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Israelische und
Jüdische Stimmen

Texte von Shraga Elam

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SonntagsZeitung; 21.04.2002; Seite 19
Thema

«Das alte Ablenkungsmanöver mit dem Judenhass-Vorwurf»
Für Shraga Elam ist die Schweizer Presse zu wenig kritisch

Shraga Elam

Seit der Auseinandersetzung über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und die nachrichtenlosen Vermögen sind in unserem Land zwei entgegengesetzte Entwicklungen zu beobachten: Einerseits wuchs der jüdische Einfluss unverhältnismässig zur tatsächlichen Macht dieser doch kleinen Minderheit; anderseits stiegen im Gegenzug die antijüdischen Gefühle in breiten Bevölkerungsschichten. Die Zunahme des Judenhasses ist zwar kurzfristig eher ungefährlich, gewinnt aber durch die jetzige brutale israelische Politik zusätzlichen Auftrieb. Mögliche Gewaltakte gegen Juden sind nicht mehr nur ein paranoides Hirngespinst.

Es stellen sich aber «unanständige» Fragen: Inwiefern tragen gewisse Juden selber zu diesem Vorgang bei? Inwiefern bilden die Arroganz der Macht und anderes Fehlverhalten von jüdischen Prominenten einen Nährboden für die Vorurteile gegenüber den Juden? Verlieren viele Juden nicht ihre Glaubwürdigkeit und setzen sich dem Vorwurf der Doppelmoral aus, wenn sie gegenüber den israelischen Kriegsverbrechen praktisch kritiklos bleiben, sie gar unterstützen und gleichzeitig mit der eigenen schrecklichen Geschichte dem nicht jüdischen Publikum ein schlechtes Gewissen zu machen versuchen? Ist die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg für Israel eine Lizenz zum Töten?

«Jüdische Kampagne ohne Rücksicht auf Wahrheit»

Die erzwungene und notwendige Aufarbeitung der Schweizer Rolle während der Nazizeit hinterliess den bitteren Geschmack eines Kniefalls der Schweiz. Die jüdischen Organisationen in den USA führten eine Kampagne ohne Rücksicht auf Wahrheit und Verluste und machten durchschaubar, dass es ihnen primär um Geld und Macht und nicht um die Interessen der Naziopfer und Gerechtigkeit ging - was die Vorurteile gegen die «geldgierigen Juden» verstärkte.

Zumindest eine wichtige Lehre aus der «Nazigold-Affäre» gewann breite Anerkennung: Zu Kriegsverbrechen soll nicht einfach geschwiegen werden, und Täter darf man nicht unterstützen. Ansonsten macht man sich mitschuldig.

Diese richtige Auffassung gilt aber auch für israelische Kriegsverbrechen. Denn die konkrete Absicht, eine Massenvertreibung zu veranstalten, lässt sich kaum mehr verstecken. Das deklarierte israelische Ziel sei die Zerstörung der palästinensischen «terroristischen» Infrastruktur. Nur: Diese existiert mittlerweile - wegen des eskalierenden Palästinozids in den Köpfen der meisten Palästinenser. Sollen sie jetzt im Rahmen einer neuen «Endlösung» ausgemerzt werden?

«Die Schweizer Medien zensurieren sich selber»

Die Welt schaut diesmal zu und begnügt sich - wie auch die Schweiz - nur mit einigen wenigen zaghaften Warnsignalen an die Adresse Israels. Die hiesigen Medien gehen mit ihrer Kritik selten so weit wie zum Beispiel das israelische Militärradio, das hohe Offiziere mit unbequemen Fragen konfrontiert oder einen Aufruf der Nationalsängerin Yaffa Yarkoni zur Dienstverweigerung ausstrahlt.

In Israel herrscht Militärzensur, in der Schweiz nicht. Trotzdem berichtet die zum Teil selbst zensurierte und «ausgewogene» Schweizer Presse nur ganz am Rand über den israelischen «Plan Dornenfeld», der unter anderem die konkrete Vertreibung der Palästinenser vorsieht.

Jüdische Organisationen wie David oder die Anti Defamation League versuchen, Druck auf die Medien und auf die offizielle Schweiz auszuüben, um die berechtigte Kritik gegenüber Israel einzudämmen. Sie greifen dabei zum alten Ablenkungsmanöver mit dem Judenhass-Vorwurf. Diese Anschuldigung ist aber nur dann angebracht, wenn antijüdische Vorurteile sich mit sachlichen Argumenten vermischen.

Bis vor kurzem funktionierte diese Lobbyarbeit weit gehend. Denn ein karrierebewusster und in der Sache nicht sehr bewanderter nicht jüdischer Journalist oder eine andere öffentliche Figur überlegt es sich zweimal, bevor sie sich kritisch äussert. Jetzt zeichnet sich aber langsam eine Wende ab.

Die jüdischen Gemeinden in der Schweiz stecken in einem fürchterlichen Dilemma: Diejenigen, die sich bedingungslos mit der israelischen Regierung solidarisieren, riskieren nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern machen sich auch zu Komplizen.

Andere Stimmen, die offensichtlich die Mehrheit der Juden ausmachen, plädieren zu einer gewissen solidarischen Kritik, fühlen sich aber angesichts der palästinensischen Selbstmordattentate verunsichert und wollen vor allem keine Spaltung der Gemeinde provozieren. Sie realisieren vermehrt, wie Israel für sie zum Alptraum, zur Belastung und Bedrohung geworden ist statt zum Zufluchtsort - und dass diese ersehnte Lebensversicherung mit viel palästinensischem Blut und Leiden bezahlt worden ist.

Shraga Elam ist Israeli und arbeitet als freier Journalist und Buchautor in Zürich

 

 

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