zu leisten.»
In einem Artikel argumentiert Historiker Salter
weiter, dass Dulles Obersturmführer Zimmer nicht nur wegen dessen sehr
wichtiger Rolle bei «Sunrise» geschützt habe, sondern weil er den
SS-Mann als geeignete Informationsquelle betrachtete und ihn ausserdem
anfänglich als Berater für geheimdienstliche Aktionen in Italien vorsah.
Ein anonymer US-Beamte protestierte in einem Memo vom September 1945
gegen die Beihilfe, welche Dulles Zimmer leistete. Denn Zimmer war an
der Ermordung, Beraubung und Deportation von italienischen Juden
beteiligt.
Dass «Sunrise» Nazi-Verbrecher deckte, wirft grosse
Schatten auf die Operation und deren Protagonisten Waibel, Dulles und
Husmann. Denn gegenüber Erpressern kann es keine Loyalität geben. Waibel
jedoch war, wie sein Brief an Dulles beweist, bereit, diesen Beistand
unbefristet zu leisten. Schon deshalb taugt er nicht zur Heldenrolle und
auch nicht zum Märtyrer. Waibels Militärkarriere litt überdies
keineswegs. Im Gegenteil: Kurz nach Kriegsende wurde der Geheimdienstler
zum Oberstleutnant befördert. Ab 1947 bekleidete er den wichtigen Posten
eines Militärattaches in Washington, und 1954 wählte ihn der Bundesrat
zum Waffenchef der Infanterie mit der gleichzeitigen Beförderung zum
Oberstdivisionär.
Abgesehen davon räumte sogar Waibel selber ein, dass
weder er noch Dulles die wichtigsten Figuren bei den Verhandlungen waren
- sondern Husmann: «Allen Dulles [war nicht] der Spiritus rector,
sondern Dr. Max Husmann. Ihm ist es in erster Linie zu verdanken, dass
die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten immer wieder aus dem Weg
geräumt werden konnten, während Allen Dulles eher zögerte, sehr
vorsichtig war und stets befürchtete, gegen die Weisungen der
amerikanischen Regierung oder später
Feldmarschall Alexanders zu handeln. Die Initiative, die
Verantwortungsfreude, und überhaupt der Glaube, der einen beseelen muss,
wenn man ein so schweres Werk vollbringen will, lag bei Dr. Husmann und,
wenn ich so sagen darf, gelegentlich auch bei mir.»
Wenn es bei der Operation «Sunrise» einen Helden
gegeben haben sollte, so wäre dies am ehesten Max Husmann gewesen – ein
mutmasslicher Nazi-Doppelagent.
*Der israelische Recherchierjoumalist und Buchautor
Shraga Elam lebt in Zürich. 2004 gewann er den renommierten
australischen Journalistenpreis Gold Walkley Award für seine Enthüllung
über Konti australischer Prominenter bei Bank Leumi (Schweiz)
Elena Aga
Rossi, Vortrag 2. Mai 2005, Promotions-Kollegium "Sunrise '05,
Lugano.
Elena Aga Rossi
and
Bradley F. Smith, Operation
Sunrise: the secret surrender,
New York, Basic Books, 1979.
Stefan
Costa, Auswirkung der ‚Sunrise’
–Waffenstillstandverhandlungen: Aspekte des Übergangs vom
Zweiten Weltkrieg in den Kalten Krieg?, Lizentiatsarbeit,
Universität Bern, Eingereicht im Januar 1998
Costa,
Auswirkung der ‚Sunrise’ ,S. 39 und
Schweizer Bundesarchiv E27/9540/
Bd. 3, Roger Masson an General Henri Guisan
und Generalstabschef Jakob Huber, 8.3.1945.
Schweizer Bundesarchiv
E27/9540/Bd 1 S. 5, Waibel an
de Montmollin, 30.4.1946, Zit.
In Costa, S. 63
National Archives
and Records Administration (NARA), RG 226, E 119A, Box 71,
Folder 1828, Sixth Detailed Interrogation Report on SS
Sturmbannfuehrer Huegel, Dr. Klaus, 21.6.1945.
S. auch Allen Dulles – Geron
v.S. Gaevernitz, Unternehmen »SUNRISE« - Die geheime
Geschichte des Kriegsendes in Italien, Düsseldorf/Wien,
Econ-Verlag, 1967 S. 62-64.
The National
Archives of England, Wales and the United Kingdom, HS 8/887 Op.
BOYKIN: interrogations and statements,
interrogation report on Benuzzi Valerio,
21.1.1945
Schweizer Bundesarchiv E4320 B 1973/17 Bd. 4,
Bundesanwaltschafts-Akten Max Husmann, Aktennotiz Insp. Schmid
14.7.1949
Schweizer Bundesarchiv
E4320 B 1973/17 Bd. 4, Bundesanwaltschafts-Akten Max Husmann,
Aktennotiz Insp. Schmid 14.7.1949
IKRK-Archiv, G3/24b Bd.
83 Italie du Nord 1944-1945, Protokoll der Sitzung am 26. Januar
1945
«Ich
kehrte zurück zum Gauleiter und sagte: "Ich habe meinen Teil
erfüllt. Lassen Sie bitte jetzt die KZ-Insassen frei." Er
antwortete: "Ich kann es nicht machen. Dafür muss ich die
Bewilligung von SS-General Wolff haben."» S. Hitlers
Fälscher S. 78 bzw. Haganah Archiv (Tel –Aviv) Signatur 93.23,
Interview der israelischen Historikerin Nana Nusinow (Sagi)
mit dem jüdischen Nazi-Kollaborateur Jaac van Harten in Tel Aviv,
23. 9. 1967 S. 8 f. Diese Aussage wurde eigentlich von einem
anderen jüdischen Naziagenten namens Valerio Benuzzi anlässlich
seines Besuches beim IKRK in Genf bestätigt (s. IKRK Archiv
G59/3/7, Note sur un entretien avec Monsieur Valerio BENUZZI;
Concerne: situation des Israélites en Italie du Nord, P.
Kuhne, 18.12.1944).
Eberhard
Frowein, Wunderwaffe Falschgeld -In freie Bearbeitung den
Tatsachen nacherzählt, Kreuzlingen Neptun Verlag, 1954,
Klappentext
Schweizer
Bundesarchiv E27/9540/Bd. 5 Brief von Max Husmann an Gen.
Telford T. Taylor, 9.8.1947
Ferruccio
Lanfranchi,
La resa
degli ottocentomila,
Milano, Rizzoli, 1948,
S. 358
Michael
Salter and Maggi Eastwood, Negotiating Nolle Prosequi
at
Nuremberg: The Case of Captain Zimmer
, Journal of International Criminal Justice 2005 3(3), p.
649-665