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Leben hinter den Mauern . und die Welt sieht zu

Was ist das für eine Politik, die Mauern braucht? Das fragen sich die Heilig-Land-Pilger, wenn sie zum ersten Male - wie eine Gruppe unserer Gemeinde - betroffen vor der 8 bis 12m hohen Betonabsperrung zwischen Jerusalem und Bethlehem stehen. Jeden Tag wächst diese unsägliche Mauer weiter; sie wächst auch in den Köpfen und Herzen der Palästinenser, der Israelis und der arabischen Welt.

Mit ihr wächst die Gewalt. Auf einer Mauerkarikatur ist zu lesen: "Geburtstätte des Terrorismus". Auf der Israel zugewandten Seite steht der vom Tourismusministerium angebrachte Wunsch: "Friede sei mit dir" und wirkt wie ein blanker Hohn. Längst sind die Plakate zum Jubiläumsjahr 2000 mit seiner großen, aber unerfüllten Erwartungen und der Aufschrift "Bethlehem, Stadt des Friedens" verblasst.

Bewusst hat sich eine Pilgergruppe der Gemeinde St. Michael in Schweinfurt nach fünf friedlichen Tagen in Galiläa für fünf Nächte auf die Seite der christlichen Palästinenser geschlagen, die als bescheidene Minderheit zwischen Muslimen und Israelis zerrieben werden. Zeit genug, um in Begegnungen die ganze Not der Christen zu erleben und durch die schikanöse Behandlung an der monströsen Sperrmauer, die die Berliner Mauer in den Schatten stellt, eigene Erfahrungen zu machen.

Es ist ein Skandal, dass Christen im Heiligen Land so wenig Unterstützung erfahren, weil sogar für Pilgergruppen nur ein Zweistundentakt für Bethlehem vorgesehen ist, ohne jede Möglichkeit durch ein gemeinsames Essen oder Einkäufe bei den Holzschnitzern die Bevölkerung vor weiterer Verelendung zu bewahren. Übernachtungen in Bethlehem sollten wieder genau so selbstverständlich werden, wie ein Besuch im Caritas-Babyhospital, dem einzigen Krankenhaus für eine halbe Million palästinensischer Kinder. Auch weitere christliche Initiativen, zum Beispiel die "Oase" für schwer behinderte Menschen, die Aktion "Scherbenengel" des evangelischen Pfarrers Mitri Raheb und die Salesianerbäckerei, die Brot an Bedürftige verschenkt, warten auf die Zeichen der Solidarität.

Als sich unsere Gruppe in Bet Jala, im Haus der Friedensaktivistin und Christin Faten Mukarter informieren ließ, wurden wir durch einen Militäreinsatz mit unbekanntem Ziel rasch vertrieben.

Totale Überwachung, Militäraktionen beim geringsten Anlass, Missachtung primitivster Menschenrechte, das ist es, was der Terrorismus erreichen will. Was oft genug in der Presse als palästinensische Aggression verkauft wird, ist meist die trotzige Reaktion auf Willkür und Gewalt. Welche Perspektiven haben zudem Menschen, die seit 1948, also in der 3. Generation im Flüchtlingslager leben müssen? Hier werden die Selbstmordattentäter geboren.

Wo sind die Zukunftsaussichten für Menschen, die keinen Staat, keine eigene Währung, keine Krankenversicherung, Altersversorgung oder Arbeit haben? Für die Palästinenser und die ganze arabische Welt erscheint Israel als einzige Demokratie im Nahen und Mittleren Osten keinesfalls als attraktives Beispiel. Der israelische Friedensaktivist, also ein unverdächtiger Zeuge, zählt einige Dutzend verpasster Möglichkeiten für einen dauerhaften Frieden auf und schlussfolgert: "Wir werden auf immer mit dem Schwert leben müssen."

Wenn die Politik versagt, müssen die einfachen Pilger Zeichen setzen. Jetzt ist es wichtiger denn je, das Heilige Land zu besuchen, mit offenen Augen und auf beiden Seiten der Mauer. Es darf nicht sein, dass sich Pilger im Zweistundentakt nach Bethlehem karren lassen, die Heiligen Stätten besuchen ohne Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit der Bevölkerung, geschweige denn auch nur eine Kleinigkeit einzukaufen und zum Lebensunterhalt beizutragen. Auf dieses traurige Spiel lassen sich christliche Pilger noch immer ein, verpassen die Wahrheit und versäumen die überlebenswichtigen Zeichen der Solidarität. Jesus käme heute als Palästinenser auf die Welt. Wer wollte ihn da nicht besuchen - trotz der Mauer und der Schikanen?

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