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Berner Zeitung;
1. April 2000, Seite 1
Ressort: KULTURWERKSTATT
Gian Trepp
Ende Januar
wagte es der renommierte Wirtschaftsjournalist Gian Trepp, dem jüdischen
Historiker Saul Friedländer Kollaboration mit dem deutschen
Medienkonzern Bertelsmann bei der Vertuschung von dessen brauner
Vergangenheit vorzuwerfen. Diese schwere Anschuldigung gegen einen
«überlebenden Juden» ging der als kritisch deklarierten «Wochenzeitung»
(WoZ) zu weit. Sie druckte den bestellten Artikel nicht ab.
Maulkorb aus
Korrektheit
Dies geschah,
nachdem der WoZ-Redaktor und Buchautor Stefan Keller, zuständig für
jüdische Themen, dem langjährigen freien Mitarbeiter Trepp das
Schlimmste unterstellt hatte: Judenhass. Denn Trepp griff mit seinem
Artikel nicht nur einen anerkannten Heiligen der historischen
Kommissions-Zirkel an, sondern auch den Bergier-Flüchtlingsbericht. Saul
Friedländer ist auch Mitglied der von Bergier präsidierten Unabhängigen
Expertenkommission (UEK) und eher in solchen Gremien als in Archiven
anzutreffen.
Die Kritik
Trepps am Bergier-Flüchtlingsbericht gehöre nicht in die WoZ, sie sei,
so Keller in einem Brief an die WoZ-Auslandredaktion, der
«chauvinistischen NZZ-Abwehr-Linie» vorbehalten. Weiter schrieb er, dass
«ressentimentgeladene» Bemerkungen über die UEK-Mitglieder und die
Kommissionsarbeit doch blosser Futterneid von Möchtegern-UEK-Angehörigen
seien. Trepp liess sich das nicht gefallen und schrieb in einem offenen
Brief an das WoZ-Kollektiv: «Die Zurückweisung meines Textes ist kein
Beitrag der WoZ im Kampf gegen den Antisemitismus. Vielmehr hat Euer
oberster Linienrichter damit der mächtigen Bertelsmann-PR-Maschinerie in
die Hände gespielt.»
Diese
Zensurmassnahme ist mehr als die blosse Ablehnung eines für schlecht
befundenen Artikels. Denn es handelt sich dabei nicht um einen
Einzelfall, der sich nur auf diese Zeitung oder die zwei erwähnten
Journalisten beschränkt. Vielmehr haben die Medien als Spiegelbild der
Gesellschaft generell grosse Mühe, wenn es darum geht, jüdische Personen
und Organisationen zu kritisieren.
Lieber keine
Judenkritik
Nur wenige
können vorurteilslos solche Themen anfassen. Vor lauter Angst, als
Judenhasser verschrien zu werden, ziehen es die meisten Medien vor, die
Finger von solchen scheinbar heiklen Angelegenheiten zu lassen. Denn:
Der Mehrheit kommt etwa die Beschreibung korrupter jüdischer
Einzelpersonen oder fehlbarer Organisationsführungen wie eine
Bestätigung bestehender einfältiger Feindbilder vor: Juden seien
geldgierig und geizig oder so mächtig und intelligent, dass sie die Welt
durch eine Verschwörung beherrschten.
Der normale
sachliche Umgang mit den allzu üblichen menschlichen Schwächen, die halt
eben auch bei Juden - und zwar ohne irgendwelche dämonische Dimensionen
- anzutreffen sind, wird deshalb erschwert. Angesichts dieser
rassistisch motivierten Tendenz, bei der Beurteilung von jüdischen
Themen zu übertreiben, überrascht es nicht, wie die selbstironische
jüdische Definition eines Judenhassers lautet: «Ein Judeophobe ist ein
Mensch, der die Juden mehr hasst, als es nötig wäre.»
Entsprechend ist
ein Judeophiler eine Person, welche die Juden mehr liebt, als es nötig
wäre. Weil eben die meisten Journalisten in der Schweiz, genauso wie die
Mehrheit der Schweizer Bevölkerung, nicht frei von Vorurteilen gegenüber
den Juden sind - um das herauszufinden, braucht es beileibe kein
Meinungsforschungsinstitut (siehe Zweittext) -, versucht ein um seinen
Ruf besorgter Mensch also in der Regel, das heikle Thema zu meiden.
Juden sollen Juden
tadeln
Im besten Fall
wird die harte Kritik einem «Nestbeschmutzer» überlassen, wie es etwa
bei der Entlarvung des Schriftstellers Binjamin Wilkomirski der Fall
war, der seine Biografie als Shoa-Überlebender erfunden hatte. Der Autor
Daniel Ganzfried, der den Fall in der «Weltwoche» enthüllte, scheint als
Sohn eines Auschwitz-Überlebenden in den Augen der Öffentlichkeit für
diese Demontage-Arbeit besonders legitimiert.
