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2006 gelang zwei deutschen
Historikern eine Enthüllung, die ein weltweites Echo auslöste. Sie
behaupteten, Dokumente entdeckt zu haben, die belegen, dass die SS
1942 die Vernichtung der Juden in Palästina geplant habe. Dabei soll
ein SS-Team, das Einsatzkommando Ägypten, auf die tatkräftige
Mithilfe von arabischen Kollaborateuren für den geplanten Massenmord
gezählt haben. Unbestritten ist, dass im Juli 1942 eine 24-köpfige
SS-Einheit in Athen stationiert wurde, deren genauere Aufgabe in
Palästina und Ägypten alles andere als klar ist. Laut Aussagen der
Forscher Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers habe nur die
Niederlage der Wehrmacht bei der Schlacht von El-Alamein im Oktober
1942 die jüdische Gemeinde in Palästina gerettet. Die geplante
Massenvernichtung sollte mit Hilfe der Palästinenser durchgeführt
werden. Shraga Elam verweist diese „großartige Enthüllung“ ins Reich
der wilden Spekulation und Fantasie.
Hier das Dokument
aus dem Berliner Bundesarchiv, welches gemäss Mallmann +
Cüppers eine angebliche SS-Palästina-Mission belegen soll. In
diesem Fernschreiben vom 14.9.1942 kommt aber das Wort Palästina
gar nicht vor. Hingegen wird dort der Wehrmacht-Widerstand
gegenüber der SS-Mission deutlich formuliert, was die Historiker
völlig verschweigen.
Signatur:
BAB, NS 19/3695.
Gab es NS-Pläne zur
Vernichtung der Juden in Palästina während des Zweiten Weltkriegs?
Von Shraga Elam - Inamo Heft 53 2. April 2008
Klaus Michael-Mallmann und
Martin Cüppers, die Autoren von Halbmond und Hakenkreuz schreiben:
»Aufgrund der Kommunikation zwischen SS und Wehrmachtsführung wurde
in der entscheidenden Passage der Einsatzrichtlinien festgehalten:
"Mit Zustimmung des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei
wird der Einsatz des SS-Kommandos bei der Panzer Armee Afrika
folgendermaßen geregelt: 1) Das SS-Einsatzkdo. erhält seine
fachlichen Weisungen vom Chef des S.P. [der Sicherheitspolizei] und
S.D. und führt seine Aufgaben in eigener Verantwortlichkeit durch.
Es ist berechtigt, im Rahmen seines Auftrages in eigener
Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen zu
treffen."(S.137 f) «
Diese Exekutivmaßnahmen werden
nicht näher erläutert, und die zwei Historiker entwickeln eine eher
waghalsige Interpretation, die jedoch von den Medien als praktisch
erwiesen rezipiert wurde.
Die Autoren behaupten: »Die gesamte Vereinbarung entsprach
inhaltlich jenem Text, der seit dem Vorjahr die Grundlage für den
Massenmord der Einsatzgruppen in der Sowjetunion bildete. Zentrale
Passagen waren, weil sie sich offenbar in der Praxis 'bewährt'
hatten, einfach wortwörtlich übernommen worden. «
Den spekulativen Charakter
dieser Auslegung zeigt schon die Tatsache, dass der Chef dieses
Einsatzkommandos, SS-Obersturmbannführer Walther Rauff und sein Stab
noch vor der deutschen Niederlage in El-Alamein den Auftrag in
Ägypten und angeblich Palästina aufgeben mussten. Ein paar Monate
darauf zogen sie nach Tunesien, wo sie zwar Juden verfolgten, diese
jedoch nicht vernichteten. Das heißt, die erwähnten
Exekutivmaßnahmen in einem von den Nazis besetzen Land bedeuteten
nicht zwangsläufig einen Massenmord an den Juden.
