Israel Shahak:
Jüdische
Religion, Jüdische Geschichte
Inhaltsverzeichnis:
A/ 1- Israel - ein
Utopia für Auserwählte?
-
2-
Definition des Judenstaates
-
3-
Die Ideologie vom "erlösten" Land
-
4- Israelischer Expansionismus
-
5- Ein geschlossenes Utopia?
B/ 6- Vorurteile
und Verfälschungen
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7- Befreiung von außen
-
8-
Hindernisse für das Verstehen
-
9-
Totalitäre Geschichte
-
10- Verteidigungsmechanismen
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11- Die Täuschung geht weiter
C/ 12- Orthodoxie
und Interpretation
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13-
Interpretation der Bibel
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14-
Aufbau des Talmud
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15- Die Dispensationen
cc1-
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16- Verzinsung
cc2-
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17- Das Sabbat-Jahr
cc3-
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18- Melken am Sabbat
cc4-
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19- Vermischte Feldfrüchte
cc5-
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20- Gesäuerte Substanzen
cc6-
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21-
Der Sabbat-Goj
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22- Soziale Aspekte der
Dispensationen
D/ 23- Die Bürde
der Geschichte
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24- Grundzüge des klassischen
Judaismusda1-
-
25- England, Frankreich und Italien
da2-
-
26- Moslemische Länder
da3-
-
27- Das christliche Spanien
da4-
-
28-
Polen
-
29-
Antijüdische Verfolgungen
-
30-
Der moderne Antisemitismus
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31-
Die zionistische Reaktion
-
32- Konfrontation mit der
Vergangenheit
E/ 33-
Gesetze gegen Nichtjuden
-
34- Mord und Völkermord
-
35-
Rettung von Leben
-
36-
Entheiligung des Sabbats zur Lebensrettung
-
37-
Sexuelle Straftaten
-
38-
Status
-
39- Geld und Eigentum
ef1-
-
40- Geschenke
ef2-
-
41- Zinsforderungen
ef3-
-
42- Verlorenes Eigentum
ef4-
-
43- Täuschung im Geschäftsleben
ef5-
-
44- Betrug
ef6-
-
45-
Diebstahl und Raub
-
46-
Nichtjuden im Land Israel
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47-
Schmähungen
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48- Die Einstellungen zu Christentum
und Islam
F/ 49- Politische
Konsequenzen
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50-
Jerusalem und die Juden
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51-
Rezension von Benjamin Beit-Hallahmi
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52-
Leserbriefe
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53-
Ein Exzeß an Demagogie
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54-
Ein spanisches Beispiel
-
55-
Israelischer Terrorismus
-
56- Die Halacha
unterscheidet zwischen verschiedenen
Arten von Mord
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57-
Wer ist Demokrat im Nahen Osten?
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58-
Scharons Imperium
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59-
Mord gemäß der Halacha
-
60-
Das Gleichnis gilt
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61-
Gebete auf verworrenen Wegen
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62-
Das iranische Modell
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63-
Maskerade von ausgestopften Bälgern als menschliche Wesen
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64-
Beste Absicht?
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65-
Ist es noch dieselbe Arbeiterpartei?
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66-
eres' Unterstützung der Siedler
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67-
Woraus besteht eine Öffentlichkeit?
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68-
Organspenden von Nichtjuden
-
69-
Der Weg zu absoluter Korruption
-
70-
Ein Fall einer unreinen Adresse
-
71-
Der Rassismus von Arthur Ruppin
-
72- Sehnsucht nach Wiedererrichtung
des Königreichs Davids und
Salomos
-
73-
Was will Gott wirklich?
-
74-
Gehirnwäsche
-
75-
Wer darf aus den "Staatsländereien" Nutzen ziehen?
-
76-
Wie die religiösen Fanatiker in Ägypten
-
77-
Ein Chomeini-Staat
-
78-
Das Schweigen der israelischen Juden
-
79-
Vier Hauptmerkmale des Apartheid-Regimes
-
80-
Professor Gabison irrt
-
81-
Ein grober Bruch der militärischen Disziplin
-
82-
Es kann hier geschehen
-
83-
Der richtige Name ist "Genozid" und nicht "Sho'a"
-
84-
Der Verrat der [israelischen] Medien und Intellektuellen
-
85-
Sabra und Schatila Nr. 2
-
86-
Die [zionistische] Arbeiterbewegung ist nicht sozialdemokratisch
-
97-
"Diese Missetat soll euch nicht vergeben werden, bis ihr sterbet"
-
88- Die Ideen
der Chabad-Bewegung sind noch
verwerflicher als diejenigen von Kahane
-
89- Die "Grundsatzerklärung"
erkennt nicht die Rechte der
Palästinenser an
-
90-
Nichtmoderater physischer Druck
-
91-
Nur zum Nutzen der Juden
-
92-
Ein Fall von Vorurteilslosigkeit aus dem 11. Jahrhundert
-
93-
Das jüdische Religionsgesetz ist inhuman
-
94-
Nachwort von Edward W. Said
-
95- Die Vita von Israel Shahak
A/
ISRAEL
- ein
Utopia für Auserwählte?
Hier schreibe ich, was ich
für wahr halte, daß die Geschichten der Griechen so zahlreich wie
gedankenarm sind.
(Hekataios von
Milet, zitiert nach Herodot)
Amicus Plato sed magis
amica veritas - Plato ist mir lieb, noch lieber die Wahrheit.
(Lateinisches
Sprichwort nach der Nikomachischen Ethik von Aristoteles)
In einem freien Staat kann
jeder denken, was er will, und sagen, was er denkt.
(Spinoza)
Obwohl in
englischer Sprache entstanden und für Menschen gedacht, die außerhalb
des Staates Israel leben, ist dieses Buch gewissermaßen eine Fortsetzung
meiner politischen Arbeit als israelischer Jude. Diese Arbeit begann in
den Jahren 1965 und 1966 mit einem Protest, der seinerzeit großes
Ärgernis erregte. Ich war nämlich Augenzeuge, wie ein ultrareligiöser
Jude die Benutzung seines Telefons am Sabbat verweigerte: Für einen
Nichtjuden, der in der Gegend von Jerusalem einen Kollaps erlitten
hatte, wurde ein Notarztwagen benötigt. Statt mich auf eine
Pressemitteilung zu beschränken, bemühte ich mich um eine Zusammenkunft
mit dem Rabbinischen Gericht von Jerusalem, dessen Mitglieder vom Staate
Israel ernannt werden. Ich fragte die Rabbiner, ob solch ein Verhalten
ihrer Auslegung der jüdischen Religion entspräche. Ihre Antwort war, daß
der fragliche Jude sich richtig, ja sogar fromm verhalten hätte, und sie
zitierten zur Bekräftigung ihrer Aussage eine Passage aus einem in
unserem Jahrhundert abgefaßten maßgeblichen Handbuch der talmudischen
Gesetze. Ich berichtete diesen Vorfall der größten hebräischen
Tageszeitung Haarez, die mit ihrer Meldung einen Medienskandal auslöste.
Für mich hatte der
Skandals ziemlich negative Folgen. Weder in Israel noch in der Diaspora
hoben rabbinische Autoritäten die Vorschrift auf, daß kein Jude den
Sabbat verletzen dürfe, um das Leben eines Nichtjuden zu retten. Sie
betteten das Ganze in viel scheinheiliges Geschwätz, die Verletzung des
Sabbat sei nur dann erlaubt, wenn wegen einer unterlassenen
Hilfeleistung Juden in Gefahr geraten könnten.
Ich besann mich
auf mein in der Jugend erworbenes Wissen und begann, jene talmudischen
Gesetze zu studieren, die die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden
regeln. Dabei wurde mir klar, daß sowohl der angeblich vorwiegend
areligiöse Zionismus als auch die seit der Staatsgründung betriebene
israelische Politik und ganz besonders die Israel unterstützende Politik
der jüdischen Diaspora nur zu verstehen ist, wenn man den starken
Einfluß dieser Gesetze und die dafür verantwortliche Ideologie
berücksichtigt. Die von Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg verfolgte
Politik und besonders der Apartheid-Charakter des israelischen
Besatzungsregimes sowie die Einstellung des größten Teils der Juden
gegenüber den Rechten der Palästinenser (auch wenn sie keine praktischen
Auswirkungen hatte) haben diese Überzeugung noch bestärkt.
Mit dieser Aussage
versuche ich nicht, die politischen oder strategischen Überlegungen, die
ebenfalls einen Einfluß auf die Herrschenden in Israel haben, zu
ignorieren. Ich sage nur, daß Realpolitik aus der Wechselwirkung
zwischen realistischen Erwägungen (gleichgültig, ob richtig oder falsch,
moralisch oder unmoralisch nach meiner Bewertung) und ideologischen
Einflüssen erwächst. Die letzteren scheinen dann um so einflußreicher zu
sein, je weniger sie erörtert und "aufs Tapet gebracht" werden. Jede
Form von Rassismus, Diskriminierung und Xenophobie gewinnt um so mehr
politischen Einfluß, je mehr sie die Allgemeinheit für
selbstverständlich hält. Dies gilt gerade dann, wenn die Diskussion
darüber offiziell oder inoffiziell tabuisiert wird. Rassismus,
Diskriminierung und Xenophobie, von Juden ausgehend und mit religiösen
Motiven unterlegt gegen Nichtjuden gerichtet, ist ein Zwillingsbruder
des Antisemitismus und seiner religiösen Motive. Während über die eine
Rassismusvariante gesprochen werden kann, wird das Vorhandensein der
anderen im allgemeinen ignoriert, und zwar weitaus häufiger außerhalb
Israels als in Israel selbst.
