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DOPPELPUNKT
STAATSRAISON UND MORAL:
DIE BRÜCKE VON SANKT
MARGRETHEN
Menschen als internationale Handelsware
(Sonntag,
11. Januar
1998,
20.00 - 21.00, DRS1;
Z: Mittwoch,
14. Januar
1998,
15.00 - 16.00, DRS2)
Hanspeter
Gschwend und Shraga Elam
Signet:
„Doppelpunkt“
Gd.:
Am 21, August 1944, um 10Uhr 30, liessen die Schweizer Wachtposten am Brückenkopf von Sankt
Margrethen einen Mann um die sechzig auf die Brücke treten, welche
über den alten Rhein ins damalige Hitlerdeutschland führte, ins
heute wieder österreichische Höchst. Von dort her schritten vier
Männer auf ihn zu, voran ein eleganter und schnittiger
Mittdreissiger in der Uniform eines SS-Oberstleutnants. Der ältere
Mann auf der Schweizer Seite war Jude. Die Herren begrüssten sich
und begannen eifrig zu verhandeln, stehend und mitten auf der
Brücke.
Am selben Tag
rollte ein Zug mit 318 ungarischen Juden aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen in
die Schweiz.
Der Schweizer auf
der Brücke hiess Saly Mayer. Er war ehemaliger Besitzer einer
St.Galler Spitzenfabrik und vormaliger Präsident des Schweizerischen
Israelitischen Gemeindebundes. Zum Zeitpunkt, von dem wir
berichten, war er Schweizer Vertreter einer amerikanisch-jüdischen
Hilfsorganisation, des „American Jewish Joint Distribution Commitees“,
bekannt unter dem Kürzel „Joint“ - das heute unter andern
Organisationen für die Verteilung von Geldern des Holocaust-Fonds
sorgt. Doch obwohl es in den Verhandlungen auf der Brücke für Saly
Mayer genau um eines der Ziele des „Joint“ ging, nämlich um die
Rettung von Juden vor der Vernichtung durch die Nazis, durfte er
nicht im Namen des „Joint“ verhandeln. Er erklärte seinen
Verhandlungspartnern, er spreche im Auftrag einer schweizerischen
Organisation. Warum, werden wir hören.
Der SS-Offizier
hiess Kurt A. Becher und stand bei SS-Reichsführer Heinrich Himmler
in hoher Gunst, weil er den grössten ungarischen
Schwerindustriekonzern Weisz seinen jüdischen Besitzern abgepresst
und in SS-Hände überführt hatte. Nebst zwei weiteren Nazis nahm auch
Rudolf Israel Kastner an der Seite Bechers an der Verhandlung teil.
Kastner vertrat eine ungarische zionistische Rettungsorganisation.
Das Angebot der
Deutschen an Saly Mayer: Gegen
10'000 Lastwagen sollten
Juden aus dem nationalsozialistischen Machtbereich nach Amerika
auswandern dürfen - auf den Schiffen, die die Lastwagen aus Amerika
liefern würden.
Dies geschah, wie gesagt, im August
1944 -
zu einem Zeitpunkt, da einerseits die Nazis die systematische
Vernichtung der Juden fortführten, zu einem Zeitpunkt, da
andererseits die Amerikaner über Rom hinaus nach Norditalien
vorgedrungen waren, die Befreiung von Paris unmittelbar bevorstand
und die Russen an die polnische Grenze und in den Balkan
vorstiessen.
Die Verhandlungen
von Saly Mayer mit den SS-Leuten waren damals nicht die einzigen
der Art. Wie waren sie überhaupt möglich? Waren sie seriös? Ging es
wirklich um die Rettung von Juden bzw., um Waren und Geld, oder ging
es um ganz anderes? Haben da Juden mit SS-Leuten kollaboriert oder
SS-Leute mit Juden, und wenn ja, mit welchem Ziel? Und warum sind
viele Versuche, durch solche Verhandlungen Juden zu retten,
gescheitert?
Um es gleich
vorauszunehmen: Es gibt viel Literatur zu diesem Thema, aber es gibt
keine eindeutige Antwort, und erst recht können wir sie nicht in
einer Radiosendung geben. Aber wir können das vorhandene Material,
die Literatur und die Recherchen, die der Publizist Shraga Elam für
den Verlag Ringier und für „Doppelpunkt“ gemacht hat, als Beispiel
heranziehen für die Diskussion einer These, die schon Machiavelli
vor bald 500 Jahren in seinem Buch „Il Prinicpe“ formuliert hat:
Sprecherin:
Oft ist es
notwendig, um einen Staat erhalten zu können, gegen Treu und
Glauben, gegen die Nächstenliebe, gegen die Menschlichkeit und gegen
die Religion zu handeln.
[1]
Gd.:
Man kann dieser Liste von Prinzipien, die über Bord
geworfen werden, wenn es darum geht, die Interessen eines Staates zu
verfolgen - und diese Interessen sind immer auch mit
wirtschaftlichen Interessen verflochten - man kann dieser Liste von
Prinzipien, die da plötzlich nicht mehr gelten, auch die Ideologie
hinzufügen.
Um also
Anschauungsmaterial für die Diskussion der These zu erhalten, dass
Machiavelli auch nach 500 Jahren und für demokratische Staaten ebenso wie für Dikataturen
noch Gültigkeit hatte und hat, müssen wir eine Zeitschlaufe in die
weitere Vorgeschichte der Begegnung auf der Brücke von St.Margrethen
machen und zunächst die Politik der Nazis gegenüber den Juden
betrachten, die zur systematischen Vernichtung geführt hat. Unser
Gewährsmann ist dabei wie erwähnt Shraga Elam, ein in der Schweiz
lebender Israeli, der sich von einer auf alle Seiten hin kritischen
Position her seit langem mit dieser Thematik auseinandersetzt und
Ergebnisse kürzlich in dem Buch „Die Schweiz am Pranger“ sowie in
verschiedenen Artikel in der Zeitschrift „Cash“ veröffentlicht hat.
Sprecher:
Die gängige
Interpretation begründet die Judenvernichtung zu schwergewichtig mit
der Naziideologie. Sie vernachlässigt dabei die Tatsache, dass auch
die Nazis eine Realpolitik betrieben. So wird behauptet, dass es dem
Hitler-Regime von Anfang an und konsequent um eine bedingungslose
Ausrottung der Juden ging. Es muss jedoch in aller Deutlichkeit
gesagt werden, dass das Projekt "Auschwitz" in den Jahren
1940
und '41 eher als Wende in der
deutschen Judenpolitik zu betrachten ist.
Denn bis zu
diesem Zeitpunkt verfolgten die Nazis „nur“ - nur in
Anführungszeichen - das Ziel, die Juden aus ihrem Machtbereich bzw.
aus Europa zu vertreiben.
So wird es
verständlich, dass der Zionismus in den 30er
Jahren die offene Unterstützung der Nazis genoss, denn diese beiden
nationalistischen Bewegungen sahen - freilich aus ganz
unterschiedlichen Motiven - keine Zukunft für die Juden in Europa.
So konnten
auch noch während des Krieges zionistische Organisationen im
deutschen Einflussgebiet legal operieren. Und schon in den
30er Jahren hatte die Führung der Jüdischen Gemeinde
in Palästina ein wirtschaftliches Abkommen mit Nazi-Deutschland
abgeschlossen: das sog. Ha'avara- oder Transfer-Abkommen.
Laut dieser
Abmachung durften deutsche Juden ihre Vermögen - allerdings nur
unter grossen Einbussen - nach Palästina transferieren. Ihre
Besitztümer in Deutschland wurden - selbstverständlich nicht zum
vollen Preis - verkauft, und aus dem Erlös wurden deutsche Produkte
erstanden, welche in den Nahen Osten gesandt wurden. Eine für dieses
Geschäft speziell gegründete Gesellschaft verkaufte diese Ware, um
dann das Geld - abzüglich happiger Spesen - den ursprünglichen
Besitzern zu vergüten.
Auf diese
Weise wurden die Nazis mehrere reiche Juden los, ohne dass sie dies
spärlich vorhandene Fremdwährung kostete, und die Auswanderung von
wenig bemittelten Juden wurde dadurch begünstigt. Die Zionisten
erhielten dadurch dringend notwendiges Kapital für den Aufbau des
jüdischen Staates, während das Nationalsozialistische Regime die
von jüdischen Organisationen geführten internationalen Boykotte
durchbrechen konnten. Denn eine der wichtigsten den Boykott
führenden Bewegungen wurde plötzlich zur Generalvertretung
deutscher Güter für den ganzen Nahen Osten.
Diese
Politik stand allerdings im Widerspruch zur Tatsache, dass der
palästinensische Mufti, der Führer der arabischen Bevölkerung
Palästinas, ein Verbündeter der Nazis war. Deshalb wurde dieser
Handel 1938
offiziell beendet. Kurz zuvor aber hatte die SS angefangen, sich für
den Zionismus zu interessieren. Als Experte für diese Frage trat
niemand anders als Adolf Eichmann auf. Eichmann war der
Verantwortliche der SS für die jüdische Auswanderung, die dann im
Lauf der Zeit zur Deportation und Vernichtung wurde. Es gibt
zahlreiche Berichte von seinem Besuch in Haifa 1938.
