Entweder „Frieden" mit Gewalt oder Zwangsumsiedlung?
Shraga Elam
Nach einem US- Bericht haben die PalästinenserInnen nur
die Wahl zwischen einer Zwangsumsiedlung mit Tausenden von Toten
oder einem „Frieden" ohne Menschenrechte aber mit Gewalt.
Jeder mit einem Internetzugang kann einen
Blick auf die Richtlinien der Israelischen
‘Verteidigungs’streitmacht (IDF, die israelische Armee, die Red.)
für ihre gegenwärtige Operation gegen die PalästinenserInnen werfen.
Nach dieser Publikation werden weitere Eskalationen mit der
Vertreibung von PalästinenserInnen aus „sensiblen Regionen" und der
„Verhaftung von Verantwortlichen der palästinensischen
Autonomiebehörde und der Einsetzung einer neuen Militärverwaltung"
beantwortet werden. Die dabei zu erwartenden Kämpfe von Haus zu Haus
lassen nach dieser Quelle den Tod Tausender PalästinenserInnen
erwarten, sowohl von palästinensischen Sicherheitskräften wie auch
von Zivilisten.
Die IDF muss im Rahmen dieser
Operation den Tod Hunderter israelischer Soldaten und weiterer
Tausender Verwundeter auf beiden Seiten einkalkulieren. Die einzige
Möglichkeit, diese Gefahr abzuwenden, so diese Publikation, ist die,
dass die Palästinensischen Behörde (PA) die Al Aksa -Intifada
rücksichtslos und effektiv unterdrücke, und zwar ohne „übertriebene"
Rücksicht auf Menschenrechte. Das detaillierte Programm wurde unter
dem Namen ‘Dornenfeld’ im Rahmen eines pro-israelischen
Berichtes veröffentlicht, der von Anthony H. Cordesman verfasst
wurde, ein ‘Experte’ für den Nahen Osten beim einflussreichen
Zentrum für Strategie und internationale Studien (CSIS) in
Washington — ein Institut mit starker Anbindung an den
CIA.
1)
Es ist völlig ungewöhnlich für eine
Militärmacht, ihre Pläne zu publizieren und es dem Feind zu
ermöglichen, in diesem Fall der Palästinensischen Autonomiebehörde
(PA), mitten im Kampf eine Kopie davon zu lesen. Diese Tatsache
schmälert die Zuverlässigkeit der Information keineswegs,
insbesondere weil viele Teile der in diesem Bericht erwähnten
Maßnahmen schon genau so durchgeführt wurden. Die Veröffentlichung
dieses Plans scheint Teil des US-israelischen Druckes auf die
Palästinensische Autonomiebehörde zu sein, damit sie selbst die
Intifada brutal niederschlägt.
„Sie muss der zivilen Gewalt ein
Ende bereiten, auch wenn das eine exzessive Gewaltanwendung
bedeutet, die über das übliche Maß westlicher Polizeieinsätze
hinausgeht." 2)
„Die Frage", so der Bericht, „ist nicht, ob extreme
Sicherheitsmaßnahmen manchmal angewandt werden oder ob sie manchmal
notwendig sind. Die Frage ist vielmehr, wie oft solche Aktionen
geschehen, wie konzentriert sie auf die angewandt werden, die
Terrorismus unterstützen und wie sie unter dem Gesichtspunkt ihrer
jeweiligen Kosten- Nutzen-Rechnung gerechtfertigt sind."
3)
Operation
"Dornenfeld"
Schon zu Beginn des Abkommens von Oslo plante die IDF die
Möglichkeit, die Territorien zurückzuerobern, die bereits an die
Palästinenser übergeben worden waren. Das „Dornenfeld" wurde mittels
Simulationen und Übungen 1996 entwickelt und getestet. Während der
Verhandlungen in Camp David im Juli 2000 änderte die IDF ihren
Übungsplan von einer polizeilichen Sicherheitsoperation zu einer
ausgewachsenen Militärmission, in der alle Einheiten den
Sondereinsatz von Aufstandsunterdrückung trainierten. Der Code
dieser Operation hieß ‘’Zauberlied", die auf ein Konfliktszenario
geringer Intensität vorbereitete. Die Vorbereitungen für den
schlimmsten Fall (den „worst case") liefen unter dem Code ‘’Ferne
Welt’. ‘ Dieses sieht die gewaltsame Einnahme palästinensischen
Territoriums durch die israelische Armee und die Einrichtung einer
Militärverwaltung vor, wenn die Situation einen solchen Schritt
rechtfertigen würde."