Definition des Judenstaates
Ohne eine
Erörterung der unter Juden vorherrschenden Haltungen gegenüber
Nichtjuden kann man auch das Konzept Israels als "Judenstaat", wie sich
Israel selbst formell definiert, nicht verstehen. Das weitverbreitete
Mißverständnis, daß Israel (auch ohne Berücksichtigung seiner
Besatzungsherrschaft) eine echte Demokratie sei, läßt sich auf die
Weigerung zurückführen, die Bedeutung des Begriffs "Judenstaat"
Nichtjuden nahezubringen. Meiner Ansicht nach ist Israel als Judenstaat
eine Gefahr nicht nur für sich selbst und seine Einwohner, sondern für
alle Juden und alle anderen Völker und Staaten im Nahen Osten und noch
darüber hinaus sein. Außerdem meine ich, daß auch die anderen
nahöstlichen Staaten oder Institutionen, die sich entsprechend der
israelischen Selbstdefinition als "jüdisch", als "arabisch" oder
"moslemisch" definieren, ebenfalls eine Gefahr sind. Während diese
Gefahr in der Öffentlichkeit diskutiert wird, schweigt man über die
Gefahren, die dem jüdischen Charakter des Staates Israel innewohnen.
Das Prinzip
Israels als "Judenstaat" war seit den Anfängen des Staates für alle
israelischen Politiker von höchster Wichtigkeit und wurde der jüdischen
Bevölkerung mit allen nur denkbaren Mitteln eingeprägt. Als sich Anfang
der achtziger Jahre eine winzige Minderheit israelischer Juden bildete,
die diesem Konzept ablehnend gegenüberstand, verabschiedete die Knesset
im Jahre 1983 mit überwältigender Mehrheit ein Verfassungsgesetz (d.h.
ein Gesetz, das die Regelungen anderer Gesetze außer Kraft setzt und nur
durch ein spezielles Verfahren aufgehoben werden kann). Nach diesem
Gesetz darf eine Partei, deren Programm dem Prinzip des "Judenstaates"
offen widerspricht oder Änderungen daran durch demokratische Mittel
vorsieht, an den Wahlen zur Knesset nicht teilnehmen. Ich selbst bin ein
heftiger Gegner dieses Verfassungsprinzips. Für mich besteht die
Konsequenz darin, daß es für mich in dem Staat, dessen Bürger ich bin,
keine Partei gibt, deren Prinzipien ich zustimmen und die zugleich an
den Parlamentswahlen teilnehmen kann. Gerade dieses Beispiel zeigt, daß
der Staat Israel keine Demokratie ist, denn eine jüdische Ideologie wird
gegen alle Nichtjuden und gegen solche Juden angewendet, die diese
Ideologie ablehnen. Die Gefahr durch diese herrschende Ideologie
beschränkt sich jedoch nicht auf die Innenpolitik, sondern beeinflußt
auch die Außenpolitik Israels. Diese Gefahr wird weiter wachsen, solange
sich zwei gegenwärtige Entwicklungen zuspitzen: Die Zunahme des
jüdischen Charakters von Israel und der Zuwachs an militärischer,
insbesondere nuklearer Stärke. Ein weiterer verhängnisvoller Faktor ist
die Tatsache, daß der israelische Einfluß auf das politische
Establishment der USA wächst. Deshalb sind genaue Informationen über den
Judaismus und besonders über die Behandlung der Nichtjuden durch Israel
nicht nur wichtig, sondern auch politisch lebensnotwendig.
Lassen Sie mich
mit der offiziellen israelischen Definition des Begriffs "jüdisch"
beginnen, der den entscheidenden Unterschied zwischen Israel als
"Judenstaat" und der Mehrheit der anderen Staaten aufzeigt. Nach dieser
offiziellen Definition "gehört" Israel nur den Menschen, die von den
israelischen Behörden als "jüdisch" definiert werden, unabhängig von
Wohnort oder Staatsangehörigkeit. Andererseits "gehört" Israel offiziell
nicht den nichtjüdischen Bürgern, deren Status sogar offiziell als
untergeordnet angesehen wird. Dies bedeutet in der Praxis, wenn
peruanische Indios zum Judentum konvertieren und somit als jüdisch
betrachtet werden, sie sofort berechtigt sind, israelische Bürger zu
werden und von etwa 70% des Bodens im besetzten Westjordanland (und von
92% des Bodens im eigentlichen Israel) profitieren zu können, das
offiziell ausnahmslos zum Nutzen durch Juden vorgesehen ist. Alle
Nichtjuden (nicht nur alle Palästinenser) sind von diesen Vorrechten
ausgeschlossen. (Das Verbot gilt auch für arabische Staatsbürger
Israels, die in der israelischen Armee gedient und einen hohen Rang
erreicht haben.) Der Fall mit den zum Judentum konvertierten Peruanern
ereignete sich tatsächlich vor einigen Jahren.
Diese neuen Juden
wurden im Westjordanland in der Nähe von Nablus auf Land angesiedelt,
das Nichtjuden offiziell nicht besiedeln dürfen. Alle israelischen
Regierungen nehmen enorme politische Risiken einschließlich der Gefahr
eines Krieges auf sich, damit solche Siedlungen, die sich ausschließlich
aus "jüdisch" definierten Personen (und nicht etwa "israelischen", wie
die meisten Medien lügenhaft behaupten) zusammensetzen, nur "jüdischer"
Autorität unterstehen.
Ich vermute, daß
die Juden in den USA oder in Großbritannien es als antisemitisch
ansähen, wenn Christen vorschlügen, aus Großbritannien oder den USA
sollte ein "Christenstaat" werden, der offiziell nur den als "Christen"
definierten Bürgern gehöre. Die Folge einer solchen Doktrin bestünde
darin, daß zum Christentum konvertierte Juden wegen ihres Übertritts zum
Christentum vollberechtigte Bürger würden. Man sollte sich daran
erinnern, daß die Vorteile von Glaubensübertritten den Juden aus ihrer
eigenen Geschichte bekannt sind. Als die christlichen und islamischen
Staaten alle Personen diskriminierten, die - wie die Juden - nicht der
Staatsreligion angehörten, wurde die Diskriminierung der Juden durch
ihren Glaubensübertritt aufgehoben. Ein vom Staat Israel diskriminierter
Nichtjude erfährt aber ebenso sofort eine andere Behandlung, wenn er zum
Judaismus konvertiert. Es zeigt, daß dieselbe Art der Exklusivität, die
die Mehrheit der in der Diaspora lebenden Juden als antisemitisch an
sich ansieht, von der Mehrheit aller Juden als jüdisch betrachtet wird.
Ein Eintreten gegen Antisemitismus und jüdischen Chauvinismus wird unter
Juden weitgehend als "Selbsthaß" betrachtet, was in meinen Augen
sinnwidrig ist.
Die Bedeutung des
Begriffs "jüdisch" und der artverwandten Wörter einschließlich
"Judaismus" erlangt im Zusammenhang mit der israelischen Politik
dieselbe große Bedeutung wie das offiziell von Iran verwendete Wort
"islamisch" oder der offiziell von der UdSSR verwendete Begriff
"Kommunist". Die Bedeutung des allgemein benutzten Begriffs "jüdisch"
ist jedoch nicht klar, weder im Hebräischen noch in anderen Sprachen.
Daher muß der Begriff offiziell definiert werden.
Nach israelischem
Gesetz ist eine Person "jüdisch", wenn entweder die Mutter, die
Großmutter, die Urgroßmutter oder die Ururgroßmutter religiöse Jüdinnen
waren, oder die Person in einer Art und Weise zum Judentum konvertierte,
die den israelischen Behörden zufriedenstellend erscheint. Darüber
hinaus gilt die Bedingung, daß die Person nicht vom Judentum zu einer
anderen Religion konvertierte. In diesem Falle betrachtet Israel diese
Person nicht mehr als "jüdisch". Von diesen drei Bedingungen entspricht
die erste der talmudischen Definition "Wer ist Jude?", d.h. der auch von
der jüdischen Orthodoxie verwendeten Definition. Der Talmud und das
nachtalmudische Gesetz erkennen außerdem den Glaubensübertritt eines
Nichtjuden zum Judentum (als auch den Kauf eines nichtjüdischen Sklaven
durch einen Juden mit anschließendem Glaubensübertritt einer anderen
Art) als eine Methode an, ein Jude zu werden, vorausgesetzt, daß der
Glaubensübertritt durch einen autorisierten Rabbiner auf entsprechende
Art und Weise vorgenommen wird. Diese "entsprechende Art und Weise" hat
für Frauen die Konsequenz, daß sie sich von drei Rabbinern nackt in
einem "Reinigungsbad" untersuchen lassen müssen. Dieses Ritual ist zwar
allen Lesern der hebräischen Presse bekannt, wird aber in den
nichtjüdischen Medien trotz des unzweifelhaften Interesses für bestimmte
Leser nicht oft erwähnt. Ich hoffe, daß dieses Buch den Anfang eines
Prozesses bildet, der diese Diskrepanz beseitigt.
Es gibt aber eine
weitere dringende Notwendigkeit für eine offizielle Definition dessen,
wer "jüdisch" ist und wer nicht. Der Staat Israel diskriminiert
offiziell Nichtjuden gegenüber Juden in vielen Lebensbereichen, von
denen ich folgende drei als die wichtigsten betrachte: Wohnrecht,
Arbeitsrecht und das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz. Die
Diskriminierung im Wohnrecht gründet sich auf der Tatsache, daß etwa 92%
des israelischen Landes Staatseigentum sind und von der israelischen
Landbehörde entsprechend den vom Jewish National Fund (JNF), einem
Ableger der World Zionist Organization, erlassenen Vorschriften
verwaltet werden. In diesen Vorschriften verweigert der Jewish National
Fund jedermann, der nicht jüdisch ist, das Recht auf Niederlassung, auf
Geschäftseröffnung und oft auch zur Arbeit. Und zwar nur deshalb, weil
er kein Jude ist. Gleichzeitig ist es Juden aber erlaubt, sich überall
in Israel niederzulassen und geschäftlich tätig zu sein. Solche
Maßnahmen gegen Juden in einem anderen Staat würden sofort und zu Recht
als Antisemitismus gebrandmarkt werden und zweifellos massive
öffentliche Proteste hervorrufen. Wendet jedoch Israel diese Maßnahmen
als Teil der "jüdischen Ideologie" an, so werden sie in der Regel
geflissentlich ignoriert oder (bei einer seltenen Erwähnung)
entschuldigt.