Praktisch unbekannt ist, dass er enge Kontakte mit zionistischen
Vertretern in Wien pflegte, die ihm auch Hebräisch-Unterricht
vermittelten - Eichmann bezahlte dafür 3 Reichsmark pro Stunde.
Vor diesem
Hintergrund muss das vom Staat organisierte Pogrom, die
'Kristallnacht' im November 1938,
gesehen werden: Als Massnahme, die durch ihre Schockwirkung die
Massenemigration der Juden auslöst. Tatsächlich wuchs danach die
Zahl der Juden, welche die Flucht ergriffen, schlagartig.
Gd.:
Offenbare Widersprüche erweisen sich also als
pragmatische Logik: Dass die Nationalsozialisten mit den Zionisten
ein Abkommen schlossen, das die Auswanderung der Juden nach
Palästina fördert, kommt beiden Seiten auf ihre Weise entgegen,
obwohl der Judenhass zur Ideologie des einen Vertragspartners
gehörte, und der andere durch die Verfolgungen, denen die Juden zum
Zeitpunkt des Abkommens bereits ausgesetzt waren, die Bösartigkeit
dieses Partners kennen musste. Zwei Punkte sind dabei noch zu
erwähnen: Die meisten deutschen Juden waren keine Zionisten und
wollten in Deutschland leben. Und das Transfer-Abkommen wurde mit
ausdrücklicher Genehmigung durch Adolf Hitler geschlossen.
Selbst als diese
Pragmatik in Konflikt mit einem andern Grundsatz kam, nämlich der
Treue zu Verbündeten im Fall des palästinensischen Muftis, führten
die Nazis unter der Hand die Geschäfte mit den Zionisten noch
weiter, solange es anging.
Erst ende
1940,
anfangs 1941 wurde die systematische Vernichtung der Juden Teil der Politik
der Nationalsozialisten und insbesondere der SS. Eichmann war damals
mit dem Plan beschäftigt, die Juden nach Madagaskar zu deportieren.
Nun musste er sich dem Judeozid, der Massenvernichtung der Juden
zuwenden. Was hatte den Kurswechsel bewirkt? Shraga Elam fasst
zusammen:
Sprecher:
Der
Entscheid, die Judenvernichtung zu planen, fiel zusammen mit dem
Zeitpunkt, zu dem Himmler und anderen hochrangigen Offizieren sowie
Exponenten der Grossindustrie bewusst wurde, dass der Krieg wegen
des bevorstehenden Russlandfeldzuges für verloren angesehen werden
musste. Nüchterne Militärexperten erkannten, dass der Mangel an
Treibstoff für die hochmotorisierte Wehrmacht und der primitive
Zustand der Verbindungswege in der Sowjetunion unüberwindliche
Hindernisse waren. Doch Hitler war nicht zu bewegen, auf seine
„Operation Barbarossa“, also auf den Angriffskrieg gegen die Russen
zu verzichten. Spätestens am
31.Juli
1941 war es dann Himmler klar, dass sich seine Befürchtungen
bewahrheiteten: Von 18 an der Ostfront eingesetzten Panzerdivisionen mussten gut
40% als endgültig vernichtet angesehen werden, und die
Menschenverluste waren horrend.
Es gibt
viele Belege dafür, dass SS-Grössen versuchten, mit den Alliierten
über einen Sonderfrieden zu verhandeln. In der gleichen Zeit aber
wurde die SS die treibende Kraft in der Planung der
Judenvernichtung. Wenn diese bekannt wurde, musste sie den
angestrebten Friedensverhandlungen im Weg stehen. Wie ist dieser
Widerspruch zu verstehen?
Der
Historiker Arno Meyer versucht, das Paradox mit einem pathologischen
Hass gegen die jüdischen Menschen zu erklären. Dieser Hass sollte
der Grund für einen Kreuzzug gegen die Juden sein, der bis zum
bitteren Ende geführt werden sollte. Aber diese Erklärung passt
nicht zur tatsächlichen Politik der SS. Denn immer wieder wurden
ausgerechnet die meistgehassten reichen Juden gegen Lösegelder
freigelassen. Einige Monate vor Kriegsende befahl Himmler sogar,
die Judenvernichtung einzustellen und nicht zu intensivieren.
Gd.:
Wenn unsere These stimmt,
dass Machthaber primär nach der Logik handeln, die der Erhaltung
ihrer Macht dient, und wenn diese Macht mit der Existenz eines
Staates verbunden ist, dann nach der Logik, die der Existenz dieses
Staates dient, so müsste eigentlich die Verhandlungsabsicht der
SS-Führung einerseits und ihr Vorantreiben der „Endlösung der
Judenfrage“ andererseits eine logische Verbindung haben. Eine solche
Verbindung kann man tatsächlich finden. Shraga Elam:
Sprecher:
Man kann tatsächlich den scheinbaren Widerspruch als zwei sich
ergänzende Teile eines Gesamtplans sehen. Wenn nämlich die
SS-Führung überzeugt war, dass das sogenannte „Weltjudentum»
eigentlich die Welt regiere, dann konnte man durch die Drohung und
Durchführung des Völkermords an den Juden auf dieses imaginäre
„Weltjudentum“ Druck ausüben: Es sollte dazu bewegt werden, seinen
bestimmenden Einfluss auf die renitenten Weltmächte geltend zu
machen, damit diese in Sonderfriedensverhandlungen einwilligten.
Auf diesem
Hintergrund muss die Botschaft des deutschen Industriellen Eduard
Schulte verstanden werden. Schulte, der im Umfeld des
Auschwitz-Planungsstabs tätig war, kam Juli 1942
in die Schweiz und suchte eine jüdische Person mit Kontakten jenem
"Weltjudentum". Die Schilderungen Schultes gelangten an Dr. Gerhart
Riegner, den Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in Genf.
Riegner
schrieb einen Bericht, der zur amerikanischen Botschaft in Bern und
von dort ins State Departement in Washington weitergeleitet wurde.
Dort wurde der Bericht als unglaubwürdig taxiert.
Der
US-Botschaft in Bern wurde die Weisung erteilt, künftig die
Übermittlung solcher Meldungen an Dritte abzulehnen,
Sprecherin:
sofern nicht nach gründlicher Prüfung Grund zu der Annahme besteht,
das eine solch abenteuerliche Meldung nach Meinung der Botschaft
eine gewisse Glaubwürdigkeit besitzt oder sofern sie nicht
eindeutige amerikansche Interessen berührt.
[2]
Sprecher:
Ebensowenig wie das State Department bereit war, auf Meldungen über
die systematische Judenvernichtung einzugehen und diese zu
verbreiten, war es bereit, auf die später folgenden deutschen
Angebote einzugehen, über Juden zu verhandeln. Dies nicht etwa, weil
das Aussenministerium an der Seriosität des Verhandlungsangebots
zweifelte. Im Gegenteil, schrieb zum Beispiel David Wyman in seinem
gründlich recherchierten, zur Zeit vergriffenen Buch mit dem
deutschen Titel „Das unerwünschte Volk“:
Sprecherin:
Tatsächlich betrachteten die amerikanische und die britische
Regierung, wie sich in der Folge zeigte, jede Gelegenheit, eine
grössere Anzahl von Juden dem Zugriff der Nazis zu entziehen, nicht
etwa als Glücksfall, sondern als drohende Belastung.[3]
Sprecher:
Mit Belastung meint Wyman zum Beispiel die Befürchtung, dass eine
Masseneinwanderung von Juden in die USA erfolgen würde. Diese
wiederum wäre schon nur angesichts verbreiteter antijüdischer
Einstellung in den USA unerwünscht gewesen.
Ein
Beamter der Europaabteilung des State Departements, R. Borde Reams,
begründete die „Gefährlichkeit“ der Verhandlungen mit Deutschland
über die Freilassung von Juden im Frühjahr
1943 wie folgt:
Sprecherin:
Während in der Theorie jedes derartige an die deutsche Regierung
gestellte Ansinnen mit einem glatten Nein beantwortet worden wäre,
hätte in der Praxis immer die Gefahr bestanden, dass die deutsche
Regierung sich einverstanden erklärte, den Vereinigten Staaten und
Grossbritanien an einem bestimmten Ort eine grosse Zahl von Juden
zum sofortigen Weitertransport in Gebiete der Allierten zu
überstellen. Weder die militärische Lage noch die Transportkapazität
hätte es den Allierten erlaubt, eine solche Operation
durchzuführen.. Falls wir uns für ausserstande erklärt hätten, für
diese Leute zu sorgen, wäre die Verantwortung für ihr weiteres
Schicksal weitgehend [...] den Alliierten aufgebürdet gewesen."