4)
Die Jerusalem Post schrieb 1997
über die Operation ‘’Dornenfeld": „Sie ist das Szenario für ein
Blutbad. Israelische Panzer rollen in palästinensische Städte ein
und sind mit Jugendlichen konfrontiert, die mit Steinen, Molotow-
Cocktails und Gewehren bewaffnet sind. Israelische Soldaten und
palästinensische Polizei bekriegen sich im Häuserkampf; israelische
Kampfhubschrauber greifen haargenau strategische palästinensische
Ziele an. Die Opfer sind immens."
5)
Nach den Simulationen und Übungen der
IDF wird die Wiederbesetzung palästinensischen Gebietes zwischen
einigen und 24 Tagen dauern. Dies hängt von der israelischen Taktik
ab. „Wenn du z.B. ein Gebäude hast, aus dem 20 Palästinenser auf
dich schießen," sagt Zvi Shtauber, von 1992 bis 95 der Kopf der
strategischen Planungsabteilung der IDF, „stellt sich die Frage, sie
anzugreifen oder zu warten, bis sie müde und hungrig sind." Die
hochgeachtete Janes Intelligence Review (vom 1.3.97.) schrieb, dass
aus der Sicht Israels ‘’die militärischen Kosten der Rückeroberung
direkt proportional zur israelischen Zurückhaltung sind: Je größer
sie ist, desto länger die Opferliste der IDF.
6)
Für dieses Szenario gibt es keine Schätzungen über Zahl
palästinensischer Opfer.
Da schon viele Maßnahmen der Operation
Dornenfeld durchgeführt wurden, wird im Falle eskalierender Gewalt
Israel mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Schritte aus diesem Plan
unternehmen (s. Anhang). Die Verschleppung von PalästinenserInnen
aus bestimmten Gebieten, wie Beit Jala, sollte daher als konkrete
Gefahr erkannt werden. 7)
Die Sunday Times vom 26.11.2000 berichtete, dass israelische Panzer-
und Infanterie-Einheiten sich auf die Rückeroberung
palästinensischer Gebiete vorbereiten. Barak wurde von der Regierung
schon am 23. November autorisiert, die notwendigen militärischen
Entscheidungen ohne Rücksprache mit dem Kabinett zu treffen.
Natürlich stellen diese Vorbereitungen und ihre Veröffentlichung ein
zentrales Element des Druckes auf Arafat dar. Aber das heißt nicht,
dass Barak nur blufft. Er ist zynisch und rücksichtslos genug,
diesen mörderischen Plan durchzuführen als einen vielversprechenden
Teil seiner Wahlkampagne. Außerdem steht er unter ständigem Druck
der IDF, das zu machen. Da es schwer vorstellbar ist, dass der
Premierminister Israels diese Schritte ohne Zustimmung der USA wagen
würde, gibt es kaum Aussichten, dass eine wirkungsvolle, offizielle
internationale Schutztruppe rechtzeitig in dem palästinensischen
Gebiet stationiert würde. Deshalb sollte die bestehende reale Gefahr
für die PalästinenserInnen nicht unterschätzt werden und die
Stationierung einer internationalen Friedenstruppe sofort geschehen.
Die Erfahrungen der Gruppe um den mutigen Israeli Nata Golan, der
wochenlang im Dorf Harres bei Nablus in der West Bank gelebt hat, um
die Dorfbewohner vor den Angriffen von Siedlern zu schützen, zeigen,
dass Widerstand von unten nützlich sein kann.
CSIS-Bericht
Neben den erschreckenden Szenarien und
dem Plan „Dornenfeld" ist die sehr qualifizierte Analyse von
Cordesman von Ehrlichkeit und Offenheit gekennzeichnet. Ohne
Emotionen gesteht er als gut informierter und mit guten Verbindungen
versehener Unterstützer Israels, dass das Abkommen von Oslo von sich
aus nicht in der Lage war, den PalästinenserInnen Gerechtigkeit
zukommen zu lassen und dass diese Situation auch für die kommenden
Jahre weiter bestehen bleibe. „Selbst wenn jetzt eine
Friedensvereinbarung getroffen werden könnte, würden noch immer
größere Probleme und die ständige Drohung von Gewalt mindestens auf
niedrigem Niveau bleiben. Jeder für beide Seiten annehmbare
Kompromiss wird Jerusalem und die West Bank tief gespalten lassen.