Die Verweigerung
des Rechts auf Arbeit bedeutet, daß Nichtjuden offiziell von der Arbeit
auf dem Land ausgeschlossen sind, das die israelische Landbehörde
entsprechend den Jewish-National-Fund-Vorschriften verwaltet. Diese
Vorschriften werden sicher nicht immer durchgesetzt, existieren aber.
Von Zeit zu Zeit versucht Israel jedoch, diese Vorschriften von
staatlichen Behörden durchsetzen zu lassen, wie z.B. immer dann, wenn
das Landwirtschaftsministerium vorgeht gegen den "Frevel, gepachtete
Obstplantagen, die Juden gehören und sich auf nationalem Land (d.h.
Land, das dem Staate Israel gehört) befinden, von arabischen
Arbeitskräften abernten zu lassen", auch wenn die fraglichen
Arbeitskräfte Bürger Israels sind. Israel verbietet es ferner den auf
"nationalem Land" angesiedelten Juden, auch nur einen Teil des Landes an
Arbeiter selbst für nur kurze Zeit zu verpachten. Diejenigen, die es
dennoch tun, müssen in der Regel schwere Geldstrafen zahlen. Nichtjuden
ist es jedoch nicht verboten, ihr Land an Juden zu verpachten. Dies
bedeutet in meinem Falle, daß aufgrund der Tatsache, daß ich ein Jude
bin, ich das Recht habe, einen Obstgarten zur Aberntung von einem
anderen Juden zu pachten. Ein Nichtjude jedoch, gleichgültig, ob Bürger
Israels oder ein niedergelassener Ausländer, hat dieses Recht nicht.
Nichtjüdische
Bürger Insraels haben nicht das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz.
Diese
Diskriminierung drückt sich in vielen israelischen Gesetzen aus, in
denen die Begriffe "jüdisch" und "nichtjüdisch" in der Regel nicht
explizit, wie in dem entscheidenden Rückkehrgesetz, verwendet werden,
vermutlich, um Verwicklungen zu vermeiden. Nach diesem Gesetz haben nur
offiziell als "jüdisch" anerkannte Personen automatisch das Recht auf
Einwanderung und Niederlassung in Israel. Sie erhalten automatisch ein
"Einwanderungs-Zertifikat", das ihnen bei der Ankunft das "Bürgerrecht
kraft ihrer Rückkehr in das jüdische Heimatland" und das Recht auf viele
finanzielle Vorteile verleiht, die je nach Herkunftsland unterschiedlich
ausfallen. Die aus den Staaten der früheren UdSSR emigrierten Juden
erhalten eine "Eingliederungsbeihilfe" von mehr als 20 000 Dollar pro
Familie. Alle Juden, die entsprechend diesem Gesetz nach Israel
einwandern, erhalten sofort das aktive und passive Wahlrecht für die
Knesset - auch wenn sie kein Wort hebräisch sprechen.
Andere israelische
Gesetze dienen als Ersatz für die etwas dunklen Aussagen "jeder, der
entsprechend dem Rückkehrgesetz einwandern kann", und "jeder, der
entsprechend dem Rückkehrgesetz ein Recht zur Einwanderung hat". Je nach
fraglichem Gesetz erhält die erste Kategorie Zuwendungen, die der
zweiten systematisch verweigert werden. Das alltägliche Mittel zur
Diskriminierung im täglichen Leben ist der Personalausweis, den jeder
jederzeit mit sich tragen muß. In den Personalausweisen steht mit der
wichtigen Ausnahme "Israeli" die offizielle "Nationalität" einer Person,
die "jüdisch", "arabisch", "drusisch" und dergleichen sein kann.
Versuche von Israelis, das Innenministerium zur Angabe "Israeli" oder
sogar "Israeli-Jude" in ihren Personalausweisen zu zwingen, sind
fehlgeschlagen. Diejenigen, die solche Versuche unternommen hatten,
erhielten vom Innenministerium einen Brief mit der Angabe, daß "es einen
Beschluß gibt, eine israelische Nationalität nicht anzuerkennen". In dem
Brief ist nicht gesagt, von wem oder wann diese Entscheidung getroffen
wurde.
Israel kennt
derart viele Gesetze und Vorschriften, die Personen entsprechend der
Definition "wer entsprechend dem Rückkehrgesetz einwandern kann"
begünstigen, so daß das Thema eine gesonderte Behandlung verlangt. Wir
können hier ein Beispiel heranziehen, das im Vergleich mit den
Einschränkungen bei den Niederlassungsrecht trivial und dennoch wichtig
ist, da es die wahren Absichten des israelischen Gesetzgebers enthüllt.
Israelische Bürger, die das Land eine Zeitlang verlassen haben, jedoch
als solche definiert sind, die "entsprechend dem Einwanderungsgesetz
einwandern können", haben bei ihrer Rückkehr Anspruch auf großzügige
Zollerleichterungen, Unterstützung für eine höhere Schulausbildung ihrer
Kinder und entweder eine Beihilfe oder einen günstigen Kredit zum Kauf
eines Appartments sowie andere Zuwendungen. Bürger, die nicht derart
definiert sind, d.h. die nichtjüdischen Bürger Israels, erhalten keine
dieser Vergünstigungen. Die offensichtliche Absicht solcher
diskriminierender Maßnahmen besteht darin, die Anzahl der nichtjüdischen
Bürger zu vermindern, um den Staat Israel "jüdischer" zu machen.
Die Ideologie vom
"erlösten" Land
Israel propagiert
unter den jüdischen Bürgern die supra-exklusive Ideologie der Erlösung
des Landes. An dieser Ideologie, die den jüdischen Schulkindern in
Israel eingetrichtert wird, läßt sich das offizielle Ziel ablesen, die
Anzahl an Nichtjuden auf ein Minimum zu reduzieren. Man lehrt sie, daß
dies dem gesamten Staat Israel oder nach 1967 für das Gebiet gilt, das
man das Land Israel nennt. Nach dieser Ideologie ist das "erlöste" Land
das Land, das aus nichtjüdischem in jüdisches Eigentum überging. Das
Eigentum kann entweder in privater Hand sein oder dem Jewish National
Fund oder dem Judenstaat gehören. Das im Besitze von Nichtjuden
befindliche Land wird dagegen als "unerlöst" betrachtet. Wenn also ein
Jude, der die schlimmsten Verbrechen begangen hat, ein Stück Land von
einem unbescholtenen Nichtjuden kauft, wird durch solch eine Transaktion
das "unerlöste" zu "erlöstem" Land. Kauft jedoch ein unbescholtener
Nichtjude Land vom denkbar schlechtesten Juden, so wird das zuvor
makellose und "erlöste" Land erneut zu "unerlöstem" Land. Die logische
Schlußfolgerung aus solch einer Ideologie ist die "Transfer" genannte
Vertreibung aller Nichtjuden aus dem Landgebiet, das "erlöst" werden muß.
Deshalb ist die Utopie der vom Staat Israel übernommenen "jüdischen
Ideologie" das Land, das vollständig "erlöst" ist und sich nicht im
Besitze von Nichtjuden befindet oder von diesen bearbeitet wird. Die
Führer der zionistischen Arbeiterbewegung drückten diese ganz und gar
abstoßende Idee mit größter Klarheit aus. Walter Laqueur, ein
eingefleischter Zionist, beschreibt in seinem Buch History of Zionism,
wie der im Jahre 1919 verstorbene A. D. Gordon, eine dieser geistigen
Väter, "Gewalt prinzipiell ablehnte und Selbstverteidigung nur unter
extremen Umständen rechtfertigte. Er und seine Freunde wünschten jedoch,
daß jeder Baum und jeder Busch im jüdischen Heimatland von keinem
anderen als jüdischen Pionieren gepflanzt werde." Dies bedeutet, daß er
von jedem anderen verlangte, auszuwandern und das von Juden "zu
erlösende" Land zu verlassen habe. Gordons Nachfolger wandten mehr
Gewalt an, als er im Sinne hatte. Das Prinzip der "Erlösung" und die
sich daraus ergebenden Folgen blieben jedoch erhalten.
Desgleichen war
und ist der Kibbuz, der hochgelobte Versuch zum Aufbau einer Utopia,
eine supra-exklusive Utopia. Auch wenn er aus Atheisten besteht, nimmt
er prinzipiell keine arabischen Mitglieder auf und verlangt von
potentiellen Mitgliedern aus anderen Nationalitäten, daß sie zunächst
zum Judentum konvertieren. So ist es kein Wunder, daß die
Heranwachsenden aus dem Kibbuz als der militaristischste Teil der
israelisch-jüdischen Gesellschaft angesehen werden können.
Es ist gerade
diese supra-exklusive Ideologie und nicht das von der israelischen
Propaganda vorgeschobene "Sicherheitsbedürfnis", durch die die
Landübernahme in Israel in den fünfziger Jahren und erneut Mitte der
sechziger Jahre und in den besetzen Gebieten nach 1967 bestimmt wird.
