KEIN JÜDISCHER ANTISEMIT
Shraga Elam
Der Publizist
Henryk Broder wirft der Mehrheit der Juden «jüdischen
Antisemitismus» vor. Er behauptet dass es früher
für Juden «zwei Möglichkeiten gab, sich zu
emanzipieren: Man wurde jüdischer Antisemit, um
sich bei der Mehrheit einzuschleimen, oder
Zionist, um sich von der Mehrheit abzusetzen.»
Die meisten emanzipierten Juden waren
Antizionisten. Eigentlich waren es Zionisten,
die sehr starke antijüdische Tendenzen aufwiesen.
Denn gemäss dem zentralen Begriff der «Negation
der Diaspora» wurde das jüdische Dasein
ausserhalb von Eretz Israel als «krank»
betrachtet und Diaspora-Juden wurden mit
antijüdischen Klischees verunglimpft. Diese
Haltung prägte das israelische Bewusstsein
mindestens bis in die siebziger Jahre. Broder
zieht über Antizionisten im Allgemeinen und
jüdische Antizionisten im Speziellen her und
behauptet, dass ein antizionistischer Jude «tendenziell
ein Antisemit» sei. Er gibt einige Beispiele von
prominenten Israel-Kritikern wie Noam Chomsky
und Norman Finkelstein. Nur ist Chomsky Zionist
und Finkelstein ist kein Anti-Zionist.
Neben diesen bekannten
Personen wurde auch ich als Judenhasser
verleumdet. Ich stehe seit mehr als 30 Jahren zu
meiner antizionistischen Haltung, und deshalb
habe ich auch mein Geburtsland verlassen, wo ich
an drei Kriegen teilnahm. Es stellen sich
grundsätzliche Fragen, die nicht nur mich
tangieren: Warum ist ein Jude «tendenziell ein
Antisemit», wenn er nicht in Israel leben,
diesen Staat nicht unterstützen will und keine
Freude daran hat, dass Israel vorgibt, als «Judenstaat»
in seinem Namen zu reden und zu agieren? Warum
ist jemand, der gegen einen Apartheid-Staat ist
und für ein friedliches Zusammenleben von
sämtlichen Einwohnern des Landes westlich des
Jordans - unabhängig von ihrer religiösen
Zugehörigkeit -, «tendenziell ein Antisemit»?
Solange Israel nur der Staat von Juden und nicht
von sämtlichen Bürgern ist, ist es als
rassistisch und nicht demokratisch zu
betrachten. SHRAGA ELAM, ZÜRICH