Ein Großteil der West Bank wird unter israelischer Kontrolle bleiben
und mindestens der Großraum Jerusalem würde für neue israelische
Siedlungen offen bleiben. Auf Jahre hinaus kann kein Friede die
ökonomischen und politischen Erwartungen der jüngeren
PalästinenserInnen erfüllen." 8)
Da Israel zu keinerlei Konzessionen bereit ist, oder, wie
Cordesman sagt, sie „nicht machen kann", gibt es nur zwei
Alternativen: entweder „Gewaltfrieden" oder Krieg.
Gewalt"frieden" bedeutet, so der
US-Experte, ein palästinensisches Selbstunterdrückungssystem, das
vom CIA und seinen israelischen Kollegen aus der Ferne kontrolliert
wird. Die palästinensischen Behörden müssen die „Extremisten" und
„Terroristen" kontrollieren, weil das Gewaltpotenzial als
integrierter Teil der ungerechten „Lösung" für lange Zeit weiter
bestehen bleiben wird. Cordesman erkennt sehr wohl die mit dem
Abkommen von Oslo entstandene Tatsache, dass nämlich — neben anderen
Ungerechtigkeiten — der zunehmenden Verarmung der eh schon armen
Mehrheit der PalästinenserInnen. „Das reale Pro-Kopf-Einkommen für
die West Bank und den Gaza Streifen fiel um 36% zwischen 1992 und
1996. .(…. ). Die CIA schätzt, dass dieser beträchtliche Rückgang
ökonomischer Aktivitäten zur Verringerung der Lebenserwartung um
fast 2 Jahre und zu einem signifikanten Anwachsen der
Kindersterblichkeit zwischen 1997 und 2000 führen wird.
9)
Anstatt nach Wegen zu suchen, diese verzweifelte
ökonomische Lage zu verbessern, schlägt Cordesman Israel vor,
fortzufahren im Gebrauch solch effektiver Waffen wie Einschränkung
der Bewegungsfreiheit und ökonomischer Kriegsführung, da sie weniger
„schlechte Schlagzeilen" verursacht als der Gebrauch von
Kriegswaffen.
Zur gleichen Zeit schreibt er:
„Einschränkung der Bewegungsfreiheit und ökonomische Kriegführung
verursachen weitere Probleme. Die Einschränkung bedeutet, die
Palästinenser zu isolieren und die Wirtschaft der betroffenen Region
zu lähmen. Bei der bereits schwachen Ökonomie in der West Bank und
im Gazastreifen hat dies eine sofortige und brutale menschliche
Wirkung, die alle dort Lebenden einschließt, nicht nur die
Gewalttätigen."
10) Aber die schrecklichen Waffen des ökonomischen
Krieges, die im Kern eine langsame Form des Tötens sind, haben sich,
so Cordesman, als sehr effektiv im Kampf gegen Hamas und den
islamische Jihad erwiesen. Diese Organisationen haben eine
beträchtliche Unterstützung im Volke verloren, wegen des übergroßen
Verlustes an Jobs und Handel, der mit ihren militärischen
Aktivitäten (Cordesman spricht von ‘Terror’) gegen Israel
einherging.
„Frieden und Sicherheit als
natürliche Feinde der Menschenrechte". So lautet ein Kapitel in
Cordemans Werk. „Israelischer Druck und palästinensische Politik
veranlassten die palästinensischen Sicherheitsbehörden, Sicherheit
über die Menschenrechte zu stellen, lange bevor die Krise im
September 2000 begann, obwohl sie das oft eher machten, um die
herrschende Elite zu stützen als um den Friedensprozess zu schützen
(...) Kritiker der palästinensischen Sicherheitsbehörden müssen
verstehen, dass solche Probleme die Regel bleiben und nicht die
Ausnahme. Es wird in Zukunft keinen Frieden oder stabilen
Friedensprozess geben, wenn die palästinensischen
Sicherheitsbehörden nicht rücksichtslos und effektiv handeln. (...)
Tun sie es nicht, werden die Nettokosten an Frieden und
Menschenrechten für die meisten Palästinenserinnen verheerend sein.
Israelische und amerikanische Führer haben sich auf den Terrorismus
konzentriert als ein Maßstab für das Engagement der
Palästinensischen Autonomiebehörde am Friedensprozess."
11)
Diese Politik war bis zum
September erfolgreich und sollte wieder aufgenommen werden, so der
einflussreiche Experte mit seinen weit reichenden
anti-demokratischen Empfehlungen: „Israelische Sicherheitskräfte
müssen gegen extremistische und terroristische Kräfte operieren, die
es gelernt haben, ihre Aktivitäten mit einem ‘seriösen’ politischen
Mantel zu verkleiden, um absichtsvoll die Rhetorik von
Menschenrechten und Demokratie zu manipulieren, um
Menschenrechtsgruppen und die Medien zu manipulieren und um jede
Schwäche im Vollzug von Recht und Gesetz auszunutzen."