Diese Ideologie diktierte auch die offiziellen Pläne Israels zur
"Judaisierung von Galiläa". Dieser seltsame Begriff soll Juden zur
Ansiedlung in Galiläa durch finanzielle Zuwendungen ermutigen. (Ich
frage mich, was wohl die Reaktion der amerikanischen Juden sein würde,
wenn ein Plan zur "Christianisierung von New York" oder sogar nur von
Brooklyn im Lande propagiert würde.) Doch der Rückkauf des Landes
impliziert mehr als nur regionale "Judaisierung". Im gesamten Gebiet von
Israel gibt der von israelischen Behörden (und speziell von der
Geheimpolizei) stark unterstützte Jewish National Fund große Summen
öffentlicher Gelder aus, um alles Land "zu erlösen", das Nichtjuden
verkaufen wollen, und um jeden Versuch eines Juden zu vereiteln, sein
Land an einen Nichtjuden gegen Zahlung eines höheren Preises zu
verkaufen.
Israelischer Expansionismus
Die größte Gefahr,
die Israel als "Judenstaat" für seine eigenen Einwohner, andere Juden
und seine Nachbarn bildet, ist die ideologische Motivierung der
territorialen Expansion und der unvermeidlichen Kriege, die dieses Ziel
nach sich zieht. Je stärker Israel, wie man im Hebräischen sagt, jüdisch
wird und je mehr es zum "Judaismus zurückkehrt" (ein Vorgang, der sich
in Israel seit mindestens 1967 vollzieht), desto stärker richtet sich
die Realpolitik an jüdisch-ideologischen Zielen und weniger an
rationalen Überlegungen aus. Der von mir verwendete Begriff "rational"
bezieht sich nicht so sehr auf eine moralische Bewertung der
israelischen Politik oder auf angenommene Verteidigungs- oder
Sicherheitsbedürfnisse Israels - noch weniger auf die unterstellte
Gefährdung des "Überlebens Israels". Ich meine hier die
israelisch-imperialistische Politik, die auf den mutmaßlichen Interessen
des Landes beruht. Wie moralisch schlecht oder politisch rüde eine
solche Politik auch sein mag, ich betrachte die Durchsetzung einer auf
der "jüdischen Ideologie" fußenden Politik mit all ihren verschiedenen
Versionen als noch schlechteren Fall. Die ideologischen
Verteidigungsmaßnahmen der israelischen Politik basieren in der Regel
auf der jüdischen Religion und bei areligiösen Juden auf den
"historischen Rechten" der Juden, die sich aus dieser Religion ableiten
und den dogmatischen Charakter des religiösen Glaubens beibehalten.
Meine eigene schon
früh einsetzende politische Wandlung von einem Bewunderer Ben Gurions zu
einem ausgesprochenen Gegner begann genau bei diesem Problem. Im Jahre
1956 nahm ich direkt alle von Ben Gurion vorgebrachten politischen und
militärischen Gründe für den Beginn des Suez-Krieges durch Israel in mir
auf, bis er (obwohl er als Atheist stolz darauf war, die Gebote der
jüdischen Religion nicht zu beachten) am dritten Tag des Krieges in der
Knesset aussprach, daß der wirkliche Grund für den Krieg "die
Wiederherstellung von Davids und Salomos Königreich" in seinen
biblischen Grenzen sei. An dieser Stelle seiner Rede sprang nahezu jedes
Knesset-Mitglied spontan auf und sang die Nationalhymne.
Meines Wissens hat
sich kein zionistischer Politiker jemals von Ben Gurions Vorstellung
distanziert, daß die israelische Politik (innerhalb pragmatischer
Überlegungen) sich auf der Wiederherstellung der biblischen Grenzen als
Grenzen des Judenstaates gründen müsse. In der Tat verdeutlicht eine
nähere Analyse der israelischen Langzeitstrategie und der tatsächlichen
Prinzipien der Außenpolitik, wie sie in hebräisch ausgedrückt sind, daß
die israelische Realpolitik überwiegend durch die "jüdische Ideologie"
bestimmt wird. Die Vernachlässigung des real existierenden Judaismus und
der "jüdischen Ideologie" lassen diese Politik dem ausländischen
Beobachter, der außer einigen oberflächlichen Apologien nichts über den
Judaismus weiß, unverständlich erscheinen.
An dieser Stelle
will ich ein weiteres Beispiel für den wesentlichen Unterschied
anführen, der zwischen der aufgeblähten, aber säkulären imperialen
Planung und den Prinzipien der "jüdischen Ideologie" besteht. Letztere
befiehlt, daß jedes Territorium, das entweder von einem jüdischen
Herrscher in der Antike regiert oder von Gott den Juden entweder in der
Bibel oder, was politisch tatsächlich noch wichtiger ist, gemäß der
rabbinischen Interpretation der Bibel und des Talmud, versprochen wurde,
Israel gehöre, da dies ein Judenstaat sei. Zweifellos sind viele
jüdische "Tauben" der Ansicht, daß solche Eroberungen auf einen
Zeitpunkt zurückzustellen seien, zu dem Israel stärker als jetzt ist,
oder daß es, wie man hofft, eine "friedliche Eroberung" geben könne,
d.h. daß die arabischen Herrscher oder Völker sich "überzeugen lassen",
das fragliche Land gegen Zahlungen abzutreten, die der Judenstaat dann
an sie leisten würde.
Im Umlauf sind
eine Reihe von sich widersprechenden Versionen der biblischen Grenzen
des Landes Israels, die rabbinische Autoritäten so interpretieren, daß
sie im Idealfall zum Judenstaat gehören. Nach der Maximalversion liegen
folgende Gebiete innerhalb dieser Grenzen: Im Süden der gesamte Sinai
und ein Teil des nördlichen Ägyptens bis in die Nähe von Kairo, im Osten
das gesamte Jordanien und ein großes Stück von Saudi-Arabien, ganz
Kuwait und ein Teil des Iraks südlich des Euphrat, im Norden der gesamte
Libanon und Syrien zusammen mit einem großen Teil der Türkei (bis zum
See Van) und im Westen Zypern. Umfangreiche auf diesen Grenzen beruhende
Forschungen und gelehrte Dispute, dargestellt in Atlanten, Büchern,
Artikeln und populären Formen der Propaganda, werden in Israel mit
staatlicher Förderung veröffentlicht. Sicherlich wünschen der kürzlich
verstorbene Rabbi Kahane und seine Anhänger sowie einflußreiche
Vereinigungen wie der Gusch Emunim nicht nur die Eroberung dieser
Gebiete durch Israel, sondern sehen es auch als göttlich befohlenes
Gesetz an, und sie vertrauen auf den Erfolg, weil Gott mit ihnen ist.
In der Tat
betrachten wichtige jüdische religiöse Persönlichkeiten die Weigerung
Israels, solch einen Heiligen Krieg zu führen oder, noch gravierender,
die Rückgabe des Sinai an Ägypten, als eine nationale Sünde, die von
Gott gerechterweise bestraft wurde. Dov Lior, einer der Wortführer des
Gusch Emunim und Rabbiner der jüdischen Siedlungen von Kirjat Arba und
von Hebron, stellte wiederholt fest, daß die militärische Libanon-Pleite
in den Jahren 1982 bis 1985 eine wohlverdiente göttliche Strafe für die
Sünde sei, "einen Teil des Landes Israel", nämlich den Sinai, an Ägypten
zurückgegeben zu haben.
Obwohl ich
zugegebenermaßen ein extremes Beispiel für die biblischen Grenzen des
Landes Israel, die zum "Judenstaat" "gehören", angeführt habe, sind
diese Grenzen in nationalreligiösen Kreisen sehr populär. Es gibt aber
auch weniger extreme Versionen der biblischen Grenzen, mitunter auch
"historische Grenzen" genannt. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß
in Israel und in der Diaspora das Konzept der biblischen bzw. der
historischen Grenzen als Demarkationslinien des den Juden zustehenden
Landes nicht prinzipiell abgelehnt wird. Eine Ausnahme bildet dabei eine
winzige Minderheit, die das Konzept eines Judenstaates ablehnt.
Andererseits sind Einwände gegen die Verwirklichung solcher Grenzen
durch Krieg rein pragmatischer Natur. Man mag einwenden, daß Israel noch
zu schwach zur Eroberung des gesamten Landes ist, das den Juden
"gehört", oder daß der Verlust jüdischen (aber nicht arabischen!) Lebens
als Folge eines Eroberungskrieges solcher Größe schwerwiegender als die
Eroberung des Landes sei. Aber im normativen Judaismus kann man nicht
bestreiten, daß das "Land Israel", in welchen Grenzen auch immer, nicht
allen Juden "gehört". Im Mai 1993 schlug Ariel Scharon auf dem
Likud-Parteitag formell vor, daß Israel das Konzept der "biblischen
Grenzen" als offizielle Politik anerkenne. Es gab weder innerhalb noch
außerhalb des Likud nennenswerte Einwände dagegen, und alle hatten
pragmatische Gründe. Nicht einer fragte Scharon, wo denn genau die
biblischen Grenzen lägen, die Israel seiner Meinung nach haben müsse.
Wir wollen uns daran erinnern, daß es unter denjenigen, die sich selbst
Leninisten nennen, keinen Zweifel gab, daß die Geschichte den von Marx
und Lenin erarbeiteten Prinzipien folgt. Nicht aus dem dogmatischen
Glauben selbst, sondern aus der Verhinderung offener Diskussionen und
der dadurch bedingten Skrupellosigkeit erwächst eine totalitäre
Geisteshaltung. Deshalb kann man von der israelisch-jüdischen
Gesellschaft und den in der Diaspora lebenden Juden, bei denen es sich
um Führer der "jüdischen" Leben handelt und die in rein jüdischen
Vereinigungen organisiert sind, sagen, daß ihr Charakter einen stark
totalitären Zug aufweist.
Seit den Anfängen
des Staates wurde aber auch eine israelische Langzeitstrategie
entwickelt, die sich nicht auf den Dogmen der "jüdischen Ideologie",
sondern auf rein strategische oder imperialistische Überlegungen
gründet. Der mittlerweile aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene General
Schlomo Gasit, ehemals Befehlhaber des militärischen
Nachrichtendienstes, verfaßte solch eine maßgebende und erhellende
Beschreibung der Prinzipien, auf denen sich solch eine Strategie
aufbaut.
