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Israelische und
Jüdische Stimmen

Texte von Shraga Elam

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JUDEOPHOBIE  IN  DEUTSCHLAND:
ZUR  „MÖLLEMANN“-  UND  „KARSLI“- AFFÄRE
Shraga Elam *

 

Judeophobie** und ihre Zwillingsschwester Judeophilie sind quer durch die deutschen Lande mächtig im Vormarsch begriffen. Als Hauptursachen für eine solche Entwicklung sehe ich die israelische Politik gegenüber den Palästinensern sowie die arrogante Haltung pro-israelischer Organisationen bei deren Missbrauch des vergangenen und gegenwärtigen jüdischen Leidens, um israelische Kriegsverbrechen zu rechtfertigen.

 

Diese verwerflichen Attitüden stossen auf bereits vorhandene Vorurteile  bei Nicht-Juden und bilden so ein explosives Gemisch, das jederzeit hochgehen kann.  Wie dieser Mechanismus funktioniert, mag am Beispiel der Affäre um die deutschen Politiker Jamal Karsli  (geboren und aufgewachsen in Syrien)  und Jürgen W. Möllemann anschaulich illustriert werden. 

 

Im März 2002 gab der damalige „grüne“ nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Jamal Karsli eine Presseerklärung ab unter dem Titel:

Israel wendet Nazi-Methoden an!"  -   Dabei reagierte er nicht anders wie auch einige prominente Israelis auf jene Meldung, dass israelische Soldaten palästinensische Gefangene „nummeriert“ hätten.  “Machten sie [die Nazis] mit uns nicht solche Sachen?“, empörte sich die Grande Dame der israelischen Musik, die Nationalsängerin Yaffa Yarkoni, im israelischen Militärradio.

 

Karslis Tabu-Bruch löste parteiintern zunächst nur gedämpfte Reaktionen aus. Erst mehr als einen Monat später, nachdem er aus Protest gegen die Israel-freundliche “grüne” Haltung zur FDP*** übergewechselt hatte, wurde seine Aussage aufgewärmt und zu einer Affäre aufgeblasen. Die eigentliche Zielscheibe hier war jedoch nicht Jamal Karsli selbst, sondern sein vermeintlicher FDP-Pate Jürgen W. Möllemann.  Letzterer wusste nichts von der besagten Presseerklärung seines “Schützlings” und stand vorerst noch öffentlich zu ihm trotz eigener Distanzierung von Karslis scharfen Tönen.

 

Möllemann ging mit folgender Erklärung in die Offensive: "Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland leider gibt und die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art.“

Im Mai 2002 kritisierte sodann Karsli im rechtslastigen Publikationsorgan  Die Junge Freiheit den grossen Einfluss der zionistischen Lobby. Später versuchten Karsli und Möllemann, ihre Erklärungen abzuschwächen. Doch Anfang Juni spitzte sich die Lage erneut zu, nachdem Karsli mein unterstützendes Email mit der Empfehlung „sehr lesenswert“ an FDP-Politiker mit einer Empfehlung weitergeleitet hatte.  In meinem Schreiben stand u.a.:

„ ... nach reichlichen Recherchen und Überlegungen kann ich sagen, dass genügend überzeugende Beweise vorliegen, die den Vergleich zwischen der NS-Judenpolitik [in den 30er-Jahren] und der jetzigen israelischen Palästinapolitik absolut rechtfertigen. Bei allen Unterschieden zwischen den beiden Situationen zeigt sich doch eine gefährliche Ähnlichkeit, die nicht verschwiegen werden darf, weder aus Feigheit noch aus Bequemlichkeit und Gleichschaltung  -  und schon gar nicht im Namen der Naziopfer.”

 

Ohne auf die Aussage sachlich einzugehen, verlangte FDP-Chef Guido Westerwelle die Entfernung Karslis aus der Partei, weil dieser mein Email verbreitet hatte. 