12)
Falls die Hoffnung existierte, dass die
Intifada die palästinensischen Chancen für eine gerechte Lösung
verbessern würde, für mehr Achtung ihrer legitimen Rechte, so stellt
sie der CSIS-Bericht einzig vor die fürchterliche Wahl: Entweder
‘Friede’ mit Gewalt oder die Fortsetzung und Eskalation der
Operation ‘Dornenfeld’.
Shraga Elam ist ein
israelischer Recherchierjournalist mit Sitz in Zürich. Jüngst
veröffentlichte er ein vielbeachtetes Buch über die
Zusammenarbeit der damaligen zionistischer Führung mit den
Nationalsozialisten.
Operativer Plan
von „Dornenfeld"
Bereits durchgeführt:
-
Massive IDF-Truppenverstärkung
an Konfliktpunkten
-
Einsatz weiterer Kräfte zum
Schutz von Siedlungen, Hauptstraßen und Geländepunkten
-
Einsatz von Kampfhubschraubern
und Heckenschützen, um Bewegungen vorzubereiten
und Kämpfe zu unterdrücken
-
Einsatz von Handfeuerwaffen,
Artillerie und Panzer zur Ausschaltung von Heckenschützen,
Steinewerfern und Demonstrationen
-
Bombardierung durch Einsatz von
Artillerie und Hubschraubern von bedeutenden Stellungen der
Palästinenser sowie die Bestrafung von angreifenden
PalästinenserInnen.
-
Festnahmen und Überfälle in
palästinensischen Gebieten von Westbank und dem
Gazastreifen.
-
Selektive Zerstörung
bedeutender palästinensischer Einrichtungen und Beseitigen
von wichtigen Positionen in der Nähe palästinensischer
Städte
-
Brechen des organisierten
Widerstandes durch Festnahmen oder Tötung von
Schlüsselfiguren
-
Mobilisierung und Einsatz
gepanzerter und anderer Landstreitkräfte angesichts massiver
palästinensischer Erhebungen
Teilweise durchgeführt:
-
Einsatz größerer Panzer und
Artillerie zur Isolierung größerer palästinensischer
Wohnbereiche und hermetische Abriegelung palästinensischer
Gebiete, einschließlich vieler Bereiche der Zone A.
-
Einführung parallel
verlaufender ökonomischer Blockaden mit selektiven
Unterbrechungen des Finanzverkehrs, der Arbeitserlaubnisse
und der Lieferungen von Nahrungsmitteln.
-
Ausnützen der israelischen
Kontrolle über Wasser, Strom, Fernmeldeeinrichtungen und
Straßen, um Größe und Dauer palästinensischer Aktionen zu
begrenzen
-
Regulierung und Kontrolle des
Zugangs zu den Medien und Leitung einer umfassenden
Informationskampagne zur Beeinflussung der örtlichen und
Weltmeinung
-
Einsatz von im Städtekampf
trainierter Truppen zum Eindringen in Städte,
höchstwahrscheinlich für Städte mit jüdischen Enklaven wie
Hebron
Noch nicht angewandt:
Anmerkungen:
1 Anthony H. Cordesman, Friede und
Krieg: Israel gegen die Palästinenser: Eine zweite Intifada? - Ein
Entwurf, Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS),
letzte Ausgabe vom 9.11.2000
http://www.csis.org/stratassessment/reports/IsraelPalestine.pdf
2 CSIS-Bericht Seite 106
3 CSIS-Bericht S. 115
4 David Eshel (Offizier i.R. der IDF):IDF PREPARES 08/2000
5 Peter Hirschberg: Kriegsspiele, Jerusalem Report, 4.9.1997
6 Jane’s Intelligence Review 1.3.1997 Mittlerer Osten: Die Neigung
zum Konflikt — Kriegsszenarien
7 Beit Jalla ist eine Stadt nahe Bethlehems, und zwar gerade über
der strategischen Umgehungsstraße, die die israelische Siedlung Gush
Etzion [in der Westbank] mit Jerusalem verbindet. In der aktuellen
Intifada haben bewaffnete PalästinenserInnen oft die Straße
beschossen, so dass die Straße gesperrt wurde.
8 CSIS-Bericht S.9
9 CSIS-Bericht S.54
10 CSIS-Bericht S.14
11 CSIS-Bericht S.106
12 CSIS-Bericht S.107
Übersetzung aus dem Englischen:
Walter Wiese
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