Gasit:
Die Hauptaufgabe
Israels änderte sich [seit dem Ende der UdSSR] überhaupt nicht und
bleibt von entscheidender Bedeutung. Die geographische Lage Israels in
der Mitte des arabisch-moslemischen Nahen Ostens prädestiniert Israel
dazu, ein aufmerksamer Wächter für Stabilität in allen benachbarten
Ländern zu sein. Israels Rolle besteht darin, die vorhandenen Regimes zu
schützen, den Prozeß einer Radikalisierung zu verhindern oder zu stoppen
und die Expansion des fundamentalistischen religiösen Fanatismus
einzudämmen.
Aus diesem Grund
wird Israel Änderungen jenseits seiner Grenzen verhindern und diese dann
als unannehmbar betrachten, wenn sie einen Punkt erreichen, an dem
Israel seine gesamte militärische Macht zu deren Verhinderung oder
Ausrottung einzusetzen zu müssen glaubt.
Mit anderen
Worten, Israel zielt darauf ab, eine Hegemonie über die anderen Staaten
im Nahen Osten zu erreichen. Nach den Worten von Gasit ist es
unmittelbar einsichtig, daß Israel an der Stabilität der arabischen
Regimes interessiert ist. Aus Gasits Sicht leistet Israel durch den
Schutz der nahöstlichen Regimes einen lebenswichtigen Dienst für die
"industriell hochentwickelten Staaten, die alle um die Stabilität im
Nahen Osten äußerst besorgt sind". Er meint, daß ohne Israel die
vorhandenen Regimes der Region schon längst zusammengebrochen wären,
weil sie nur noch wegen der israelischen Bedrohung existieren. Diese
Ansicht mag zwar heuchlerisch sein, doch sollte man sich in solchen
Zusammenhängen an La Rochefoucaulds Maxime erinnern, daß "Heuchelei die
Steuer ist, die die Niedertracht an die Tugend zahlt". Die Erlösung des
Landes ist solch ein Versuch, die Zahlung einer derartigen Steuer zu
vermeiden.
Selbstverständlich
bekämpfe ich auch voll und ganz die nichtideologische Politik Israels,
wie sie Gasit eindeutig und treffend beschreibt. Gleichzeitig erkenne
ich an, daß die von der "jüdischen Ideologie" motivierte Politik Ben
Gurions und Scharons viel gefährlicher als eine reine Machtpolitik, ja
sogar kriminell ist. Die Auswirkungen dieser Politik auf andere
ideologisch motivierte Regimes weisen in dieselbe Richtung. Schon das
Vorhandensein einer wichtigen Komponente der israelischen Politik, die
sich auf der "jüdischen Ideologie" gründet, verlangt zwingend eine
politische Analyse. Diese Ideologie basiert wiederum auf der Einstellung
des historischen Judaismus gegenüber Nichtjuden, die eines der
Hauptthemen dieses Buches ist. Diese Haltung beeinflußt notwendigerweise
- bewußt oder unbewußt - viele Juden. Unsere Aufgabe hier ist es also,
den historischen Judaismus so zu behandeln, wie er ist. Der Einfluß der
"jüdischen Ideologie" auf viele Juden ist desto stärker, je mehr er der
öffentlichen Diskussion entzogen ist. Diese Diskussion wird hoffentlich
viele Menschen dazu bringen, dieselbe Haltung gegenüber dem jüdischen
Chauvinismus und der von so vielen Juden gegenüber Nichtjuden an den Tag
gelegte Verachtung (die später dokumentiert werden soll) einzunehmen,
die man normalerweise gegen Antisemitismus und alle anderen Formen der
Fremdenfeindlichkeit, des Chauvinismus und des Rassismus entgegenbringt.
Man kann von der
Annahme ausgehen, daß nur die umfassende Beschreibung sowohl des
Antisemitismus als auch seiner historischen Wurzeln die Grundlage für
den Kampf gegen ihn sein kann. Desgleichen sehe ich voraus, daß nur eine
vollständige Darstellung des jüdischen Chauvinismus und des religiösen
Fanatismus die Basis für den Kampf gegen diese Erscheinungen sein kann.
Dies gilt gerade für die heutige Zeit, in der im Gegensatz zu der vor 50
oder 60 Jahren vorherrschende Lage der politische Einfluß des jüdischen
Chauvinismus und religiösen Fanatismus viel größer ist als der des
Antisemitismus. Da ist aber noch ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt.
Ich bin davon überzeugt, daß der Antisemitismus und der jüdische
Chauvinismus nur zusammen bekämpft werden können.
Ein
geschlossenes Utopia?
Bis diese
Einsichten sich weiter verbreitet haben, bleibt die tatsächliche Gefahr
der auf der "jüdischen Ideologie" basierenden israelischen Politik
größer als die Gefahr einer Politik, die sich auf rein strategischen
Überlegungen gründet. Den Unterschied zwischen beiden Arten der Politik
drückte Hugh Trevor-Roper in seinem Essay "Sir Thomas More and Utopia"
gut aus, indem er sie platonisch-machiavellistisch nannte.
Machiavelli
rechtfertigte wenigstens die Methoden, die er für die Politik als
unerläßlich ansah. Er bedauerte die Notwendigkeit von Gewalt und Betrug
und nannte sie auch bei keinem anderen Namen. Plato und More hingegen
sanktionierten sie unter der Voraussetzung, daß sie zur
Aufrechterhaltung ihrer eigenen utopischen Republiken verwendet würden.
Desgleichen sind
die echten Gläubigen des "Judenstaat" genannten Utopia, das die
"biblischen Grenzen" anstrebt, viel gefährlicher als die großartigen
Strategen vom Typ Gasit, da deren Politik entweder durch die Religion
oder, was noch schlimmer ist, durch die Anwendung säkularisierter
religiöser Prinzipien mit Absolutheitsanspruch sanktioniert ist. Während
Gasit wenigstens noch das Argument vorbringen zu müssen glaubt, daß das
israelische Diktat für die arabischen Regimes von Vorteil sei, ließ Ben
Gurion keinen Zweifel daran, daß die Wiederherstellung des Königreichs
von David und Salomo sich allein für den jüdischen Staat auszahlte.
Die Anwendung der
Konzepte des Platonismus zur Analyse der auf der "jüdischen Ideologie"
basierenden israelischen Politik dürfte nicht ungewöhnlich sein. Mehrere
Gelehrte, unter ihnen Moses Hadas als der bedeutendste, stellten fest,
daß die Grundlagen des "klassischen Judaismus", d.h. der von den
talmudischen Weisen begründete Judaismus, auf den Einflüssen Platos und
insbesondere seines Bildes von Sparta beruht. Nach Hadas war es ein
entscheidendes Merkmal des vom Judaismus schon in der makkabäischen Zeit
(142 bis 63 v. Chr.) übernommenen politischen Systems von Plato, "daß
jede Phase menschlichen Verhaltens religiösen Sanktionen unterliegt, die
in Wirklichkeit vom Herrscher manipuliert werden".
Es gibt keine
bessere Definition des "klassischen Judaismus" und der Art und Weise, in
der die Rabbis und Rabbiner ihn manipulierten, als diese Definition
Platos. Insbesondere meint Hadas, daß der Judaismus das übernahm, was
"Plato selbst als die Ziele seines Programms" in der folgenden bekannten
Passage zusammenfaßte:
Das Wichtigste
ist, daß niemand, weder Mann noch Weib, ohne Vorgesetzte sei, und daß
niemandes Seele sich gewöhnt habe, sei es im Kampfe selbst oder bei den
Vorübungen, etwas für sich nach eigener Willkür zu tun; sondern in jedem
Kriege und während des Friedens stets auf den Vorgesetzten hinzublicken
... mit einem Wort, seine Seele durch Gewöhnung dahin zu bestimmen, daß
sie ohne die andern nichts tue noch überhaupt von etwas Kenntnis nehme
oder sich unterrichte, sondern daß vielmehr das Leben aller zu einem
möglichst vereinten, unter sich verbundenen und gemeinsamen sich
gestalte. (Gesetze 942ab)
Ersetzt man das
Wort "Vorgesetzter" durch "Rabbiner", haben wir ein perfektes Bild des
klassischen Judaismus. Letzterer hat noch einen großen Einfluß auf die
israelisch-jüdische Gesellschaft und bestimmt zum größten Teil die
israelische Politik.
Gerade die oben
zitierte Passage wählte Karl Popper in seinem Werk Die Offene
Gesellschaft und ihre Feinde zur Beschreibung der Wesensmerkmale einer
"geschlossenen Gesellschaft". Der historische Judaismus und seine beiden
Nachfolger, die jüdische Orthodoxie und der Zionismus, sind beide
eingeschworene Feinde des Konzepts einer Offenen Gesellschaft, soweit es
auf Israel angewandt wird. Ein Judenstaat kann nie eine Offene
Gesellschaft sein, gleichgültig, ob er sich auf der derzeitigen
jüdischen Ideologie oder, falls er dem Charakter nach jüdischer wird,
als er jetzt ist, auf den Prinzipien der jüdischen Orthodoxie gründet.
Die israelisch-jüdische Gesellschaft hat zwei Wahlmöglichkeiten: Sie
kann ein vollständig geschlossenes und kriegerisches Ghetto werden, ein
jüdisches Sparta, das von der Arbeitskraft arabischer Heloten gestützt
und durch seinen Einfluß auf das politische Establishment der USA sowie
durch Drohungen mit seiner Atommacht am Leben gehalten wird, oder sie
kann versuchen, eine Offene Gesellschaft zu werden. Die zweite
Wahlmöglichkeit hängt ab von einer ehrlichen Aufarbeitung der jüdischen
Vergangenheit, von dem Eingeständnis, daß jüdischer Chauvinismus und
jüdische Abgrenzung existieren sowie eine ehrliche Überprüfung der
Haltung des Judaismus gegenüber Nichtjuden.