Sprecher:
Ein anderer Mitarbeiter des State Departements bezeichnete im Mai
1943
allfällige Rettungsmassnahmen zugunsten der Juden als
Sprecherin:
"Schritte, die Hitler von der Last und dem Fluch befreien würden".
Gd.:
David Wyman vermutet, dass ein Hauptgrund für die
Haltung des State Departements im Judenhass in weiten Kreisen der
amerikanischen Bevölkerung liege. Shraga Elam sieht jedoch noch eine
mögliche Erklärung, die direkt mit den allgemeinen Zielen der
amerikanischen Aussenpolitik zusammenhängt - mit Staatsraison also,
die nichts mit antijüdischen Gefühlen zu tun hat, sondern, kurz
gesagt mit der Absicht, die Briten - also ihre Verbündeten im Kampf
gegen Hitler - aus ihrer weltweiten Machtposition zu drängen, d.h.
das britische Imperium zu zerstören.
Sprecher:
Es ist heute
keine gewagte Behauptung mehr, die Zerstörung des britischen
Imperiums und die Öffnung der Weltmärkte für die eigene Wirtschaft
als eines der wichtigsten, wenn nicht als das wichtigste Kriegsziel
des amerikanischen Aussenministeriums zu bezeichnen. Henry Ford,
einer der einflussreichsten Amerikaner, forderte in einem
Zeitungsartikel im Februar
1941:
Sprecherin: Die Vereinigten Staaten
sollten England und Deutschland solange gegeneinander kämpfen
lassen, bis beide kollabieren.[4]
Sprecher:
Ein Sonderfriede der westlichen Alliierten mit den Deutschen hätte
zu einer frühzeitigen Beendigung des Kriegs geführt, und dies
wiederum hätte die wirtschaftliche Belastung der Briten durch den
Krieg verringert. Konrad W. Watrin illustriert in seinem Buch
„Machtwechsel im Nahen Osten; Grossbritanniens Niedergang und der
Aufstieg der Vereinigten Staaten
1941-1947“ diese
Entwicklung zum Beispiel mit folgenden Zahlen:
Sprecherin:
Besassen die
Briten Ende 1940 immerhin noch Vermögenswerte in Höhe von etwa 3 Milliarden
Dollar in den USA, so war der grösste Teil davon ein Jahr später
verkauft bzw. gegen einen zusätzlichen ... Kredit ... über
25
Millionen Dollar verpfändet. Insgesamt vermehrten die Amerikaner auf
privater und auf Regierungsseite im Lauf des Krieges ihre weltweiten
langfristigen Auslandinvestitionen um 3,7 Milliarden Dollar.[5]
Sprecher:
Den Kredit mussten die Engländer bei den Amerikanern im Rahmen des
Lend-and-Lease-Abkommens aufnehmen, das heisst, sie mussten damit
die Benützung von amerikanischem Kriegsmaterial finanzieren. Am Ende
des Zweiten Weltkrieges hatten die Amerikaner im Rahmen dieses
Abkommens den Ländern, die an ihrer Seite kämpften bzw. Militärische
Stützpunkte zur Verfügung stellten, über
50
Milliarden Dollars ausgeliehen, welche dann teils in Cash, teils in
Gütern und Dienstleistungen zurückbezahlt wurden.
Gd.:
Drei hauptsächliche Motivkreise spielten demnach bei
der ablehnenden Haltung der USA gegenüber Verhandlungen mit den
Deutschen über einen Separatfrieden bzw. die Freilassung von Juden
ineinander: Die Befürchtung einer jüdischen Masseneinwanderung, die
Weigerung, Hitler bzw. die Nazis von der Schuld der Judenvernichtung
zu entlasten und die Absicht, die Briten zu schwächen - alle drei
Motive nach den Kriterien der Staatsraison gerechtfertigt. Alle drei
Motive auch unter dem immer wieder wiederholten Grundsatz Präsident
Roosevelts zu subsumieren, dass nur die bedingungslose Kapitulation
der Deutschen den Krieg zu einem Ende bringen könne, und dass nur
auf diesem Weg die Vernichtung der Juden gestoppt bzw. gesühnt
werden könne. Dass diese Politik die Weiterführung der
Judenvernichtung ermöglichte, gehört zu den Konsequenzen der Logik
der Staatsraison.
Nicht nur die
Amerikaner, auch die andern Alliierten folgten dieser Logik.
Shraga Elam:
Sprecher:
Die Briten
waren an Verhandlungen zur Freilassung von Juden nicht interessiert,
weil sie damit in Konflikt mit ihrer Politik gegenüber den
palästinensichen Arabern gerieten. Sie hatten als Mandatsmacht in
Palästina ab 1939 die Einwanderungsquoten für Juden drastisch beschränkt, und sie
rechneten im Fall eines Erfolges von Verhandlungen zur Rettung der
Juden mit allzugrossem Einwanderungsdruck auf Palästina.
Der
Sowjetunion ihrerseits, welche sich, gelinde gesagt, nie besonders
für ihre Juden eingesetzt hatte, kam der Judeozid auch militärisch
gelegen, denn die Transporte in die Vernichtungslager belasteten das
ohnehin überforderte deutsche Bahnnetz in hohem Masse.
Gd.:
Besonders umstritten ist die Hilfs- und
Rettungspolitik der verschiedenen jüdischen Organisationen. Von dem
bereits erwähnten David Wyman, der als protestantisch-amerikanischer
Historiker die Politik der Alliierten, die Haltung der christlichen
Kirchen und der jüdischen Gruppierungen kritisiert, über den
israelischen Direktor des Zentrums für Holocaust-Studien Yehuda
Bauer, der die Vorwürfe gegen die Zionisten als weitgehend unhaltbar
darstellt, bis zu William D. Rubinstein, der ausgerechnet als
jüdischer Historiker die Politik der Alliierten gegenüber der
Judenvernichtung in Schutz nimmt, gibt es eine differenzierte
Palette von Beurteilungen dessen, wie sich die jüdischen
Organisationen und insbesondere die Zionisten in diesem grausamen
Spiel von Macht, Ohnmacht und Interessen verhalten haben.
Shraga Elam hat
diese Literatur gründlich studiert und die Ergebnisse mit eigenen
Recherchen in Archiven der Schweiz, Israels und der USA ergänzt.
Hier seine Bilanz mit zum Teil hier erstmals veröffentlichten
Dokumenten:
Sprecher:
Die wenigen,
die während der Zeit der Verfolgung und Vernichtung der Juden im
nationalsozialistischen Machtbereich sich aktiv für die Rettung
wenigstens eines Teils der Opfer engagiert hatten, kritisierten
immer wieder, dass die Hilfe von jüdischer Seite zu wenig gewesen
und zu spät gekommen sei. Die „jüdische Solidarität“ habe nur in den
Köpfen der Judenhasser existiert.
Dazu ist
zunächst festzuhalten, dass die meisten jüdischen Organisationen in
ihrem Handlungsspielraum von der Politik der Alliierten eingeengt
und behindert wurden.
Tatsächlich
blockierten die Alliierten - allen voran die US-Amerikaner - viele
Rettungs- und Hilfsaktionen zugunsten der jüdischen Naziopfer mit
der Begründung, dass man damit gegen das Verbot des 'Handels mit dem
Feind' verstosse, die „Trading with the Enemy Act“. Die Recherchen
des ehemaligen New York Times-Journalisten, Charles Higham,
haben aber beweisen , dass gleichzeitig viele US-Multis mit dem
Wissen und der Unterstützung des State Departments regen Handel mit
den Nazis trieben. Dazu gehörten auch Lieferungen kriegswichtiger
Materialien wie Treibstoff durch Standard Oil, Lastwagen durch Ford
und General Motors, Komponenten für Kommunikationsmittel durch ITT
usw.
Der jüdische
Finanzminister, Henry Morgenthau Jr., bekämpfte diese vom State
Departement teils gedultete, teils aktiv betriebene Politik, doch er
erhielt viel zu wenig Unterstützung von den jüdischen
Organisationen.
Für diese
Schwäche und Unterlassungen gibt es Gründe, die zum Teil
psychologischer Natur sind - eine drohende Gefahr wird gerne
verdrängt - zum grössten Teil aber haben sie politischen Ursprung.
Kritisiert
wurde vor allem die zionistische Führung in Palästina, die „Jewish
Agency“, unter David Ben-Gurion, dem späteren ersten Staatschef
Israels. In den USA war ihr führender Vertreter der Rabbiner Stephen
Wise.
