Die ZionistInnen und ihre
AnhängerInnen antworten: Nein. Die Juden und Jüdinnen seien ein Volk
wie alle andere und deshalb dürfen auch sie eine territoriale
Definition, sprich ein eigenes Land haben. Wer dem widerspricht, vor
allem nach dem Zweiten Weltkrieg, sei entsprechend anti-jüdisch,
denn angeblich hat die damalige Geschichte gezeigt, wie bitter nötig
ein Judenstaat gewesen sei. Die ZionistInnen behaupten demnach:
hätte es den Staat Israel während der Nazi-Zeit gegeben, so wäre es
gar nicht zum Völkermord gekommen.
In der Tat bin auch ich der
Meinung, dass diejenigen, die NUR den jüdischen Menschen einer
Volkszugehörigkeit absprechen, sich auf einem rassistischen Glatteis
bewusst/unbewusst bewegen. Denn meiner Meinung nach gibt es im
Grunde keine Völker oder Nationen, es gibt nur fiktive Gebilde, an
die Menschen glauben und insofern, nur auf dieser Glaubensebene gibt
es ein "Volk" oder eine "Nation". Anders gesagt, ein Volk ist eine
Gruppe von Menschen die sich als Volk definiert.
Hegel and Marx nannten diesen
Hergang "Entfremdung". Eine menschliche Phantasie oder Produkt
bekommt eine eigene Macht über uns, ohne dass wir unbedingt
erkennen, dass es dabei um unser eigenes Produkt geht, das uns
"beherrscht"
Entsprechend sollen die
Menschen die nationalistischen Illusionen mit ihren schrecklichen
Auswirkungen überwinden, um mehr Freiheiten zu erlangen. Insofern
kann, wer solche Ziele verfolgt, bestimmt nicht als Rassist
angesehen werden. Ganz im Gegenteil, denn der Nationalismus ist mit
Rassismus sehr eng verwandt.
Die Vorteile der Überwindung
im jüdischen Kontext sind leicht zu sehen, denn es gibt im Moment
keinen Ort auf der Erde, an dem die jüdischen Menschen mehr als in
Israel gefährdet sind. Israel als Zufluchtsort für die jüdischen
Menschen ist eine Fiktion. Ein echter Zufluchtsort war Israel nie
und auch heute nicht. Die Überlebenden des Nazi-Judeozids wurden in
Israel missbraucht und misshandelt wie in kaum einem anderen Land
(es gibt reichliche israelische Literatur darüber).
Ich kann anhand meiner
Recherchen behaupten, dass ohne den Zionismus viel viel mehr
jüdische Menschen während der Nazi-Zeit gerettet worden wären. Mir
liegt ein Brief des wichtigsten zionistischen Führers, Ben-Gurion,
aus dem Jahre 1938 vor, in dem er deutlich auf den grunds ätzlichen
Widerspruch zwischen Judenrettung und der Verfolgung der
zionistischen Ziele hinweist. Für ihn, laut dieser und anderer
Zitate, waren die Rettungsaktionen sogar eine Bedrohung für den
Zionismus! Entsprechend handelte die Jewish-Agency-Führung, wenn sie
bestimmte Rettungsaktionen sabotierte.
Auch heute gefährdet der
Zionismus die jüdischen Menschen wie keine andere Kraft.
Die europäischen Erfahrungen
zeigen deutlich, wie verheerend die Folgen des Nationalismus sind.
In Palästina/Israel können wir ebenfalls die schrecklichen Wirkungen
des Nationalismus sehen. Wenn die dort lebenden Menschen
(PalästinenserInnen und Israeli) nicht auf ihren Nationalismus
verzichten, ist eine noch schlimmere Katastrophe vorprogrammiert.
Ein a-nationalistisches,
multikulturelles und säkulares System ist meiner Meinung nach die
einzige seriöse Möglichkeit, aus der unmöglichen Situation doch
herauszukommen. Die sog. Zwei-StaatenL ösung ist absolut nicht
realistisch und wird die Probleme nicht lösen. U.a. weil Israel als
Staat der Juden und Jüdinnen bedeutet, dass die nicht-jüdischen
Menschen (immerhin jetzt etwa 30-35% der BewohnerInnen im sog.
Kernland-Israel) per Definition nicht gleichberechtigt sein können
und werden. Auch der ehemalige GeheimdienstChef, Ami Ayalon
realisierte, dass es einen Widerspruch zwischen Israel als
Judenstaat und der Demokratie gibt.