B/
Vorurteile und Verfälschungen
Die erste
Schwierigkeit bei der Behandlung dieses Themas besteht darin, daß der
Begriff "Jude" während der letzten 150 Jahre zwei unterschiedliche
Bedeutungen hatte. Um dies zu verstehen, versetzen wir uns in das Jahr
1780. Zu jener Zeit verstand man unter "Jude" genau das, was die Juden
selbst als ihre eigene Identität ansahen. Diese Identität war vorwiegend
religiös geprägt. Die religiösen Vorschriften regelten jede Einzelheit
des täglichen Verhaltens in allen Lebenslagen sozialer und privater Art
unter den Juden selbst sowie in ihren Beziehungen zu Nichtjuden. Es ist
buchstäblich wahr, daß damals ein Jude noch nicht einmal ein Glas Wasser
im Hause eines Nichtjuden trinken durfte. Dieselben Grundgesetze für das
Verhalten gegenüber Nichtjuden galten gleichermaßen vom Jemen bis nach
New York. Gleichgültig, mit welchem Begriff die Juden des Jahres 1780
auch beschrieben werden (ich möchte hier nicht in eine metaphysische
Diskussion über Begriffe wie "Nation" und "Volk" eintreten) - es ist
unstrittig, daß alle jüdischen Gemeinden jener Zeit sich von den sie
umgebenden nichtjüdischen Gesellschaften abgrenzten.
Dies alles änderte
sich jedoch durch zwei parallel verlaufende Prozesse, die in Holland und
in England begannen und sich im revolutionären Frankreich und in den
modernen Monarchien des 19. Jahrhunderts fortsetzten: Juden erhielten
einen bedeutenden Teil der Individualrechte (in einigen Fällen sogar die
volle Gleichheit), und die jüdischen Gemeinden verloren die gesetzliche
Gewalt über ihre Mitglieder. Es ist dabei zu beachten, daß beide
Entwicklungen gleichzeitig abliefen und die zweite, obwohl weit weniger
bekannt als die erste, eine größerer Bedeutung hatte.
Seit der Zeit des
späten Römischen Reiches übten die jüdischen Gemeinden beträchtliche
Macht über ihre Mitglieder aus, und zwar nicht nur die Macht, die sich
aus der freiwilligen Mobilisierung sozialen Druckes ergibt (z.B. das
Verbot, mit einem exkommunizierten Juden irgendetwas zu tun zu haben
oder sogar seinen Leichnam zu vergraben), sondern die Macht des nackten
Zwanges wie etwa Prügelstrafe, Einkerkerung und Vertreibung. All dies
konnte das rabbinische Gericht über einen Juden für alle Arten von
Vergehen legal verhängen. In vielen Ländern - Spanien und Polen sind
herausragende Beispiele - war die Vollstreckung der Todesstrafe möglich,
mitunter auch mit grausamen Methoden, wie das Auspeitschen bis zum Tode.
Dies war nicht nur erlaubt, sondern wurde auch von staatlichen Stellen
sowohl in christlichen als auch moslemischen Ländern gefördert, die
neben dem allgemeinen Interesse an der Erhaltung von "Recht und Ordnung"
in einigen Fällen auch direkte finanzielle Vorteile im Auge hatten. So
enthalten z.B. spanische Akten des 13. und 14. Jahrhunderts viele von
den frömmsten Katholischen Königen von Kastilien und Aragon erlassene
Befehle, die ihre weniger strenggläubigen Beamten anwiesen, gemeinsam
mit den Rabbinern die Einhaltung des Sabbats durchzusetzen. Warum?
Verhängte nämlich ein rabbinisches Gericht gegen einen Juden wegen
Verletzung des Sabbats eine Geldstrafe, so mußten die Rabbiner neun
Zehntel der Strafe an den König abführen, was eine sehr profitable und
wirksame Maßnahme war.
Man kann auch die
Responsen anführen, die kurz vor 1832 der bekannte Rabbiner Mose Sofer
aus Preßburg (jetzt Bratislava bzw. Pozsonyi), das damals zum autonomen
ungarischen Königreich im österreichischem Kaiserreich gehörte, verfaßte
und nach Wien ins eigentliche Österreich schickte, das den Juden schon
beträchtliche Individualrechte gewährt hatte. Er beklagt sich über die
Tatsache, daß die Juden es mit der Einhaltung religiöser Gesetze nicht
mehr so genau nähmen, da die jüdische Gemeinde in Wien das Recht zur
Bestrafung von Missetätern verloren hätte. Er fügte hinzu: "Als man mir
hier in Preßburg sagte, daß ein jüdischer Ladeninhaber es wagte, sein
Geschäft während der Halbfeiertage zu öffnen, schickte ich sofort einen
Polizisten hin, um ihn einzusperren."
Dies war die
wichtigste soziale Tatsache der jüdischen Existenz vor dem Entstehen des
modernen Staates: Die Juden setzten die Einhaltung der religiösen
Gesetze des Judaismus mit physischem Zwang durch, dem man sich nur durch
Übertritt zur Religion der Mehrheit entziehen konnte, was unter diesen
Umständen einen totalen sozialen Bruch bedeutete und daher mit Ausnahme
in einer religiösen Krise praktisch unmöglich war.
Mit dem Entstehen
des modernen Staates verlor die jüdische Gemeinde ihr Recht, Juden zu
bestrafen und zu bedrohen. Der Zusammenhalt einer der geschlossensten
der "geschlossenen Gesellschaften", einer der totalitärsten
Gesellschaften in der Weltgeschichte, zerbrach. Die Befreiung kam
größtenteils von außen, auch wenn es einige wenige Juden gab, die von
innen dazu beitrugen. Diese Form der Befreiung hatte ernste Folgen für
die Zukunft. Im Fall Deutschland (nach der meisterhaften Analyse von A.
J. P. Taylor) war es einfach, die Sache der Reaktion mit Patriotismus zu
verbinden, da in der Tat die Armeen der Französischen Revolution und
Napoleon die Individualrechte und die Gleichheit vor dem Gesetz nach
Deutschland brachten. Man konnte daher die Freiheit als "undeutsch"
brandmarken.
Genauso leicht
(und zwar besonders in Israel) fiel den Juden, die Vorstellungen und
Ideale von Humanität und Rechtsstaatlichkeit als "unjüdisch" oder
"antijüdisch" - was sie in einem historischen Sinne tatsächlich sind -
und als Prinzipien zu attackieren, die zwar gelten, wenn sie "jüdischen
Interessen" nützen, aber ungültig sind, wenn sie "jüdischen Interessen"
schaden, also sich z.B. Araber auf dieselben Prinzipien berufen. Dies
führte, wiederum gerade in Deutschland und den anderen Nationen in
Mitteleuropa, zu einer verfälschenden, sentimentalen und
ultraromantischen jüdischen Geschichtsschreibung, aus der alle
unbequemen Tatsachen ausgemerzt wurden.
Auch in Hannah
Arendts umfangreichen Schriften über den Totalitarismus oder über Juden
oder über beide findet man nicht den geringsten Hinweis darauf, wie es
in der jüdischen Gemeinschaft im 18. Jahrhundert wirklich aussah:
Bücherverbrennung, Verfolgung von Schriftstellern, Kontroversen über die
magischen Kräfte von Amuletten, Verbot der elementarsten
"nichtjüdischen" Ausbildung (wie der Deutschunterricht im korrekten
Gebrauch der Sprache oder im Schreiben mit lateinischen Buchstaben).
Niemand findet in den zahllosen in englischer Sprache abgefaßten
"jüdischen Geschichtswerken" grundlegende Tatsachen über die Haltung der
jüdischen Mystik (die derzeit in gewissen Kreisen so modisch ist)
gegenüber Nichtjuden: Sie werden - so wörtlich - als Körperteile des
Satans angesehen, und die wenigen nichtsatanischen Personen unter ihnen
(d.h. diejenigen, die zum Judaismus konvertierten) seien in Wirklichkeit
"jüdische Seelen", die verlorengingen, als der Satan die heilige Frau
(Schechina oder Matronit), einer der weiblichen Teile der Gottheit und
nach der Kabbala die Schwester und die Ehefrau des jüngeren männlichen
Gottes (in ihrem himmlischen Wohnsitz), schändete. Die großen
Autoritäten wie Gerschom Scholem haben mit ihrem Ansehen ein System von
Betrügereien in all den "sensiblen" Bereichen gestützt, wobei die besser
bekannten unter ihnen auch die unehrlichsten und demagogischsten waren.