Ben Gurion
wusste, dass nach der erwähnten Einschränkung der
Einwanderungsquoten durch die Briten 1939
Palästina nicht mehr als Fluchtort für eine Massenimmigration in
Frage kam. Andererseits aber hätten alternative Zufluchtsziele das
zionistische Projekt sowohl politisch als auch materiell gefährden
können. Die Rede, die Ben-Gurion im Dezember 1938
vor der zionistischen Exekutive hielt, bringt dies programmatisch
zum Ausdruck:
Sprecherin:
Wenn die
Juden vor der Wahl zwischen (...) der Rettung von Juden aus
Konzentrationslagern und der Unterstützung der nationalen Heimstätte
in Palästina stehen, dann wird das Mitleid die Oberhand behalten,
und die ganze Energie der Leute wird in die Rettung von Juden aus
verschiedenen Ländern kanalisiert werden. Der Zionismus wird nicht
nur in der öffentlichen Meinung in der Welt und in Grossbritannien
von der Tagesordnung gestrichen werden, sondern auch von der
jüdischen öffentlichen Meinung anderswo. Wenn wir eine Trennung des
Flüchtlings- vom Palästina-Problem zulassen, riskieren wir die
Existenz des Zionismus.[6]
Sprecher: Sein Biograph, Shabtai Teveth,
versuchte, die Politik Ben-Gurions zu rechtfertigen, und brachte
damit ungewollt einen anderen schweren Kritikpunkt auf den Nenner:
Sprecherin:
(...) bei
Ben-Gurion entwickelte sich die Auffassung, dass die Not der Juden
eine Quelle der Macht sei. Man müsse die jüdische Katastrophe
ausnützen, um einen Vorteil für den Zionismus zu erzielen. Aus
dieser Auffassung heraus formulierte er die Parole:
" Katastrophe ist Macht."
Es ist zu
betonen, dass diese Auffassung die Katastrophen weder initiierte
noch schaffte. Sie entsprang aus den Katastrophen und meinte, wenn
man sie nicht verhindern könne, so sollten sie wenigsten etwas
Positives hervorbringen.[7]
Sprecher:
Eine andere
Kritik an den hochrangigen zionistischen Funktionären: Statt
Widerstands- und Rettungsaktionen zu organisieren und zu
koordinieren seien sie aus Europa geflohen. Damit hätten sie zur
Ohnmacht selber beigetragen. So beschreiben die wenigen jungen und
unerfahrenen Aktivisten, die ausharrten, zum Beispiel der Schweizer
Heini Bornstein, wie sie in den ersten Kriegsjahren lange Zeit im
Stich gelassen worden seien.
David Wyman
beschreibt, wie die zionistischen Organisationen in den USA zur
Spaltung einer gemeinsamen und effektiven Hilfs- und Rettungsfront
beitrugen. Ausserdem unterstützten sie lange Zeit das State
Departement bei der Unterdrückung der Meldungen über die
Judenvernichtung. Der Hauptgrund dafür war, dass ab
1942 für die meisten zionistischen Organisationen
die Errichtung eines Staates in Palästina und nicht die Rettung der
jüdischen Naziopfer zuoberst auf der Prioritäten-Liste stand. Hinzu
kam, dass sich die jüdische Gemeinde in den USA mit dem
Kriegsausbruch vermehrt auf sich selber konzentrierte und die
Spenden zugunsten der europäischen Juden zurückgingen, obwohl diese
gerade dann besonders dringend gewesen wären.
Gd.:
Wie gesagt: Diese Sicht
der Dinge ist innerhalb der Geschichtsschreibung umstritten. Shraga
Elam hat jedoch nicht nur die verschiedenen Argumentationen
gegeneinander abgewogen, sondern auch eigene Recherchen angestellt.
Diese bestätigen tendenziell die dargestellte Kritik am Beispiel
einer grossangelegten Rettungsinitiative, des sogenannten
„Europaplans“. Dazu Konkreteres:
Sprecher:
Im Sommer 1942 trafen bei den
jüdischen Organisationen Meldungen aus der Slowakei ein, die SS
wäre bereit, eine Million Juden für eine Summe von 2 Mio. Dollar
freizu-lassen. Hinter diesem Deal standen auf jüdischer Seite vor
allem zwei sehr mutige und gescheite Aktivisten, die atheistische
Zionistin Gisi Fleischmann und der - übrigens mit ihr verwandte -
ultraorthodoxe Rabbiner, Michael Dov Bär Weissmandel. Auf deutscher
Seite stand ein Mitarbeiter Eichmanns, Baron Dieter Wisliceny, der
laut eigener Aussage im Auftrag Himmlers handelte.
Was folgte,
liefert bis heute Stoff für eine heftige innerjüdische Diskussion um
eine vermeintliche oder tatsächlich verpasste Chance, eine grosse
Anzahl Juden zu retten. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung steht
ein Briefwechsel zwischen Bratislava und der Schweiz. Eine
Korrespondenz, die auf der einen Seite verloren ging, da das
slowakische Rettungskomitee nach Auschwitz deportiert wurde und die
Überlebenden nur ein Gedächtnisprotokoll liefern konnten. Auf der
anderen Seite gibt es als Quelle das Archiv des Hauptempfängers der
Briefe, des damaligen Genfer Vertreters des
zionistisch-solzialistischen Jugendbundes «Hechalutz», Nathan
Schwalb. Diese Schwalb-Akten waren bis vor kurzem weitgehend
gesperrt; vergeblich forderten bisher israelische Forscher und
Institute deren Öffnung. Hier werden das erste Mal einige Zitate aus
dieser begehrten Korrespondenz wiedergegeben. Es sind erschütternde
Hilferufe aus Bratislava, die angesichts des Ausbleibens einer
adäquaten Reaktion immer mehr schwere Vorwürfe enthielten, während
der Empfänger Schwalb zwischen Misstrauen und der Frustration über
seinen engen Handlungsspielraum schwankte.
1943 schrieb Rabbiner Weissmandel in biblischem Hebräisch in die
Schweiz:
Sprecherin:
Wer (...)
vor der Ausführung einer Tat eine Bedingung stellt und sein Geld
zurückbehält, bevor er die Notwendigkeit sieben Mal genauestens
geprüft hat, es auszugeben, dem ist Geld wichtiger als Leben (...).
Sie trauen Wisliceny nicht, aber auch er ist nicht naiv: Er traut
auch Ihnen nicht. Nur gibt es da einen nicht unbedeutenden
Unterschied: Sie halten das Geld in der Hand, er das Leben.
Wir haben
Ihren Brief erhalten, in welchem Sie uns auffordern, ihm zu sagen:
„Geld bekommen Sie nicht (...) [doch] wir eröffnen für Sie ein
Sperrkonto in den USA (...), das Ihnen nach dem Krieg zur Verfügung
stehen wird.“ Was heisst das? [Wir als] Juden, von denen der Böse
[-gemeint ist Wisliceny-] weiss, dass sie an seine Niederlage
glauben, (...) sollen ihm sagen: „Haben Sie Vertrauen, Sie kriegen
das Geld nach Ihrer Niederlage.“ Er selber glaubt auch an die
Niederlage, und darum will er das Geld vorher. [8]
Sprecher:
Nathan Schwalb, der Empfänger dieses Briefes, war einer der wenigen
Delegierten der jüdischen Gemeinde Palästinas in Europa. Er war von
seinen Auftraggebern ziemlich abgeschnitten, und als Geldgeber stand
ihm hauptsächlich das jüdisch-amerikanische Hilfswerk „Joint“ und
dessen Vertreter in der Schweiz, Saly Mayer, zur Verfügung -
derselbe Saly Mayer, den wir zu Beginn dieser Sendung auf der Brücke
von Sankt Margrethen kennengelernt haben. Mayer und Schwalb waren
ausserhalb des unmittelbaren Machtbereichs der Nazis in Europa
zweifellos die engagiertesten und wichtigsten Aktivisten für die
Sache der Juden. Schwalb verfügte über ein Botennetz, das praktisch
das ganze besetzte Europa abdeckte, und Mayer hatte gute Beziehungen
zu den Schweizer Behörden - er stand auf Du und Du mit dem
berüchtigten Polizeichef Heinrich Rothmund. Er spielte auch eine
entscheidende Rolle bei der Verteilung der Gelder des Joint.