Wenn behauptet wird, dass
kurzfristig nicht zu erwarten sei, dass die Menschen im Nahen Osten
auf die Illusion des Nationalismus verzichten möchten, dann muss
realisiert werden, dass eigentlich die nationalistische Ideologie
bei vielen Menschen weniger tief sitzt, als es die oberflächlichen
Erscheinungen vermuten lassen. Es bräuchte, so bin ich der tiefen
Überzeugung; einige erfolgreiche Aktivitäten antinationalistischer
Kräfte, die eine Veränderung bewirken könnten.
Auch wenn diese Analyse als zu
optimistisch eingeschätzt wird, stellt sich die Frage, ob die
nationale Definition der jüdischen Menschen in Nahosten moralisch
und politisch klug war und ist.
Tatsache ist, dass das
zionistische Unternehmen ein kolonialistisches Projekt war und ist,
und zwar nicht erst ab 1967. Auch wenn eine nationalistische Lösung
für die jüdischen Menschen angestrebt sein sollte, warum dann auf
Kosten der PalästinenserInnen und nicht auf Kosten z.B. der
Deutschen?
Diese Frage ist zwar heute
sehr theoretisch, es sollte aber daran erinnert werden, dass am
Anfang der jüdischen nationalen Bewegungen es solche heisse
Diskussionen gab. Während die überwiegende Mehrheit der jüdischen
Menschen gegen den nationalistischen Weg waren (eigentlich bis heute
lebt die Mehrheit ausserhalb von Israel und denkt auch nicht dran,
nach Israel auszuwandern), standen zur Diskussion nicht nur ein
nationales Projekt in Palästina, sondern auch Länder wie Uganda,
Argentinien, aber auch gewisse Gebiete in Polen/Russland, die
hauptsächlich von jüdischen Menschen bewohnt waren.
Deshalb sollten nicht
zugelassen werden, dass antizionistische Positionen mit
antijüdischer Haltung automatisch identifiziert werden.
Ein anderes Problem, dass sehr
oft auftaucht, ist, dass jede Kritik an der israelischen Regierung
und Armee als antizionistisch bzw. antijüdisch bezeichnet wird. Es
ist aber "positiv"-rassistisch einen Staat, Organisationen oder
Menschen ausserhalb der Kritik zu stellen.
Damit will ich nicht sagen,
dass es keine Israel-KritikerInnen gibt, die nicht zwischen diesem
Staat, seiner Regierung, jüdischen Menschen und jüdischen
FunktionärInnen unterscheiden können. Für solche Menschen, übrigens
aber auch für viele Juden und Jüdinnen, gibt es nur eine Kategorie:
DIE JUDEN. DIE JUDEN aber gibt es nicht. Es gibt verschiedene
jüdische Menschen verschiedner Schattierung.
Wenn jüdische öffentliche
Personen wie Michel Friedman, Paul Spiegel usw. ihre Auschwitz- bzw.
Antisemitismus-Keule schwingen und die Arroganz der Macht
ausstrahlen, so erwecken sie mit ihrem heuchlerischen Ansatz - zu
recht - Abscheu und Hass bei breiten Kreisen der deutschen
Bevölkerung. Leider unterscheiden nicht alle NichtJuden zwischen
diesen FunktionärInnen und dem Rest der jüdischen Menschen und
meinen, dass die DIE JUDEN viel zu viel Macht haben und diese
missbrauchen. Diese Pauschalisierung ist rassistisch, wird aber
durch die Medien und durch die PolitikerInnen eigentlich noch
verstärkt und unterstützt.
Uri Avnery sagte in einem
Spiegel-Interview in etwa: "Wir Juden brauchen keine positive oder
negative Sonderbehandlung (Sonderbehandlung war die kodifizierte
Bezeichnung für die systematische Nazi-Judenvernichtung)."
Es besteht die dringende
Notwendigkeit nach einer klaren umfassenderen Definition der
Judeophobie, welche die Emanzipation der Gesellschaft fördern und
nicht blockieren sollte.
Sehr viele Menschen -
inklusive Juden und JüdInnen - wissen nicht genau, was Judeophobie
heute bedeutet und dadurch entsteht mehr Raum für den Missbrauch.
Die meisten gängigen Mainstream-Definitionen, die z.B.
Anti-Zionismus und Judeophobie gleichsetzen, sind faktisch unhaltbar
und dienen lediglich dazu, gefährliche politische Zielen zu
unterstützen.
Shraga Elam
Israelischer Journalist und
Friedenaktivist in Zürich