Als soziale Folge
dieses Liberalisierungsprozesses konnte ein Jude zum ersten Mal seit
etwa 200 n. Chr. innerhalb des bürgerlichen Rechts eines Landes frei
handeln, ohne dafür den Preis des Übertritts zu einer anderen
Religionsgemeinschaft zu zahlen. Die Freiheit, in modernen Sprachen
abgefaßte Bücher kennenzulernen und zu lesen, die Freiheit, von den
Rabbinern nicht autorisierte Bücher in Hebräisch zu lesen und zu
schreiben (jedes hebräische oder jiddische Buch mußte zuvor genehmigt
werden), die Freiheit, nichtkoschere Nahrungsmittel zu essen, die
Freiheit, die zahllosen absurden Tabus hinsichtlich des Soziallebens zu
ignorieren, ja sogar die Freiheit des Denkens ("verbotene Gedanken"
zählen zu den schwersten Sünden), wurde den Juden in Europa (und später
in anderen Ländern) von den modernen und sogar absolutistischen Regimen
gewährt, obwohl letztere gleichzeitig antisemitisch und tyrannisch
waren. Der russische Zar Nikolaus I. war ein notorischer Antisemit und
erließ zahlreiche Gesetze gegen die Juden in seinem Staate. Er stärkte
jedoch die Kräfte von "Recht und Ordnung" in Rußland, und zwar nicht nur
die Geheimpolizei, sondern auch die normale Polizei und die Gendarmerie,
so daß es schwierig wurde, Juden auf Geheiß der Rabbiner zu ermorden,
was in Polen vor 1795 recht einfach war. Die "offizielle" jüdische
Geschichtsschreibung verurteilt Nikolaus I. deswegen in beiden
Anklagepunkten. So befahl z.B. kurz vor 1840 ein "heiliger Rabbi" (ein
Zaddik) in einer kleinen jüdischen Stadt in der Ukraine die Ermordung
eines Häretikers, der in das kochende Wasser der städtischen Bäder
geworfen werden sollte. Zeitgenössische jüdische Quellen vermerken mit
Erstaunen und Erschrecken, daß Bestechung "keine Wirkung mehr hatte" und
nicht nur die Täter, sondern auch der "heilige Mann" schwer bestraft
wurden. Das Regime von Metternich war in Österreich vor 1848 notorisch
reaktionär und den Juden gegenüber sehr unfreundlich eingestellt, ließ
aber nicht zu, daß liberale Rabbiner vergiftet wurden. Im Laufe des
Jahres 1848, als die Staatsmacht vorübergehend geschwächt wurde, war das
erste, was die Führer der jüdischen Gemeinde in der galizischen Stadt
Lemberg (jetzt Lviv, Lwów bzw. Lvov) mit ihrer neuerlangten Freiheit
taten, den liberalen Rabbiner der Stadt zu vergiften, den die winzige
nicht-orthodoxe jüdische Gruppe der Stadt aus Deutschland geholt hatte.
Nebenbei bemerkt, als eine der größten Häresien galt die Befürwortung
und tatsächliche Ausführung der Bar-Mizwa-Zeremonie, die kurz zuvor
eingeführt wurde.
Befreiung von außen
In den letzten 150
Jahren hat der Begriff "Jude" eine doppelte Bedeutung erhalten, was
besonders in den englischsprachigen Ländern einige gutmeinende Leute
sehr verwirrte; sie meinten, daß die ihnen bekannten Juden, unter
sozialen Gesichtspunkten gesehen, "repräsentativ" für die Juden "im
allgemeinen" seien. In Osteuropa und in der arabischen Welt wurden die
Juden von der Tyrannei ihrer eigenen Religion und ihrer eigenen
Gemeinden durch äußere Kräfte befreit, jedoch zu spät und unter den
Verhältnissen zu ungünstig für eine echte innere soziale Wandlung. In
den meisten Fällen (besonders in Israel) hat sich die alte Vorstellung
von der Gesellschaft, dieselbe Ideologie - speziell gegenüber Nichtjuden
- sowie dasselbe vollständig falsche Geschichtsbild erhalten. Dies gilt
auch für einige der Juden, die "fortschrittlichen" oder linken
Bewegungen beitraten. Eine Untersuchung der radikalen, sozialistischen
und kommunistischen Parteien fördert viele Beispiele versteckten
jüdischen Chauvinismus und Rassismus derjenigen zutage, die diesen
Parteien lediglich aus Gründen des "jüdischen Interesses" beitraten und
in Israel eine Diskriminierung von "Nichtjuden" fordern. Man braucht nur
nachzuprüfen, wieviele jüdische "Sozialisten" über den Kibbuz
geschrieben haben, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden,
daß der Kibbuz eine rassistische Institution ist, die nichtjüdische
Bürger Israels rigoros ausschließt, und daß dieses von uns angedeutete
Phänomen keineswegs ungewöhnlich ist.
Ohne auf Ignoranz
oder Heuchelei beruhende Klischees verwenden zu wollen, sieht man, daß
das Wort "Judentum" (und die Wörter gleichen Ursprungs) zwei
verschiedene und sogar gegensätzliche soziale Gruppen beschreibt; wegen
der derzeitigen israelischen Politik schwindet das Kontinuum zwischen
beiden sehr schnell. Einerseits gibt es die traditionelle und oben
behandelte totalitäre Bedeutung, andererseits aber auch
Abstammungsjuden, die den von Karl Popper "Offene Gesellschaft"
genannten Ideenkomplex nach innen verlagert haben. (Insbesondere in den
USA gibt es aber auch solche, die diese Vorstellungen zwar nicht
verinnerlicht haben, aber dennoch versuchen, damit hausieren zu gehen.)
Man muß wissen,
daß sämtliche angeblichen "jüdischen Charaktereigenschaften" (von
unkundigen sogenannten Intellektuellen im Westen "den Juden"
angedichtet) neue Merkmale sind, die während des größten Teils der
jüdischen Geschichte unbekannt waren und erst hervortraten, als die
Macht der totalitären jüdischen Gemeinde zu schwinden begann. Nehmen wir
z.B. den bekannten jüdischen Humor. In der Vergangenheit war er nur
während einiger kurzer Perioden in den Ländern anzutreffen, in denen die
jüdische Oberklasse relativ wenig unter dem rabbinischen Joch zu leiden
hatte, wie in Italien vom 14. bis zum 17. Jahrhundert oder im
moslemischen Spanien. Vor dem 19. Jahrhundert ist dieser Humor in der
hebräischen Literatur nicht nur selten zu finden, sondern Humor und
Witze sind sogar durch die jüdische Religion strikt verboten, mit der
bezeichnenden Ausnahme von Witzen über andere Religionen. Gegen die
Rabbiner und die Führer der Gemeinde gerichtete Satire war nie Thema
beim Judaismus, auch nicht in ganz geringem Maße wie beim lateinischen
Christentum. Es gab keine jüdischen Komödien, wie auch die antiken
Spartaner keine Komödien schrieben, und das aus ähnlichen Gründen.
Oder nehmen wir
die Liebe zum Lernen. Mit Ausnahme eines rein religiös motivierten
Lernens, das sich selbst in einem minderwertigen und degenerierten
Zustand befand, beherrschte die Juden in Europa (und in etwas geringerem
Ausmaß auch in den arabischen Ländern) vor etwa 1780 tiefe Verachtung
und tiefer Haß gegenüber allem Lernen (mit Ausnahme des Talmud und der
jüdischen Mystik). Große Teile des Alten Testaments, die gesamte
nichtliturgische hebräische Poesie und die meisten Bücher über jüdische
Philosophie wurden nicht gelesen, sondern mit dem Bann belegt. Strikt
verboten war das Studium der Sprachen, ebenso wie das der Mathematik und
der Naturwissenschaften. Völlig unbekannt waren Geographie und
Geschichte, besonders die jüdische Geschichte. Der kritische Verstand,
dieser angeblich singuläre Charakterzug der Juden, war überhaupt nicht
zu finden, und nichts war so verboten, so gefürchtet und deshalb so
verfolgt, wie die geringste Neuerung oder die harmloseste Kritik.
Es war eine in
verachtenswertesten Aberglauben, Fanatismus und Unwissenheit
abgeglittene Welt, eine Welt, in der sich das Vorwort zum ersten in
hebräisch abgefaßten geographischen Werk (veröffentlicht 1803 in Rußland)
darüber beklagte, daß viele bedeutende Rabbiner die Existenz des
amerikanischen Kontinents deswegen leugneten, weil er "unmöglich" sei.
Zwischen diesem jüdischen Milieu und dem, was der Westen oft als
"typisch jüdisch" betrachtet, besteht mit Ausnahme des unrichtigen
Adjektivs keine Gemeinsamkeit.
Viele der heutigen
Juden hegt jedoch nostalgische Gefühle für dieses Milieu, das verlorene
Paradies und die komfortable geschlossene Gesellschaft, aus der sie
nicht so sehr befreit, sondern mehr vertrieben wurden. Ein großer Teil
der zionistischen Bewegung wollte sie von jeher restaurieren - und
gerade dieser Teil hat die Oberhand gewonnen. Viele der hinter der
israelischen Politik stehenden Motive, die die armen, verwirrten
westlichen "Freunde Israels" oft so verblüffen, lassen sich erklären,
sobald man sie schlicht und einfach als Reaktion in der politischen
Bedeutung dieses Wortes ansieht, als eine auf Zwang beruhende und in
vielerlei Hinsicht einfallsreiche und deshalb illusorische Rückkehr zur
geschlossenen Gesellschaft der jüdischen Vergangenheit.
Hindernisse für das Verstehen
Wie aus der
Geschichte bekannt, hat eine geschlossene Gesellschaft an ihrer
Selbstbeschreibung kein Interesse, denn eine solche Beschreibung hat
zweifellos teilweise die Form einer kritischen Analyse und ermutigt das
Aussprechen vieler kritischer "verbotener Gedanken". Je offener eine
Gesellschaft wird, desto aufgeschlossener ist sie zunächst einer
beschreibenden und dann kritischen Selbstreflexion ihrer gegenwärtigen
Funktion und ihrer Vergangenheit. Was geschieht aber, wenn eine Clique
von Intellektuellen wünscht, eine schon zu einem beträchtlichen Teil
geöffnete Gesellschaft in ihren früheren totalitären geschlossenen
Zustand zurückzuversetzen? In diesem Falle werden die Mittel des
früheren Fortschritts wie die Philosophie, die Naturwissenschaften, die
Geschichtsschreibung und speziell die Soziologie zum wirksamsten
Instrument des "Verrats der Intellektuellen". Sie werden pervertiert,
damit sie als Mittel des Betrugs dienen, und degenerieren im Laufe
dieses Prozesses.