Wie wir der
zitierten Briefstelle von Rabbiner Weissmandel entnehmen können,
zweifelten Schwalb und Mayer an der Bereitschaft der SS, sich auf
einen Handel „Eine Million Juden gegen zwei Millionen Dollar“
einzulassen. Sie verfügten faktisch aber auch nicht über die
verlangte Summe. Andererseits aber verfolgte sie doch auch die
Frage, ob an dem Angebot der SS nicht etwas dran sei, und deshalb
verlegten sie sich auf den Vorschlag, die Summe auf ein Sperrkonto
zur Verfügung nach Kriegsende einzuzahlen und verlangten im übrigen
Beweise für die Glaubwürdigkeit der SS, indem erste Konzessionen
gemacht würden. Dass Wisliceny dafür Hand zu bieten versproche
hatte, geht aus einem Brief Gisi Fleischmanns an Nathan Schwalb
hervor:
Sprecherin:
Wie aus dem
Bericht ersichtlich, ist die berechtigte Hoffnung vorhanden, dass
der Deportation Einhalt geboten werden kann, wenn unsere Vorschläge
sofort in die Tat umgesetzt werden. Ob es möglich sein wird, die
ganze Deportation zu stoppen, ist gegenwärtig nicht genau
feststellbar; es ist jedoch zu
80%
anzunehmen, dass unser Plan sich verwirklichen wird.[9]
Sprecher:
Und Rabbiner Weissmandel schrieb:
Sprecherin:
Wer nicht als Mörder bezeichnet werden will, müsste einen grossen
Teil seines Vermögens für diesen Zweck hergeben, und die
verschiedenen Organisationen müssten sogar ihre ganzen Gelder dafür
verwenden. (...) Aber wenn Sie - behüte uns! - Zeit mit Gedanken,
Worten, Versammlungen, Misstrauen, Verhandlungen, Polemik,
Ratschlägen und Vorschlägen verschwenden, dann käme dies einer noch
nie dagewesenen jüdischen Beteiligung am Mord an Juden gleich.[10]
Sprecher:
Die
verzweifelten Appelle nützten wenig. Am 7.November 1942 schrieb Gisi
Fleischmann an Nathan Schwalb:
Sprecherin:
Wie Sie aus
den Berichten entnehmen, ist unsere Lage katastrophal geworden, und
zwar vor allem deswegen, weil wir tatsächlich keine Hilfe erhalten.
Für einfache Menschenkräfte ist es unmöglich, die schwere Last der
Verantwortung zu tragen, um den Kampf gegen die Deportation zu
führen, die damit verbundenen Verpflichtungen zu erfüllen und
schliesslich keine Hilfe von Auswärts zu erhalten. (...)die Verhandlungen nehmen nun schon Monate in Anspruch und
letzten Endes haben diese bis jetzt zu keinem Ergebnis geführt.
(...)
Jetzt kommt
es lediglich darauf an, ob wir (...) uns auf unsere Chawerim [unsere
Freunde] im Auslande verlassen können. Es hat keinen Sinn, jetzt
weiter zu theoretisieren. Entweder man hilft uns, oder wir gehen
elend zugrunde. Bitte sind Sie und die übrigen Freunde nicht
ungehalten, aber unsere Verbitterung ist wirklich begründet.[11]
Sprecher:
Die Antwort von Schwalb vom 11.11.42
lautete:
Sprecherin:
... [ich] muss Ihnen heuten den Standpunkt von Joint bzw. Saly
...... klarlegen: trotzdem, dass sie viel Mitleid mit Ihnen und
Ihren Chawerim [Freunden] haben, sagen sie, dass sie mit zeitlichen
Prinzipien und Vorschriften gebunden sind, dass heisst, sie können
weder direkte, noch indirekte und in keiner Form Hilfe leisten.
Diesen Standpunkt bekämpfe ich seit Monaten. .... Einiges sehen die
obigen ein, und von Zeit zu Zeit "schleppt man" etwas von ihnen [den
Joint-Leuten], heraus. Andererseits ist es nicht nur eine Sache der
Vorschriften, sondern auch der jetzigen täglichen Praxis bei Tropper
[Deckname für die USA], nämlich jeder Miwrak [jedes Telegramm] wegen
Hilfe, sogar hierher, geht durch die dortige Bikoret [d.h. Zensur]
nicht durch, und wenn schon, dann spät und resultatlos. Alles, was
wir von hier aus Ihnen, Ziwia [Polen], oder Enzer [Rumänien]
sandten, oder senden, wurde hier auf irgendwelche Art durch Saly
aufgebracht..
(...)
Liebe Gisi,
Sie haben keine Ahnung, auf welche Schwierigkeiten ich gestossen
bin, und ich halte es noch für ein ziemlich positives Resultat, dass
ich die esrim elef [zwanzig tausend sFr.] erhalten habe.
Selbstverständlich, dass ich mir bewusst bin, dass dies nur ein
Tropfen im Meere unserer Leiden ist, und dass man damit weder das
Gewissen, stillen, noch in Ruhe sitzen kann.
(...)
...[es] ist
hier immer schwerer. Die Leute haben guten Willen, sie versteifen
sich aber auf Prinzipien.[12]
Sprecher:
Der Europaplan musste scheitern. Die Verteidiger der Haltung der
jüdischen Organisationen, wie des Joint oder der Jewish Agency,
argumentieren bis heute, dass die Verhandlungen von vornherein
aussichtslos gewesen seien. Die Beweise in diesem Fall dafür sind
aber sehr dürftig, da ausgerechnet in diesem Bereich viel zu wenig
über die SS-Haltung recherchiert wurde.
Tatsache
bleibt, allen Spekulationen zum Trotz, dass die mögliche finanzielle
Hilfe nicht geleistet worden war. Die Beurteilung der
Erfolgsaussichten der Verhandlungen mit der SS durch Gisi
Fleischmann und Rabbiner Weissmandel wurde nicht ernst genug
genommen, obwohl sich die beiden am Ort des Geschehens befanden und
besser über die Frage der Glaubwürdigkeit Wislicenys informiert
waren, als jene, die in der fernen Schweiz oder in den USA sassen.
Gd.:
Mehr als ein Jahr nach dem
Drama der Deportationen aus der Slowakei und dem Scheitern der
Rettungsaktion der Gruppe um Weissmandel und Fleischmann
marschierten die Nazis in Ungarn ein: Am 19.März
1944. Sofort begann hier Eichmann mit der Organisation der
Deportation der Juden. Nathan Schwalb glaubte, man habe bei den
jüdischen Organisationen aus dem Versagen in der Slowakei gelernt,
doch er sah sich getäuscht. Die Deportationen begannen am
15.Mai 1944, und bis zum 8.Juli, als sie praktisch
eingestellt wurden, waren laut dem Rapport des zuständigen
ungarischen Polizeioffiziers Ferenczy 147
Züge mit 434'315
Menschen nach Auschwitz gefahren. Die meisten wurden sofort vergast.
Eine sehr
beschränkte und umstrittene Rettungsaktion besonderer Art war
allerdings erfolgreich:
Einer der
Hauptakteure der SS in Ungarn war der 34-jährige
Obersturmbannführer Kurt A.Becher - der Mann, der dann im August auf
der Brücke von Sankt Margrethen, begleitet von dem ungarischen
Zionistenvertreter Kastner, auf Saly Mayer zuschritt. Becher war in
Ungarn persönlicher Beauftragter Himmlers für die wirtschaftliche
Ausbeutung der Juden. Der Schweizer Journalist Kurt Emmenegger hat
1962/63 in einer eindrücklichen Serie der
Zeitschrift „Sie und Er“ Bechers Raubzug beschrieben. Nach
Emmeneggers Schätzung hat Becher für etwa 13
Milliarden Franken Firmen, Maschinen, Rohstoffe und Waren gestohlen
und teils in Deutschland und Österreich wieder aufstellen lassen,
teils in SS-Besitz überführt. Sein erfolgreichster Coup war die
Erpressung der Familie des jüdischen Schwerindustriellen Weisz. Sein
ganzer Konzern ging in die Hand der SS, neun Mitglieder seiner
Familie konnten in die Schweiz emigrieren, 32
weitere nach Lissabon, fünf Mitglieder der Familie blieben als
Geiseln der SS zurück. Dieser Handel fand, berichtet Emmenegger,
sowohl die Unterstützung Himmlers als auch die Billigung Hitlers.
[13]
Himmler beförderte Becher zum SS-Obersten.
Einen anderen
Menschenhandel, der Licht in die grösseren Zusammenhänge der
damaligen SS-Politik bringt und weiteres Anschauungsmaterial zum
Thema „Staatsraison und Moral“ liefert, schildert wiederum Shraga
Elam:
Sprecher:
Kurz nach
dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn bestellte Eichmann Joel Brand
zu sich, Mitglied eines zionistischen Rettungskomittees, und schlug
diesem einen Handel vor:
Sprecherin:
Blut gegen
Waren, Waren gegen Blut.
Sprecher:
Die SS sei bereit, sagte Eichmann, eine Million Juden auswandern zu
lassen, wenn „das Weltjudentum“ 10'000
Lastwagen und andere Waren liefere.
Zusammen mit
einem etwas zwielichten Agenten namens Bandi Grosz wurde Joel Brand
am 17.Mai 1944 in einem deutschen
Kurierflugzeug in die neutrale Türkei, nach Istanbul geflogen, damit
er die dort stationierten Verbindungsleute der Zionisten treffe und
die zionistische Führung überzeuge, diesen Deal bei den Amerikanern
und Briten durchzusetzen. Bandi Grosz seinerseits hatte eine
Aufgabe, die wohl die weiteren Hintergründe dieser Aktion der SS
beleuchtet, nämlich Kontakt mit Vertretern der westlichen Alliierten
herzustellen, um die Möglichkeiten eines Separatfriedens auszuloten.