Es wird in
journalistischen Kreisen wiederholt betont, dass kein Nichtjude es
gewagt hätte, die Wilkomirski-Geschichte zu schreiben. Dennoch warf die
«SonntagsZeitung» Ganzfried vor, dass es nur der Neid auf den
erfolgreicheren Wilkomirski gewesen sei, der ihn zu dieser Recherche
motiviert habe.
Glaubwürdigkeitsverlust
Die starke
Tabuisierung jüdischer Themen verhindert einen sachlichen Umgang mit den
dunklen Flecken auf bestimmten jüdischen Westen. Als Begründung wird
jeweils angeführt, dass sich nur die Falschen, nämlich die Judenhasser,
über die Aufdeckung von Missständen in jüdischen Organisationen freuen
würden. In Wahrheit trägt eine solche Zensur aber gerade zur Entstehung
und Aufrechterhaltung von antijüdischen Feindbildern bei, statt sie zu
bekämpfen.
Denn durch den
Versuch, eine legitime und normale Kritik abzublocken, entsteht der
falsche Eindruck, jegliche Berichterstattung über jüdische Themen sei
manipuliert. Das kann zu einem totalen Verlust an Glaubwürdigkeit der
Medien führen. Insbesondere bei Beiträgen zum Thema Shoa, der
Judenvernichtung in der Nazizeit.
Die bösartigen
Auschwitz-Leugner profitieren nicht zuletzt von der verkrampften
religiösen Art, die Shoa zu verarbeiten. So wird ein Vergleich mit
anderen Leiden und Verfolgungen - etwa den stalinistischen -
unnötigerweise strengstens verboten, und ein stumpfsinniger Streit um
die genaue Zahl der jüdischen Opfer wird verbittert geführt, wie wenn
eine niedrigere Ziffer die Grausamkeit des Naziregimes kleiner machen
würde.
Jüdische Kollaboration
Welche
Mechanismen hinter dieser angeblichen projüdischen Zensur stecken, kann
anhand eines schmerzhaften Problems demonstriert werden: der
Kollaboration von Juden mit ihren Verfolgern während der Nazizeit.
Leider kam es immer wieder zu diesem traurigen Phänomen, dass jüdische
Personen, ja sogar Organisationen, aus unterschiedlichen Gründen zu den
Verbrechen an ihren Schwestern und Brüdern Hand boten. Dieses Verhalten
beschränkte sich nicht auf das von den Nazis besetzte Europa, sondern
war auch in der Schweiz, den USA und Palästina zu beobachten.
Bei gewissen
Nichtjuden gibt es solche, die sich gierig auf dieses Thema stürzen, um
damit eine Entschuldigung für sich zu suchen und den vermeintlichen
Beweis zu erbringen, dass «die Juden an ihrem Schicksal selbst schuld
seien». Die judenfreundlichen Gegner dieser Haltung versuchen hingegen,
die Belege für die Kollaboration zu verschweigen und zu unterdrü- cken -
weil sie wohl fürchten, zur gleichen Schlussfolgerung zu gelangen wie
die Judenhasser und deshalb die Stärkung der Rechtsextremen befürchten.
Kollaboration mit
Schweiz
Beide Seiten
übersehen, dass die Kollaboration eine Widerspiegelung bestehender
Machtverhältnisse ist. Es wird nicht aus purem Spass kollaboriert,
sondern weil die tatsächlichen Machthaber dies zu erzwingen wissen und
ein erpresserisches System benützen. Die Zusammenarbeit der Verfolgten
mit ihren Peinigern ist bestimmt keine noble Handlung, sie ist aber auch
überhaupt keine Entlastung für die Herrschenden.
Dieser Befund
trifft in groben Zügen auch für einige zentrale Funktionäre des
Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) zu, die sich aus
Angst vor den Schweizer Behörden in den dreissiger und vierziger Jahren
zur Zusammenarbeit gezwungen fühlten. Trotz der heftigen internen Kritik
wagten sie keinen offenen Protest gegen die unmenschliche Asylpolitik
der Schweizer Behörden. Einige jüdische Aktivisten warfen ihnen sogar
die Kollaboration mit dem Polizeichef Heinrich Rothmund vor. Diese
Zusammenarbeit soll in einigen Fällen zur Sabotage der Rettungsarbeit
geführt haben.
Kommission schaute weg
Die
Bergier-Kommission liess diese wichtigen Aspekte unbearbeitet und
erweckte in ihrem Flüchtlingsbericht den Eindruck, dass die SIG alles
unternommen habe, um Juden vor den Nazis zu retten. Der zuständige
Historiker, Jacques Picard, versucht, alle Hinweise auf die damaligen
Missstände zu diskreditieren. Nur: Die Sprache der Dokumente im
SIG-Archiv ist stärker als jedes Vertuschungsmanöver. Aus eigener Kraft
schaffte es die SIG bis anhin leider nicht, dieses dunkle Kapitel zu
verarbeiten.