Der israelische Historiker
Haim Saadon, Direktor des Zentrums für Dokumentation und Erforschung
der nordafrikanischen Juden während des Zweiten Weltkriegs, erklärt,
dass für ihn nicht ersichtlich sei, was Rauff mit den Juden
vorhatte, die unter NS-Kontrolle in Tunesien waren. Es liegt zuwenig
schriftliches Material vor, um zu dieser Frage ein eindeutiges
Ergebnis zu erlangen. Saadon, der das Thema mit internationaler
Unterstützung erforscht, weist darauf hin, dass die Nazis damals in
Nordafrika schwerwiegende logistische Probleme hatten, was die
Deportation nach Auschwitz praktisch ausgeschlossen habe. In
Tunesien gab es weder die Vernichtungsinfrastruktur, noch sind
Belege dafür vorhanden, dass es einen Vernichtungsplan gegeben habe,
meint der israelische Historiker weiter, geschweige denn, dass ein
solcher umgesetzt worden wäre. Das gleiche gelte für Libyen, so
Saadon .
Es ist bekannt, dass Rauffs
Stab, der Juden in Arbeitslagern gefangen hielt, in Tunesien um 200
SS-Männer verstärkt wurde. Durch die Beraubung und Erpressung der
Juden entstand auch ein richtiger Goldschatz, dessen Verbleib jedoch
bis heute unklar und ein Ziel für Schatzsucher ist .
Nicht nur die von den
Deutschen verlorene Schlacht von El-Alamein verhinderte den
SS-Einsatz in Palästina. Gemäß einem Verhörprotokoll vom 22.11.1945
sagte Rauff aus, er hätte Generalfeldmarschall Erwin Rommel in
Tobruk (Libyen) persönlich getroffen, und dies vor der Schlacht in
El-Alamein; er sei dann aber auf Rommels Ablehnung gegen seine
Nahost-Mission gestoßen.
»Jul[i] [19]42 wurde die
Quelle [Rauff] zum Chef des SS-Einsatzkommandos Afrika ernannt, sein
Stab konnte jedoch nicht weiter als nach ATHEN gehen, und die Quelle
flog nach TOBRUK für ein persönliches Gespräch mit Rommel. Es wurde
beschlossen, dass die Ankunft des SD-Einsatzkommandos zu lange
verzögert worden war, um von Nutzen zu sein, und die Quelle kehrte
mit seinem Stab nach Berlin zurück. Im Nov[ember] [19]42 ging die
Quelle mit einem etwas reduzierten SD Einsatzkommando nach
TUNESIEN. «
Rauffs seltsame und unklare
Aussage, dass die Ankunft seines Einsatzkommandos zu lange verzögert
worden sei, um nützlich zu sein, scheint seine Formulierung des
Offensichtlichen zu sein, nämlich dass Rommel schon im Juli 1942
wusste, dass er Ägypten und Palästina nicht erobern konnte. Es
könnte durchaus sein, dass Rauff damit Rommels Widerstand gegen den
SS-Einsatz im Nahen Osten zu verheimlichen versuchte.
Die Zusammenkunft mit Rommel bestätigte Rauff bei einer
gerichtlichen Aussage von 1972 nochmals: »Ich möchte noch
klarstellen, dass ich bei Rommel nur kurze Zeit gewesen bin und
schon vor der Schlacht bei El Alamein nach Berlin zurückkehrte. «
Mallmann und Cüpers schreiben
über Rauffs Besuch, dass »am 20. Juli, …SS-Obersturmbannführer
Walther Rauff nach Tobruk [flog], um "von Generalfeldmarschall
Rommel die notwendigen Instruktionen für den Einsatz" seines
Kommandos zu empfangen. « Die deutschen Historiker leiten daraus ab,
dass »die Verwendung der [SS-]Einheit … damit unmittelbar bevor
[gestanden habe]. «
Klaus Michael-Mallmann und
Martin Cüppers behaupten – gegen Rauffs eigene Aussage –, dass es
»höchstwahrscheinlich« nicht zu einem persönlichen Treffen mit dem
Oberbefehlshaber des Deutschen Afrika-Korps gekommen sei, weil
Rommel »seine Truppen fast 500 Kilometer östlich von Tobruk gerade
in die entscheidende Endphase der ersten Schlacht von El Alamein
[führte]; dabei wird jeglicher Transportraum viel dringender für den
Nachschub als für die weitere Heranführung des Obersturmbannführers
benötigt worden sein. «
Dieser Schluss ist nicht
zwingend. Erstens ist nicht bekannt, wo genau Rommel sich befand und
zweitens wäre, wenn Rauff schon per Flugzeug nach Tobruk kommen
konnte, ein Landfahrzeug mit einer Begleitung noch weniger
problematisch zu organisieren gewesen.