Brand, so hatte Eichmann gefordert, solle binnen
14
Tagen nach Budapest zurückkehren und die Antwort der Alliierten
überbringen. Falls er Verhandlungsbereitschaft melden könne, würden
die Deportationen sofort gestoppt.
Doch die
zionistische Führung setzte die Alliierten nicht unter genügenden
Druck, um der Brand-Mission eine minimale Chance zu geben.
Im Gegenteil: Brand wurde praktisch an die Briten
ausgeliefert. Er sollte nach Palästina reisen, um die zionistische
Führung zu treffen, wurde aber in Syrien von den Briten verhaftet
und an der Rückkehr nach Budapest gehindert. Er wurde in Kairo
interniert und verzweifelte dort beinahe bei der Vorstellung, dass
er die täglichen Deportationen nach Auschwitz hätte stoppen können,
wenn er mit der von der SS gewünschten Meldung nach Budapest
zurückgeflogen wäre. Aus seiner Sicht hätte die
Verhandlungsbereitschaft sogar fingiert sein können. D.h., die
Alliierten hätten sich gar nicht ernsthaft zu etwas verpflichten
müssen, und sie hätten, im Gegensatz zu Brand, welcher damit sein
Leben aufs Spiel setzte, nichts zu verlieren gehabt. Er konnte
jedoch niemanden zu einer positiven Aktion bewegen. Vielmehr
veröffentlichte die Londoner Presse am 20.Juli
Meldungen über die Mission Brands, begleitet von Stellungnahmen,
dass die Alliierten auf dieses Angebot nicht eingehen würden. Die
Absage an die Deutschen hätte nicht deutlicher sein können, und sie
kam einer Sabotage der Rettungsversuche gleich.
Auch Rabbiner Weissmandel, der noch immer verzweifelt um
Rettungsmassnahmen kämpfte, meldete sich wieder vergeblich mit einem
Aufruf, mit den Deutschen ernsthaft zu verhandeln. Und ebenso
vergeblich war seine Forderung, die Eisenbahnlinien nach Auschwitz
zu bombardieren - eine Aktion, die von den alliierten Basen in
Italien her zu bewerkstelligen gewesen wäre. Am
22.5.1944
schrieb Weissmandel:
Sprecherin:
Brüder, seid Ihr verrückt geworden? Wisst Ihr denn nicht, in
welcher Hölle wir leben? Für wen haltet Ihr das Geld zurück? ...alle
unsere Bitten wirken nicht .... Ihr schleudert uns einige Groschen
und einige Rückfragen entgegen...[14]
Sprecher:
Nachdem Brand als Verhandlungspartner ausfiel, war es Rudolf Israel
Kastner, der in Budapest die Verhandlungen mit der SS im Namen des
jüdischen Rettungskomitees führte. Kastner war ursprünglich
Jounralist und wurde dann Stellvertreter des Präsidenten einer
zionistischen Rettungsorganisation. In einem verzweifelten Brief vom
12. Juli 1944 an Nathan Schwalb in Genf schrieb er:
Sprecherin:
Während diese Zeilen geschrieben werden, ist das ganze Land -
ausserhalb ... von Budapest - bereits ohne Juden.....Du wirst also
meine Seelenlage verstehen .... Der Traum des grossen Planes [das
heisst des Handels „Blut gegen Waren“] ist ausgeträumt.
Hunderttausende gingen nach Auschwitz in einer Weise, dass sie bis
zum letzten Moment nicht im Klaren waren, worum es sich handelt und
was vor sich geht. Wir, die es eben wussten, versuchten, uns
dagegenzusetzen, aber nach 3½ monatigem erbitterten Kampfe muss ich
feststellen, dass wir eher der Entfaltung der Tragödie und deren
unaufhaltbarem Rennen zuschauten, ohne dagegen nur irgendwas von
Bedeutung vornehmen zu können.[15]
Sprecher:
Eines
allerdings konnte Kastner erreichen: In langwierigen Verhandlungen
zuerst mit Eichmann, dann mit Becher, konnte er gegen ein Lösegeld
von ungefähr 7 Millionen Schweizerfranken eine Gruppe von 1'684
Menschen zusammenstellen, welche in einem Zug nach Spanien gefahren
werden sollte, denn die SS wollten mit Rücksicht auf den
palästinensischen Mufti die Ausreise nach Palästina nicht zulassen.
Das Geld wurde vorwiegend von den Reichen unter den Freigekauften
aufgebracht. Tatsächlich wurden die Insassen des zur Legende
gewordenen „Kastner-Zugs“ nach Bergen-Belsen in ein von den Nazis
eingerichtetes Uebergangslager gefahren, Schliesslich, nach wiederum
langem Verhandeln, unter anderem auch auf der Brücke von Sankt
Margrethen, gelangten die Passagiere in zwei Transporten in die
Schweiz.
Nach dem
Scheitern der Brand-Mission bot auch das jüdische Rettungskomitee in
Budapest der SS 5 Millionen Franken. Mit diesem Geld sollten
anstelle von Lastwagen Traktoren in der Schweiz gekauft werden. Auf
Grund dieser Verhandlungsofferte wurde die Deportation von
17'290
Juden vorläufig gestoppt. . Es wurde ein Treffen mit dem Europa-Chef
der jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisation Joint in Lissabon
vorgeschlagen, aber die US-Regierung verbot die Begegnung. Die
Deutschen wichen auf ein Treffen mit dem Schweizer Joint-Vertreter,
Saly Mayer aus. Sowohl das Joint als auch die
Flüchtlingsorganisation der amerikanischen Regierung verboten aber
Mayer, in ihrem Namen aufzutreten. Deshalb verhandelte er im Namen
einer Schweizer Organisation.
Im Vorfeld
dieses Treffens war Schwalb überoptimistisch und schrieb an Kastner:
Sprecherin:
Wegen M. Matan [Verhandlungen] betone ich nochmals, dass es sich um
Kaspi [Geld] nicht handelt, se jesch wajesch! [davon hat's genug!]
- Selbstverständlich nicht ad absurdum geführt. Wir wollen auch
Tmurah und Bitachon schel Ha’zad Hascheni sehen [Gegenleistungen
und Garantien der Gegenseite].
[16]
Sprecher:
Mayer war
alles andere als froh über diese Entwicklung und versuchte sich zu
drücken. In einer Aktennotiz schrieb Fremdenpolizeichef Rothmund,
mit dem Mayer stets in guter Verbindung stand:
Sprecherin:
Zu den
Geschäften, Austauschware gegen Menschen, erklärt Herr Mayer, dass
er das unwürdig empfinde... Herr Mayer wird, wenn er für solche
Geschäfte angegangen wird, die Sache dilatorisch [schleppend]
behandeln.[17]
Sprecher:
Es wäre für
Mayer, dank seinen speziellen Beziehungen zu den Schweizer Behörden,
durchaus möglich gewesen, eine Einreisebewilligung für die
deutsch-jüdische Verhandlungsdelegation, die aus Ungarn kam, zu
besorgen. Selber weigerte er sich, in deutsches Herrschaftsgebiet zu
reisen. Deshalb wählte er den unbequemen Verhandlungsort im
Niemandsland, auf der Brücke zwischen St. Margrethen und Höchst, um
diese schicksalsschweren Fragen zu diskutieren. Mayer betonte schon
bei der ersten Begegnung am 21.
August 1944, eine Lieferung von Lastwagen komme nicht in Frage. In
Koordination mit seinen US-Auftraggebern, der „Joint“, spielte er
auf Zeit. Die Enttäuschung auf deutscher Seite sowie auf der Seite
des jüdischen Vertreters aus Budapest, Dr. Israel Kastner, war
gross.
Wie eingangs
erwähnt, liessen die Nazis am ersten Verhandlungstag als «Geste»
318 Juden aus dem Kastner-Zug in die Schweiz frei.
Die Schweizer Behörden zeigten sich alles andere als begeistert von
dieser Überraschung.
Sprecherin:
Wir können (...) nicht zulassen, dass man uns Transporte an die
Grenze führt, über die wir uns nicht vorher haben aussprechen
können,
Sprecher:
sagte
Polizeichef Rothmund seinem Schulkameraden Mayer.[18]
Die Verzögerungstaktik Saly Mayers war für die von der Deportation
bedrohten ungarischen Juden katastrophal. In einem Memorandum an
Saly Mayer schrieb der Aktivist André Biss aus Budapest:
Sprecherin:
Wenn wir also unsere Partner, was ihren Seelenzustand anbelangt,
studieren, so beobachten wir eine ständig zunehmende Nervosität...
Wenn wir ... nichts zu unternehmen gedenken ... so müssen wir die
Folgen, die das Leben der unseren bedrohen, zu neutralisieren
suchen. (...) Zu diesem Zwecke dürfen wir um keinen Preis mehr
Verschleppungspolitk treiben.[19]
Sprecher:
Laut Biss drohten Becher und Konsorten mit der Vergasung von
150-250'000 nach Auschwitz deportierten ungarischen Juden, wenn die
Verhandlungen vom 1. bis 4. September erfolglos bleiben würden.