 

Um keine Spaltung bei der FDP zu provozieren, verliess Karsli dieselbe, obwohl Möllemann ihn davon abzuhalten versuchte. Nach Karslis Austritt verlor Möllemann jedoch alles Interesse an dem Ex-Grünen und mied weitgehend Kontakte zu ihm. In seiner Wahlkampagne versuchte Möllemann schliesslich, sich erneut als unerschrockenen Israelkritiker zu profilieren, und in einem zweifelhaften Faltblatt griff er Sharon und den damaligen Vizepräsidenten der Juden in Deutschland, Michel Friedman, an, brachte darin jedoch seine Unterstützung von Israels Recht auf staatliche Existenz sowie für die Friedensbemühungen im Nahen Osten klar zum Ausdruck. Trotzdem wurde das Flugblatt als anti-jüdisch bzw. anti-israelisch verschrien, worauf Möllemanns politische Karriere abrupt endete.

 

Für einen mainstream-Politiker in Deutschland kann die Abstempelung zum Judeophoben tödlich sein (Möllemann zahlte dafür tatsächlich mit seinem Leben), unabhängig vom eventuellen Wahrheitsgehalt getroffener Aussagen. Karsli wiederum hat es wenig geholfen, vor einem deutschen Gericht belegen zu können, dass der Vergleich zwischen Nazi-Methoden und gewissen Praktiken der israelischen Armee sowie die Beschreibung des grossen Einflusses der zionistischen Lobby in Deutschland legitim seien und nicht automatisch als Wiedergabe antijüdischer Vorurteile verstanden werden dürfen.

 

Der an Möllemann und Karsli begangene Rufmord hat die Nahost-bezogene Friedensarbeit in Deutschland schwer belastet. Die vorgeführte Machtdemonstration der Pro-Zionisten vergrösserte Frustrationsgefühle in weiten Kreisen, die allesamt von der Empfindung getragen sind, dass in Deutschland sachlich berechtigte Kritik an Israel systematisch abgewürgt wird.  Es hat sich hier eine gefährliche Kluft zwischen Wahrheit und dem in den Medien Zulässigen aufgetan. Von dieser bedrohlichen Entwicklung können Rassisten und Fanatiker aller Art profitieren. Rechtsradikale und reaktionäre Zionisten sehen sich dabei in ihren finstersten Obsessionen bestätigt. Die Ersteren können das verbreitete Unbehangen kanalisieren; denn nur wenige Anti-Rassisten wagen es, das Thema mutig anzugehen. Sodann werden solche Affären aber auch als „Beweise“ für abstruse Theorien über eine vermeintliche jüdische Weltverschwörung instrumentalisiert. Zionisten wiederum sehen in der wachsenden Unmut eine Bestätigung ihres Vorurteils, dass nämlich alle Nicht-Juden auf ewige Zeiten unverbesserliche Judeophobe blieben. Der eigene Beitrag zur total verfahrenen Lage wird verdrängt oder glatt geleugnet.

 

Nur eine offene und streng sachliche Behandlung derart tabuisierter Themen könnte jedoch angestaute Zwangsvorstellungen bei allen Betroffenen neutralisieren helfen und damit auch die Hoffnung auf einen friedlichen Ausgang des Nahost-Konflikts sowie auf eine wirkungsvollere Auseinandersetzung mit dem Rassismus und sonstigen Xenophobie-Phänomenen in Europa erhöhen.

 

* Shraga Elam, israelischer Journalist und Friedensaktivist,  lebt seit 1979 in

   der Schweiz (Zürich).

** Bei der Qualifizierung antijüdischer Vorurteile ziehe ich den Begriff

   Judeophobie dem gängigen in sich bereits rassistischen Ausdruck

   Antisemitismus vor.  Diesen hatte bekanntlich der „Historiker“ und „NS-

   Vordenker“ Wilhelm Marr bereits 1879 in die Welt gesetzt.

*** FDP = Freie Demokratische Partei.  Es handelt sich dabei um die

    „Liberalen“. 

 

 

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