Das Negieren des Treffens von Rauff mit Rommel ist offensichtlich
wichtig für Mallmann und Cüppers, weil sie die Zuverlässigkeit eines
CIA-Dokuments über eine solche Begegnung stark in Zweifel ziehen,
obwohl sie nicht einmal aus dem Original zitieren. Darin heißt es
jedoch: »Im Mai oder Juni 1942 flog dieser RAUFF zu General ROMMELs
Hauptquartier, um mit ihm die Vernichtung der Juden in Kairo, nach
der Eroberung der Stadt durch die deutschen Einheiten, zu
diskutieren. Rommel war angewidert und schickte ihn nach Hause. «
Dieses Dokument beinhaltet
einige Ungenauigkeiten. So wird Rauff beispielsweise als Pole
bezeichnet, und das diskutierte Treffen auf Mai oder Juni, und nicht
Juli 1942 festgelegt. Trotzdem stellt sich die Frage, wozu und wie
der Informant des US-Botschafters, der als Quelle angegeben wird,
eine solche Begegnung erfunden haben sollte.
Eigentlich bestärkt das
US-Memo Malmann und Cüppers in ihrer Theorie, die SS habe die Juden
in Palästina und Ägypten vernichten wollen. Nur, anders als in ihrem
Buch zu lesen ist, bestand – gemäss diesem CIA-Papier – noch vor der
Schlacht bei El-Alamein keine unmittelbare Gefahr für die Juden in
Palästina, da Rommel dagegen gewesen sei, diese zu töten.
Es könnte sein, dass die
Judenvernichtung für Rommel zu weit ging. Logischer ist jedoch, dass
Rauff aus praktischen Gründen zurückgewiesen worden war. Nämlich,
weil es keine Chance mehr gab, Ägypten und Palästina zu erobern.
Es ist überhaupt nicht klar
woher die Idee eines vermeintlichen Einsatzes Rauffs in Palästina
kommt. Mallmann und Cüppers schreiben: » Am späten Vormittag des l.
Juli 1942 referierte Schellenberg bei Himmler über „Einsatz in
Ägypten".« (S. 137). Auch Rauff sprach nur von Ägypten und sein Stab
hiess auch „Einsatzkommando Ägypten“.
Die zwei Historiker geben
einen einzigen Hinweis auf einem Dokument, welches die angebliche
Palästina-Mission belegen soll:
»Die Truppe des RSHA, die am 29. Juli nach Athen überführt wurde und
aus sieben SS-Führern und 17 Unterführern und Mannschaften bestand,
sollte zunächst in Ägypten und nach dessen vollständiger Eroberung
im angrenzenden Palästina zum Einsatz kommen und dort zweifellos in
erster Linie gegen Juden aktiv werden.9« (S. 138-139)
Diese Behauptung wird
lediglich mit einem Referenz zum folgenden Papier im Berliner
Bundesarchiv belegt: Dt.Gen.b.HQu.It.Wehrm. an OKW/WFSt/Qu.I v.
14.9.1942, BAB, NS 19/3695.
In diesem Dokument vom
14.9.1942 kommt aber das Wort Palästina gar nicht vor. Hingegen wird
dort der Wehrmacht Widerstand zur Rauffs Mission ganz klar und
deutlich formuliert, was die Historiker völlig verschweigen.
Gegen die
Vernichtungsabsichten spricht Rauffs eigene offizielle Aussage von
1972 im für ihn sicheren Chile. Er gesteht, dass Juden in Russland
vergast oder auf andere Weise ermordet wurden. Da Rauff nicht einmal
seine eigene Beteiligung bei der Vergasung von Juden in Lastwagen
verleugnet , scheint sein Dementi, dass solche Befehle für Afrika
bestanden haben, glaubwürdig: »Ich habe aber niemals offiziell
erfahren, auf welchem Befehl die Tötung der Juden beruhte. Zwar ist
mir nach dem Krieg bekannt geworden, dass es einen sogenannten
"Führerbefehl" gab, der die Liquidierung der Juden aus rassischen
Gründen zum Inhalt hatte, ich kann mich jedoch nicht daran erinnern,
dass mir schon während des Krieges jemals gesagt worden wäre, dass
ein derartiger Befehl vorliege.