Mit langer
Verzögerung stellte Mayer als neuen Vorschlag die Zahlung von 20
Millionen Franken in Aussicht. Die Amerikaner, von denen der
Vorschlag eigentlich kam, wussten, dass er für die Deutschen
unbefriedigend war. Trotzdem gingen die Verhandlungen weiter. Die
Deutschen nahmen auch in Kauf, dass Mayer den Vertreter der
amerikanischen Flüchtlingsorganisation, des «War Refugee Board», in
der Schweiz, Roswell McClelland, nicht dazu bewegen konnte, sich mit
SS-Chefunterhändler Kurt Becher zu treffen. Die Deutschen nahmen
auch in Kauf, dass der Versuch Mayers, eine Zusammenkunft zwischen
Becher und den Schweizer Behörden zu organisieren, scheiterte. Die
offizielle Schweiz wollte nicht öffentlich in diese Geschichte
hereingezogen werden und erachtete es
Sprecherin:
nicht als zweckmässig ..., dass ein Behördevertreter mit Herrn
Becher Fühlung nimmt.[20]
Gd.:
Trotz alledem war die Bilanz der Verhandlungen von
Saly Mayer und Kastner mit der SS wenigstens nicht gleich null: Die
rund 1'700 Insassen des „Kastner-Zuges“ konnten in die Schweiz
einreisen; 17'000 Juden wurden statt nach Auschwitz nach Wien
geschickt; 200'000 Juden wurden am 25.August 1944 in Budapest vor
der Deportation gerettet. Sind all diese Konzessionen der Deutschen
nur mit den Geldbeträgen zu erklären, die erst noch zu guten Teilen
in die Taschen der erpresserischen Vermittler gingen?
Möglicherweise -
wir befinden uns in der Endphase des Krieges, und der Zusammenbruch
Deutschlands war abzusehen - spielte der Gedanke einiger Drahtzieher
der SS mit, nach dem Krieg auf angeblich humanitäres Verhalten
hinweisen zu können und so seine Haut zu retten. Shraga Elam aber
weist darauf hin, dass die Forschung über die Motivation der
Deutschen noch zu wenig weit entwickelt und man vorläufig auf die
Spekulation anhand von Indizien angewiesen ist. Eines dieser
Indizien ist die Erklärung, die Himmler in einem Brief an seinen
Vertrauten, den Masseur Felix Kersten, schrieb.
Sprecher:
Diesem Brief
vom 21.März 1945 zufolge wollte Himmler die Vernichtungspolitik
wieder durch eine Vertreibungspolitik ersetzen.
Sprecherin:
Es wird Sie
interessieren, dass ich im Laufe des letzten Vierteljahres einen
Gedanken, über den wir einmal sprachen, zur Verwirklichung gebracht
habe. Es wurden nämlich in zwei Zügen rund 2.700 jüdische Männer,
Frauen und Kinder in die Schweiz verbracht. Es ist dies praktisch
die Fortsetzung des Weges gewesen, den meine Mitarbeiter und ich
lange Jahre hindurch konsequent verfolgten, bis der Krieg und die
mit ihm einsetzende Unvernunft in der Welt seine Durchführung
unmöglich machten. Sie wissen ja, dass ich in den Jahren 1936, 37,
38, 39 und 40 zusammen mit jüdischen amerikanischen Vereinigungen
eine Auswandererorganisation ins Leben gerufen habe, die sehr
segensreich gewirkt hat. Die Fahrt der beiden Züge in die Schweiz
ist die trotz aller Schwierigkeiten bewusst vorgenommene
Wiederaufnahme dieses segensreichen Verfahrens.[21]
Sprecher:
Auch hier
mag Beschönigung im Nachhinein eine Rolle gespielt haben. Tatsache
ist jedenfalls: Die deutsche Forderung nach Lastwagen macht bei
diesem Menschenhandel nicht viel Sinn, zumindest nicht aus
militärischer Sicht. Da Ford und General Motors ohnehin Lastwagen an
die Deutschen lieferten, scheint auch die Verhinderungspolitik des
State Departments nicht militärisch motiviert. Die US-Vertreter in
der Schweiz, Botschafter Leland Harrison und der Handelsattaché,
Daniel J. Reagan, die Saly Mayer bei den Verhandlungen wegen Handels
mit dem Feind immer wieder einschränkten, waren sehr hilfsbereit
gegenüber den Vertretern der Standard Oil in der Schweiz bei ihren
Bemühungen um eine Öl-Exportbewilligung nach Deutschland.
Es stellt sich die Frage, ob es bei den
Verhandlungen des SS-Obersten mit Saly Mayer und Israel Kastner
nicht auch darum ging, Nazi-Fluchtgelder in der Schweiz
unterzubringen. Denn um diese Zeit wurden die SS-Bemühungen, ihre
Beute in
Sicherheit zu bringen, intensiviert. Ein Mitarbeiter Bechers, der
im Rahmen dieser Verhandlungen wiederholt in die Schweiz kam - ein
gewisser Herbert Kettlitz - wurde von der Zürcher Polizei beschattet
und beobachtet, wie er bei verschiedenen Banken Transaktionen
tätigte und einem bekannten schweizerischen SS-Vertrauensmann, Paul
Holzach, der in unzählige Naziverschiebungen verwickelt war, längere
Besuche abstattete.
Wieviel Saly
Mayer, Israel Kastner, Nathan Schwalb und ihre Freunde davon wussten
oder ob sie sogar daran teilnahmen, ist im Moment nicht klar.
Bekannt ist nur, dass Kastner im Auftrag des damaligen Finanzchefs
der Jewish Agency, Eli'eser Kaplan, für die Entlastung Bechers im
Nürnberger Prozess sorgte, und dass Saly Mayer bis zu seinem Tod
1950 den SS-Schergen mit Päckchen belieferte. Davon mehr in einer
Woche.
Gd.:
„Staatsraison und Moral“
ist der Obertitel unserer „Doppelpunkt“-Serie. Nicht alles, was wir
in dieser Sendung gehört haben, lässt sich mit Staatsraison
begründen. Wir haben einerseits von den verwickelten Machenschaften
von Männern gehört, denen es nur um persönliche Bereicherung und
Macht ging, andererseits von Initiativen von Frauen und Männern,
denen nichts anderes als die Rettung von Menschenleben am Herzen
lag. Aber der Handlungsspielraum dieser Menschen auf beiden Seiten
war immer von staatlichen Mächten bzw., im Fall der Jewish Agency,
von einer Art vorstaatlichen Macht bestimmt. Für staatliche Mächte,
für Regierungen, so unsere Hauptthese, konnte nicht Moral, sondern
nur Staatsraison Leitlinie des Handelns sein. Diese Behauptung
werden wir in zwei Wochen im „Doppelpunkt“ diskutieren. In einer
Woche stellen wir Beispiele aus der Zeit unmittelbar nach dem Krieg
vor.
(Gesprochene Fassung 3.1.98, Gd.)
[4] Charles Higham, Trading with the Enemy, New York 1983, S.157
[5] Konrad W.Watrin, Machtwechsel im Nahen Osten, Frankfurt 1989,
S.39f.
[6] In John Bunzl, Der Lange Arm der Erinnerung, 1987, S.65f.
[7] Shabtai Teveth, Das Schwarze Loch, in Alpaim Nr.10, 1994
(Hebräisch)
[8] Schwalb Archiv, Lavon Institute, Tel-Aviv
[9] 27. August 42, Schwalb Archiv
[11] 7. November 42, Schwalb Archiv
[16] 8.8.1944, Schweizerisches Bundesarchiv E4320 (B) 1990/266
Bd.91
[18] Aktennotiz Rothmund, 8. August 1944, Schweizerisches
Bundesarchiv E4320(B) 1990/266 Bd. 91
[19] Privatarchiv Kurt Emmenegger
[20] Aktennotiz 6.November 1944, Schweizerisches Bundesarchiv
E4320(B) 1990/266 Bd. 91
[21] RG C4, World Jewish Congress, Stockholm, File 570
DOPPELPUNKT
STAATSRAISON UND MORAL : DAS SCHLOSS
IN MERAN
Humanitäre Flüchtlingsmaskerade
(Sonntag, 18. Januar
1998 , 20.00 - 21.00, DRS1;
Z: Mittwoch, 21. Januar 1998 , 15.00 - 16.00,
DRS2)
_________________________________________________
Hanspeter
Gschwend und Shraga Elam
Signet:
Doppelpunkt
Gd.: Das Papier, auf
das Untersuchungsrichter Dordi am 9.August 1947 in
Meran sein Urteil über die Anklagen gegen Schwend,
van Harten, Crastan und Konsorten diktierte,
erinnert daran, dass Italien noch vor kurzem, das
heisst bis zum Zusammenbruch des Faschismus, formal
ein Königtum war.