Dies, obwohl es
immer wieder Anläufe in diese Richtung gab und eine Gruppe von
Gemeindemitgliedern seit einigen Jahren vergebens vor den Konsequenzen
der Vernachlässigung dieser wichtigen Aufgabe warnt. Die Abwehrhaltung
der jetzigen SIG-Führung ist nicht weitsichtig und gefährdet auf die
Dauer ihre Glaubwürdigkeit. Die SIG-Leitung macht sich damit
unnötigerweise für die Fehler ihrer Vorgänger mitschuldig.
Überzeichnetes
Judenbild
Die momentan
noch überwiegend projüdische Stimmung könnte nahtlos in das Gegenteil
kippen, und schon jetzt ernähren sich Rechtsradikale - nicht nur in der
Schweiz - von solchen Mängeln in der Geschichtsaufarbeitung. Das Bild
von «den Juden» ist nach wie vor entweder übermässig positiv oder
unverhältnismässig negativ. «Der Jude» ist in den Augen vieler kein
normaler Mensch - er ist ein Heiliger oder Dämon. Wobei der Übergang von
einem Vorurteil in das andere jeweils nahtlos erfolgen kann. Die
heutigen Judenliebhaber könnten durch ihre ebenso rassistischen
Vorurteile zu den Judenhassern von morgen mutieren.
Wie eine gut
meinende Judenliebe schlimme antijüdischen Vorurteile unbewusst
reproduzieren kann, demonstrierte die ehemalige LdU-Nationalrätin Verena
Grendelmeier. In einem Interview in der «Glückspost» sagte sie: «Die
Juden halten enorm zusammen, das fällt auf. Deshalb verkörpern sie auch
eine gewisse Macht. Und dann sind sie eben auch ausserordentlich
tüchtig.» Dass «die Juden» eben nicht «enorm zusammenhalten», fällt
schon bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung auf. Bei der
Feststellung Grendelmeiers schwingt das bekannte alte Vorurteil mit,
wonach «die Juden» ausgesprochenen Gemeinschaftssinn und fast
übernatürliche Macht («Jewish Power») besässen. Auch die erwähnte
jüdische Tüchtigkeit ist ein Stereotyp.
Banken glaubten Mythos
Der Mythos der
jüdischen Macht ist nicht zuletzt für die Globallösung zwischen den
Schweizer Grossbanken und den amerikanischen jüdischen Organisationen
verantwortlich. Es war nicht die Anerkennung der gerechtfertigten
jüdischen Forderung, sondern eine Überschätzung der Macht des World
Jewish Congress (WJC) als der Verkörperung des imaginären
«Weltjudentums», die die Banken zu diesem Abkommen führte. Wegen ihrer
antijüdischen Haltung haben die Banken die Ansprüche der Erben der
Naziopfer jahrelang missachtet, da sie diese als schwach einstuften.
Nach Artikeln in
der internationalen Presse und politischen Auftritten in den USA kippten
die Banken in der Folge ins andere Extrem und begannen - ganz nach alter
rassistischer Tradition - die «jüdische Macht» zu überschätzen. Sie
bauten diese so eigentlich erst auf.
Das Schwanken
zwischen den beiden Polen der Vorurteile kann ein Witz veranschaulichen:
Zwei Juden sitzen 1938, nach dem deutschen «Anschluss», auf dem Wiener
Zentralfriedhof. Der eine liest die jüdische Zeitung «Die Gemeinde», der
andere den nazistischen, antijüdischen «Stürmer». Fragt der «Gemeinde»-Abonnent:
«Reicht es nicht, dass diese Schweine da sind, musst du unbedingt auch
noch ihren Mist lesen? Bist du ein Selbsthasser?» Antwortet der «Stürmer»-Leser:
«So schau doch mal, was bei dir in der Zeitung steht: 'Die Juden werden
verfolgt, misshandelt, vertrieben' - und jetzt guck, was Schönes bei mir
steht: 'Die Juden beherrschen die Welt!'»
Dieses fatale
Pendeln der Wahrnehmung zwischen den Gegensätzen der totalen jüdischen
Schwäche oder eben Stärke sowie die gefährliche Spirale der Manipulation
und Gegenmanipulation in den Medien kann nur durch eine ehrliche, mutige
und sachliche Auseinandersetzung mit der Realität bekämpft werden. ·
Der Autor: Shraga Elam ist
israelischer freier Journalist in Zürich. Seine Spezialgebiete sind der
Nahe Osten und der Zweite Weltkrieg. Zuletzt erschien von ihm «Hitlers
Fälscher» (Überreuter-Verlag) über die Kollaboration von jüdischen,
Schweizer und US-Agenten mit der SS.
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