Von dem Vorliegen eines solchen Befehls hätte ich für meine
Tätigkeit in Tunis Kenntnis erlangt haben müssen, denn dort gab es
viele Juden, die z.T. sogar freiwillig für uns gearbeitet haben,
ohne dass ihnen irgend etwas geschehen wäre. «
Rauffs Beschreibung des
Schicksals der tunesischen Juden ist zweifelsfrei verharmlosend,
nichtsdestotrotz wurden diese Juden, wie schon erwähnt, nicht
systematisch vernichtet. Es ist also nicht ersichtlich, warum er
andere, auch geplante, Massenmorde nicht hätte gestehen sollen, da
er doch seine Verantwortung für die Vergasung von 100.000 Menschen
zugab, und dies zu einer Zeit, in der eine Kampagne zu seiner
Auslieferung aus Chile lief. Seine unverblümte Ehrlichkeit könnte
Ausdruck der zusätzlichen Sicherheit sein, die ihm seine weiter
unten beschriebene Verbindung zum israelischen Geheimdienst verlieh.
Mallmann und Cüppers erbringen
keine Beweise, dass die SS die Ermordung der jüdischen Gemeinde in
Palästina geplant habe. Die SS kann ja auch andere Ziele mit diesen
Juden verfolgt haben, etwa politische bzw. finanzielle. Denn
entgegen der allgemeinen Meinung strebte die SS-Führung wohl nicht
immer und grundsätzlich die totale Judenvernichtung an. So liegen
Hinweise über den sogenannten Europaplan vor, dass sie parallel zur
Rauffs Afrika- und Nahost-Mission angeboten habe, alle europäischen
Juden, die noch nicht zu den Vernichtungslagern deportiert wurden,
freizulassen, wenn Lösegelder bezahlt und Verhandlungen zur Beendung
des Krieges mit den Alliierten aufgenommen würden. Dies soll im
Rahmen des so genannten Europaplans geschehen sein, welcher über
Rabbiner Michael Dov Weissmandel und sein Rettungskomitee in
Bratislava abgewickelt wurde . Der israelische Forscher Prof. Yehuda
Bauer ist der Meinung, dass zwar ein ähnlicher Plan Himmlers 1944
mit den ungarischen Juden existierte, negiert aber, dass dies schon
1942 der Fall war .
Ein anderer bekannter
israelischer Experte, Prof. Shlomo Aronson, zweifelt zwar an der
Ernsthaftigkeit solcher Verhandlungen der SS in den Jahren 1943 und
1944, zitiert jedoch zwei wichtige Zeitzeugen, die zionistischen
Rettungsaktivisten Zeev Venia Hadari-Pomeranz und Nathan
Dror-Schwalb, die absolut davon überzeugt waren, dass mit dem
Europaplan viele Juden zu retten gewesen wären .
In einem Interview kurz vor
seinem Tod sagte Hadari, dass es im Rahmen der
Europaplan-Verhandlungen ein Fehler gewesen sei, von Adolf Eichmann
die Freilassung auch von den polnischen Juden zu verlangen. »Er
[Eichmann] war nicht bereit, die polnischen Juden freizulassen,
weil, wie er sagte, „dies bekannt werden könnte.“ „Wem?“ [fragte
Aronson]. „Wahrscheinlich Hitler, der von Himmler im Unwissen
gehalten werden sollte, weil Himmler selber hätte bereit sein
können, [im Geheimen mit den Alliierten] zu verhandeln… «
Dieser Erpressungsversuch war
eigentlich die Fortsetzung der Politik von 1938/39 mit anderen
Methoden, als die NS-Führung von anderen Staaten »Lösegeld für die
Freilassung von Geiseln aus Deutschland und ein Tauschgeschäft
menschlichen Elends gegen Exportsteigerung forderte. «
Über die Freilassung von Juden
gegen Bezahlung von Lösegeldern sind einige Dokumente bekannt. So
zum Beispiel ein Vermerk von Himmler im Dezember 1942:
»Ich habe den Führer wegen der Loslösung von Juden gegen Devisen
gefragt. Er hat mir die Vollmacht gegeben, derartige Fälle zu
genehmigen, wenn sie wirklich in namhaften Umfang Devisen von
auswärts hereinbringen. «
In einem Bericht vom Oktober
1942 beschrieb der US-Botschafter in Bern wie die NS-Regierung
Lösegelder in Devisen von Juden erpresste. Gemeint waren reiche
Juden und konkret wurden solche Transaktionen zwischen Holland und
der Schweiz erwähnt . Diese Angelegenheit veranlasste die Schweizer
Historiker-Kommission zu einem separaten Bericht über die Erpressung
der niederländischen Juden .