Sprecherin:
„Im Namen
seiner Majestät, Vittorio Emanuele III, durch Gottes
Gnaden und den Willen der Nation König von Italien
und Albanien und Kaiser von Äthiopien“.
Gd.: So steht noch immer auf dem Formular
gedruckt; dies alles ist jedoch durchgestrichen, und
statt dessen mit Schreibmaschine ein gesetzt:
Sprecherin:
„Im Namen
des italienischen Volkes“.
Gd.: Im Namen des italienischen Volkes also
musste Untersuchungsrichter Dordi feststellen, dass
Schwend Federico aus Triest und zur Zeit unbekannten
Verbleibs, van Harten Antonio aus Amsterdam, zur
Zeit unbekannten Verbleibs, Crastan Alberto, geboren
in Pisa und wohnhaft in Meran, via Labers Nr.36,
sowie einige Mitangeklagte mangels Beweisen
freizusprechen waren. Angeklagt waren sie des
Hortens rationierter Lebensmittel, des
Schwarzhandels, der illegalen Herstellung und des
Schmuggels von Grappa, des undeklarierten Besitzes
von Automobilen, Ersatzteilen, Motoren, Treibstoffen
und Schmiermitteln, möglicherweise der Herstellung
und des Vertriebs von falschen englischen Pfundnoten
und des Betrugs, indem sie sich falsche Dokumente
beschafft hätten, die sie als Beauftragte des
Internationalen Roten Kreuzes auswiesen.
Minutiös
zählt der Richter auf, was bei einer
Hausdurchsuchung in Schloss Rametz, dem Eigentum von
Alberto Crastan, in der Nacht vom 25. auf den 26.Mai
1946 vorgefunden wurde, und dabei wird er vielleicht
ins Träumen geraten sein, denn so kurz nach dem
Krieg waren diese Waren rar, vermutlich auch für
einen unbescholtenen Untersuchungsrichter.
Sprecherin:
Zwei Kisten
mit Silberwaren, eine Börse voll Siblergeld, eine
grosse Kiste Filz, ein Blechfass mit etwa 150 Litern
Olivenöl, ca. 70 kg Reis, 40 kg Weissmehl, 40 kg
Teigwaren, ein weiterer Sack Weissmehl von ca. 100
kg, ein weiterer Sack Reis von etwa 25 kg, 35 kg
Zucker, ein Stück Oberleder, ein Stück Schuhleder,
sechs Rollen Kupferdraht, eine Rolle weisser
Isolierdraht für Elektroinstallationen, all dies im
Keller des Schlosses; in der Wohnung moderne
Fotoapparate, ein eiserner Tresor, in dem sich 40 kg
Zucker befanden, einige Besen, einige Radioapparate
und eine wertvolle Briefmarkensammlung.1
Gd.: Viel weniger genau sind die Ausführungen
betreffend die beiden wesentlicheren Delikte,
nämlich das englische Falschgeld und die angebliche
Fälschung von Rotkreuz-Ausweisen.
Der
zuständige Polizeikommissar von Meran habe Schwend,
van Harten, Crastan und Konsorten im Juni 1946
beschuldigt, im Auftrag der Reichsführung der SS und
unter Leitung von Schwend Waren eingekauft und mit
englischen Pfundnoten bezahlt zu haben, die sich als
gefälscht erwiesen, heisst es im Urteil. Zentrum
dieser Aktionen sei Schloss Labers, das
Nachbarschloss von Crastans Schloss Rametz in Meran
gewesen, und Schwend habe diese falschen Pfundnoten
aus Berlin nach Meran ins Schloss Labers gebracht.
Ausserdem hätten Schwend, van Harten, Crastan und
Konsorten kurz vor dem Einmarsch der Alliierten
unter dem Deckmantel des Internationalen Roten
Kreuzes ganze Lastwagenladungen voll Waren
verschoben und zeitweise in den beiden Meraner
Schlössern eingelagert.
Doch für
all dies fanden die Angeklagten Erklärungen, die der
Richter für plausibel annahm, und er schrieb in der
Urteilsbegründung:
Sprecherin:
Die
verschiedenen obgenannten Anschuldigungen sind
keineswegs in allen Punkten durch objektive und
konkrete Beweise erhärtet, und sie werden allzuoft
in Formen vorgebracht wie „man sagt, man hört, es
wird festgehalten, es kann nicht bezweifelt werden“
(...).2
Gd.: Hat der Untersuchungsrichter wirklich
keine Beweise finden können oder hat er keine finden
wollen? Hat er vielleicht gar keine finden dürfen?
Crastan
war Schweizer Konsularagent in Meran. Im Verlauf des
Prozesses berichtete der Schweizer Konsul in
Venedig der Schweizer Gesandtschaft in Rom:
Sprecherin:
Herr Crastan
war längere Zeit in Untersuchungshaft, ebenso der
Sohn eines hiesigen Landwirtes, der mitverwickelt
war. Inzwischen sind beide, gegen Kautionsstellung,
auf freien Fuss gesetzt worden, und man nimmt an,
dass der Versuch im Gange ist, durch Bezahlung alles
niederzuschlagen.3
Gd.: Andere Dokumente belegen, dass viel mehr
hinter den Anklagepunkten steckt, als in der
Untersuchung des untergeordneten Meraner Richters
zum Vorschein gekommen ist, und dass da Fäden in
einem Knotenpunkt zusammenliefen, die an
unterschiedlichsten Orten gesponnen wurden und noch
einmal Stoff für die Frage liefern, die wir in einer
Woche im „Doppelpunkt“ diskutieren werden - die
Frage: Kann Politik nach moralischen Kriterien
geführt werden? Oder etwas differenzierter: Unter
welchen Bedingungen kann sie das nicht?
Versuchen
wir also zunächst einmal, die Fäden, die in Schloss
Labers und zum Teil in seinem Nachbarschloss Rametz
zusammenlaufen, aufzunehmen und in das grössere
Gewebe der Politik am Ende des Zweiten Weltkriegs
und kurz danach einzulegen.
Untersuchungsrichter Dordi liefert uns dazu den
Einstieg:
Sprecherin:
Während der
deutschen Besetzung unserer Region hatte sich ein
Kommando der SS in Schloss Labers (...) installiert.
Angesichts der unerbittlichen Strenge in der
Umgebung der SS konnte natürlich niemand wissen, was
in diesem Schloss vor sich ging. Doch zu einem
bestimmten Zeitpunkt im Jahr 1944 begann in Meran
und Umgebung das Gerücht durchzudringen, dass in
diesem Schloss gefälschtes Geld fabriziert werde,
unter anderem Englische Pfundnoten. Führer der
Gruppe im Schloss war Schwend, welcher nach der
Befreiung [Norditaliens] verschwand und offenbar
unauffindbar blieb.4
Gd.: Ueber
Crastan, den Eigentümer des Nachbarschlosses Rametz,
rapportierte die italienische Polizei, man habe in
Meran gesagt, er habe gute Beziehungen zu den
Deutschen gehabt, ja, man habe sogar von
Kollaboration mit der SS gesprochen - ein Vorwurf,
der umso schwerer wiegt, als Crastan Jude war.5
Sprecherin:
Von van
Harten weiss man nicht genau, woher es ihn nach
Meran hereingeschneit hat; auch nicht, was er
machte. Tatsache ist lediglich, dass er in den
letzten Kriegsmonaten ein Büro des Internationalen
Roten Kreuzes eingerichtet und erklärt hat, er
stamme aus Ungarn und sei mit dem Aufbau dieses
Büros beauftragt.6
Gd.: Soweit die nicht zufällig ungenauen, aber
im Kern zutreffenden Angaben des
Untersuchungsrichters Dordi über die Personen, deren
Aktivitäten der Publizist Shraga Elam für
„Doppelpunkt“ und für die Zeitschrift „Cash“
nachgegangen ist.
Sprecher:
Beim im
Gerichtsurteil von Meran erwähnten Schwend, handelte
es sich um SS-Sturmbanführer (Oberstleutnant)
Friedrich Paul Schwend,
Sprecherin:
eine der führenden Gestalten der sogenannten "Aktion
Bernhard", die auf Befehl Himmlers englische
Pfundnoten und später auch amerikanische Dollar
gefälscht haben. Es wurden 134 Millionen Pfund
gefälscht ... Diese Fälscherei entstand im KZ
Sachsenhausen. (...) Hier wurden Geldscheine im Wert
von fünf, zehn, zwanzig und fünfzig Pfund gedruckt.
Weiter wurden .... amerikanische Personalausweise,
amerikanische Schiffsbriefe, Kaufverträge mit
Brasilien, holländische Geburtsurkunden usw.
gefertigt.
(...)
Schwend wurde für die Distribution und den Verkauf
der gefälschten Banknoten verantwortlich.7
Sprecher:
Das
gefälschte Geld sollte während des Krieges zur
Destabilisierung Englands führen, aber auch der
Finanzierung verschiedener geheimdienstlicher
Tätigkeiten dienen. Nach dem Krieg wurden damit die
SS |