Es gibt außerdem einen klaren
Hinweis, dass auch der damalige wichtigste zionistische Führer und
spätere erste Ministerpräsident Israels, David Ben-Gurion, an den
Europaplan glaubte. Im Herbst 1942 kam der Chef der zionistischen
Gemeinde in Palästina zurück aus den USA und gründete in großer Eile
einen Not-Sonderstab für die Integration von einer Million Juden
nach Palästina. Da Ben-Gurion nicht als Phantast, sondern als
knallharter realistischer Politiker bekannt war, ist anzunehmen,
dass er in den USA zu verstehen bekam, es bestünde die Chance, dass
die US-Regierung den Europaplan unterstützen würde. Diese Erwartung
erwies sich indes offenbar als falsch, denn wie Prof. David Wyman
beweißt, war der dominante Teil der Regierung Roosevelt gegen große
Rettungsaktionen von Juden .
Es besteht also eine große Wahrscheinlichkeit, dass die SS-Führung
sehr ernsthaft die Möglichkeit eines "Judenhandels" – wie das
Projekt jeweils von den Nazis benannt wurde – ins Auge fasste. Es
ist daher nicht ausgeschlossen, dass Rauff die Juden zunächst in
Geiselhaft nehmen sollte, um den Druck auf die Alliierten zu
erhöhen. Denn die SS-Führung, war der Meinung, dass "DIE Juden die
Welt beherrschen" und deshalb beispielsweise die jüdische Lobby in
den USA imstande wäre, Roosevelt dazu zu bewegen, einen
Sonderfrieden mit Deutschland zu schließen, wenn damit Juden
gerettet werden könnten .
Bei Kriegsende war Rauff
selbst durch einen jüdischen Agenten namens Valerio Benuzzi in einen
solchen Erpressungsversuch in Norditalien involviert. Im Rahmen der
Verhandlungen zur deutschen Kapitulation dort wurden 150 Juden, die
im KZ-Bozen saßen, als Druckmittel eingesetzt, um bessere
Bedingungen zu erzielen. Rauff schickte Benuzzi im Februar 1945 in
die Schweiz, um bei Vertretern einer jüdischen Organisation, dem
Internationalen Roten Kreuz Komitee (IKRK) sowie den USA für die
Befreiung dieser jüdischen Geiseln sowohl politische wie auch
finanzielle Gegenleistungen zu erreichen. Benuzzi wurde zwar in Bern
vom britischen Geheimdienst entführt, die Verhandlung ging jedoch
weiter, und im April wurde zwischen IKRK-Generalsekretär Hans
Bachmann und dem zweiten Mann in der SS-Hierarchie, Ernst
Kaltenbrunner, die Freilassung der Juden im KZ Bozen vereinbart. Die
Gegenleistung für Kaltenbrunner ist aber nicht bekannt.
Unter dem Strich genießt die
Erpressungstheorie für Palästina eine größere Wahrscheinlichkeit als
die Vernichtungsspekulation, und dass Rommel eventuell dagegen war,
heißt nicht unbedingt, dass er pro-jüdisch eingestellt war. In einem
Buch über jüdische »Mischlinge« in der Wehrmacht wird hervorgehoben,
dass der einzige Ort im Heer, wo »Mischlinge« eine Zuflucht finden
konnten, Rommels Deutsche Afrika-Korps (DAK) war. Es bleibt ungewiss
ob Rommel persönlich dafür verantwortlich war. Sein Stabchef, Fritz
Bayerlein, war »Vierteljude« und möglicherweise sogar »Halbjude« und
das wusste Rommel bestimmt. Rommels Verhalten wird von einem
»vierteljüdischen«, Hauptmann Horst von Oppenfeld so begründet, dass
der Generalfeldmarschall sich nicht für die Rassenverordnungen
interessiert habe .
»Obwohl Rommel von der Verfolgung der Juden wusste, ließ er offenbar
nicht zu, dass die NS-Rassenpolitik einen Einfluss darauf hatte, wie
er sein DAK führte. Oppenfeld glaubt, Rommel habe Befehle, Juden in
seinem Operationsgebiet zu deportieren, missachtet. Im Juni 1942
hatte Hitler über das OKW Rommel angeblich befohlen, alle deutschen
Juden, die er gefangennahm … auszurotten. Doch Rommel ignorierte
offenbar diesen Befehl… «
Mallmann und Cüppers verfügen
über keine Pläne über die Vernichtungsabsichten der SS oder die
Zusammenarbeit bereitwilliger Palästinenser, allenfalls über ein
paar Indizien, die unterschiedlich interpretiert werden können. Dass
der Mufti von Jerusalem ein brennender Judenhasser und bereit zur
Kooperation mit den Nazis war, wie die zwei Historiker ausführen,
ist genauso unbestritten, wie die von ihnen unerwähnten, aber nicht
weniger relevanten Versuche einer zionistischen
Untergrundorganisation (der Nationalen Militärischen Organisation -
NMO), 1941 gemeinsame Sache mit den Nazis gegen die Briten in
Palästina zu machen .
Wie der einflussreiche
israelische Geheimdienstler Ezra Danin beschreibt, hat es vor
El-Alamein gemeinsame Vorbereitungen gegen eine eventuelle
NS-Besatzung zwischen dem zionistischen Untergrund Haganah und
arabischen Nationalisten gegeben, die sowohl Anti-Nazis als auch
Mufti-Gegner waren. Diese Zusammenarbeit versiegte, als die
Bedrohung einer Nazi-Invasion vorüber war .
Die Rauff-Geschichte bekommt abstruse Dimensionen, da eindeutige
Beweise vorliegen, dass ein israelischer Geheimdienst nach dem
Zweiten Weltkrieg den bedeutenden Naziverbrecher Rauff beschäftigte
und seine Flucht nach Südamerika ermöglichte . Menschen und wurde
von den Nazi-Jägern Simon Wiesenthal und Beate Klarsfeld in einer
internationalen Kampagne verfolgt.
1948 wurde Rauff, wie auch
später andere NS-Verbrecher, von einem Vorläufer des Mossad
eingesetzt, um in arabischen Ländern zu spionieren, da Nazis dort
nicht der Zusammenarbeit mit Juden verdächtigt wurden. Diese
Strategie löste beim israelischen Geheimdienst zwar immer wieder
interne Diskussionen aus, an der Praxis aber änderte dies nichts. .
Der wichtige Agent und die später zentrale Figur im israelischen
Atomprogramm, Schalheveth Freier, gab in einem Interview 1993 mit
der grössten israelischen Zeitung Yedioth Achronot zu, dass er von
Rauff brisante Informationen zu Syrien erhielt und den Nazi im
Gegenzug nicht nur entlohnte, sondern diesem auch zu seiner Flucht
aus Italien nach Südamerika verhalf. Damit bestätigte der
israelische Geheimdienstler CIA-Berichte, die erst 2005 freigegeben
wurden und Informationen über diese Vorgänge beinhalten .
Freier bestritt, von Rauffs
Rolle bei der Judenvergasung gewusst zu haben. Allerdings ist dies
wenig überzeugend, da ja sein damaliger Chef und spätere Botschafter
in der BRD, Asher Ben-Nathan, in Freiers Aktivitäten involviert war.
Ben-Nathan, der bei Kriegsende Informationen über NS-Verbrecher
sammelte, ist als erster Nazi-Jäger zu bezeichnen. Er bestätigt
heute, dass er zu jener Zeit von Rauffs verbrecherischer
Vergangenheit wusste . Rauff ist im Zusammenhang mit der Vergasung
von Juden achtzehnmal in den Protokollen der Nürnberger Prozesse
erwähnt. Eigentlich, sollte man meinen, nicht gerade eine Person,
den israelische Regierungsstellen schützen, bezahlen und
beschäftigen sollten.
Shraga Elam ist israelischer
Journalist und Buchautor. Er ist Träger des australischen Golden
Walkley Award für ausgezeichneten Journalismus 2004.
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