Der klassische
Judaismus war nur wenig interessiert an einer Selbstbeschreibung für die
Mitglieder der eigenen Gemeinde, seien sie nun (durch talmudische
Studien) gebildet oder nicht. Bezeichnenderweise gibt es keine jüdische
Geschichtsschreibung (nicht einmal im trockensten Chronistenstil)
zwischen der Zeit des Flavius Josephus (Ende des 1. Jahrhunderts) und
der Renaissance. Erst in der Renaissance blühte sie kurzzeitig in
Italien und anderen Ländern auf, in denen die Juden unter starkem
italienischen Einfluß standen. Es ist typisch für die Rabbiner, daß sie
mehr noch die jüdische als die allgemeine Geschichte fürchteten. So trug
das erste moderne (im 16. Jahrhundert veröffentlichte) Geschichtsbuch
den Titel Geschichte der Könige Frankreichs und der osmanischen
Könige#B#bibliographische Angaben?#. Darauf folgten einige
Geschichtswerke, die nur von den Verfolgungen handelten, unter denen die
Juden zu leiden hatten.
Das erste Buch
über die eigentliche jüdische Geschichte, es befaßte sich mit der
Antike, verboten und unterdrückten die höchsten rabbinischen
Autoritäten; es erschien erst wieder im 19. Jahrhundert. Die
rabbinischen Autoritäten in Osteuropa verboten alle nichttalmudischen
Untersuchungen, auch wenn sie darin nichts fanden, was dieses Verbot
rechtfertigte. Die damit verbrachte Zeit solle besser zum Talmudstudium
oder Geldverdienen verwandt werden, und das Geld könne wiederum zur
Unterstützung der Talmudgelehrten benutzt werden. Ein Schlupfloch blieb
jedoch offen, nämlich die Zeit, die auch ein frommer Jude zwangsweise
auf dem Abort verbringen muß. Da an diesem unsauberen Ort das Studium
heiliger Schriften verboten ist, war es erlaubt, Geschichtswerke dort zu
lesen, vorausgesetzt, sie waren in Hebräisch abgefaßt und vollständig
säkulär, was letztlich bedeutete, daß sie ausschließlich nichtjüdische
Themen behandeln durften. (Man kann sich vorstellen, daß die wenigen
Juden dieser Zeit, die - zweifellos durch satanische Versuchung - ein
Interesse an der Geschichte der französischen Könige entwickelten, sich
dauernd bei ihren Nachbarn über die Verstopfung beklagten...) So befand
sich vor zweihundert Jahren der überwiegende Teil der Juden in geistiger
Dunkelheit, nicht nur, was die Existenz Amerikas, sondern auch die
jüdische
Geschichte und den damaligen Zustand des Judentums betraf. Und sie waren
sehr einverstanden damit, daß es dabei blieb.
Totalitäre Geschichte
Bei einer Sache
durften sie jedoch nicht in der Selbstgenügsamkeit verweilen, nämlich
bei christlichen Angriffen gegen die Passagen des Talmud und der
talmudischen Literatur, die sich gegen Nichtjuden im allgemeinen und
Christen im besonderen richteten. Man muß wissen, daß solche Angriffe
erst relativ spät in der Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen
auftraten, und zwar vom 13. Jahrhundert an. (Vor dieser Zeit gingen die
christlichen Autoritäten gegen den Judaismus entweder mit der Bibel oder
mit allgemeinen Argumenten vor. Der Talmud war ihnen anscheinend
ziemlich unbekannt.) Die christliche Kampagne gegen den Talmud leiteten
offensichtlich von zum Christentum übergetretene Juden ein, die den
Talmud sehr gut kannten und sich in vielen Fällen von der Entwicklung
der christlichen Philosophie mit ihren starken aristotelischen (und
somit universellen) Charakter angezogen fühlten.
Man muß
vorausschicken, daß der Talmud und die talmudische Literatur - ganz
abgesehen von den allgemeinen Andeutungen gegen Nichtjuden, die sich
durch sie ziehen und ausführlich im Kapitel V ("V Gesetze gegen
Nichtjuden") behandelt werden - einige sehr anstößige, besonders gegen
das Christentum gerichtete Aussagen und Vorschriften enthalten.
Neben einer Reihe
von skurrilen, unbewiesenen Behauptungen über das Sexualleben von Jesus,
schreibt z.B. der Talmud, daß seine Strafe in der Hölle darin bestehe,
in kochende Exkremente eingetaucht zu werden. Diese Aussage zielt nicht
gerade darauf ab, den Talmud bei frommen Christen beliebt zu machen. Man
kann aber auch die Vorschrift zitieren, nach der die Juden angewiesen
werden, jedes Exemplar des Neuen Testaments, das ihnen in die Hände
fällt, möglichst öffentlich zu verbrennen. Diese Vorschrift ist zwar
nicht mehr in Kraft, wird aber heute noch praktiziert, wie etwa am 23.
März 1980, als Hunderte von Exemplaren des Neuen Testaments öffentlich
und zeremoniell in Jerusalem unter der Schirmherrschaft von "Jad Le
Achim", einer religiösen jüdischen und vom israelischen
Religionsministerium unterstützten Organisation, verbrannt wurden.
Jedenfalls setzten
in vielen Punkten gut begründete Angriffe gegen den talmudischen
Judaismus im Europa des 13. Jahrhunderts ein. Wir führen hier nicht die
auf Unwissenheit beruhenden Verleumdungen an, wie die von geistig
zurückgebliebenen Mönchen in kleinen Provinzstädten verbreitete
Blutlüge, sondern die in den damals besten Universitäten Europas
abgehaltenen und weitgehend unparteiisch geführten Disputationen, wie
sie damals unter den Gegebenheiten des Mittelalters möglich waren.
Was war nun die
jüdische oder - besser gesagt: die rabbinische - Reaktion? Die
einfachste Antwort bestand darin, daß man die alte Waffe der Bestechung
herausholte und Beziehungen spielen ließ. In den meisten europäischen
Ländern konnte man fast alles durch ein Schmiergeld regeln. Nirgendwo
galt dieser Grundsatz mehr als im Rom der Renaissancepäpste. Die
Erstausgabe des vollständigen Kodex des talmudischen Gesetzes, die
Mischne Tora von Maimonides, angefüllt nicht nur mit den widerwärtigsten
Vorschriften gegen alle Nichtjuden, sondern auch mit expliziten
Angriffen gegen das Christentum und gegen Jesus (dessen Namen der Autor
mit dem frommen Zusatz "möge der Name des Verruchten vergehen"
versieht), wurde im Jahre 1480 von anstößigen Stellen ungereinigt in Rom
unter Sixtus IV., eines politisch sehr aktiven Papstes, der sich dauernd
in ernsten Geldnöten befand, veröffentlicht. (Einige Jahre zuvor wurde
die ältere Ausgabe des Goldenen Esel von Apulejus, aus dem die heftigen
Angriffe gegen das Christentum nicht beseitigt wurden, gleichfalls in
Rom veröffentlicht.) Alexander VI. aus der Familie der Borgia war
ebenfalls sehr liberal in dieser Hinsicht.
Wie vorher gab es
auch in dieser Zeit immer Länder, in denen zeitweilig eine Welle
antitalmudischer Verfolgung ausbrach. Doch mit der Reformation und der
Gegenreformation setzte ein weitreichender und folgerichtiger Ansturm
ein, als sich eine höhere intellektuelle Ehrlichkeit und bessere
Hebräischkenntnisse unter den christlichen Gelehrten verbreiteten. Vom
16. Jahrhundert an wurde die gesamte talmudische Literatur
einschließlich des Talmuds in verschiedenen Ländern der Zensur
unterworfen, in Rußland bis zum Jahre 1917. Während einige Zensoren, wie
etwa in Holland, etwas laxer bei der Handhabung der Zensur vorgingen,
verfuhren andere weitaus strenger und beseitigten oder änderten die
anstößigen Passagen.
Alle modernen
wissenschaftlichen Untersuchungen über den Judaismus, insbesondere die
von Juden stammenden, haben sich aus diesem Konflikt heraus entwickelt.
Bis heute tragen sie noch die unverkennbaren Züge ihres Ursprungs:
Betrug, Apolegetik oder feindliche Polemik, Gleichgültigkeit oder sogar
aktive Feindschaft gegenüber der Suche nach Wahrheit. Von damals bis zum
heutigen Tag sind deshalb alle sogenannten jüdischen Studien über den
Judaismus als Polemiken gegen einen äußeren Feind und nicht als interne
Debatte gedacht.
Man muß wissen,
daß dies anfänglich für die gesamte Geschichtsschreibung in allen
bekannten Kulturkreisen kennzeichnend war (mit Ausnahme des antiken
Griechenlands, wo die frühen liberalen Historiker später von den
Sophisten wegen ihres mangelnden Patriotismus angegriffen wurden!). Dies
gilt auch für die ersten katholischen und protestantischen Historiker,
die gegeneinander polemisierten. Desgleichen sind die ersten nationalen
Geschichtswerke in Europa mit gröbstem Nationalismus und mit
Geringschätzung gegenüber anderen Nationen getränkt. Früher oder später
kommt jedoch eine Zeit, in der man den Versuch macht, nationale oder
religiöse Gegnerschaft zu verstehen und gleichzeitig tiefgreifende und
wichtige Aspekte der eigenen Geschichte kritisch zu beleuchten. Diese
beiden Entwicklungen laufen gleichzeitig ab. Nur wenn, wie es Pieter
Geyl so gut ausgedrückt hat, die Geschichtsschreibung "eine Debatte ohne
Ende" wird und keine Fortsetzung des Krieges mit historiographischen
Mitteln bleibt, wird eine humane, nach Genauigkeit und Ausgewogenheit
strebende Geschichtsschreibung möglich; sie wird dann zu einem der
wirkungsvollsten Instrumente des Humanismus und der Selbsterziehung.
Gerade aus diesem
Grunde schreiben die modernen totalitären Regimes die Geschichte um oder
bestrafen Historiker. Wenn eine ganze Gesellschaft die Rückkehr zum
Totalitarismus versucht, wird totalitäre Geschichte geschrieben, und
zwar durchgesetzt nicht durch den Zwang von oben, sondern durch den viel
wirksamereren Druck von unten. Gerade dies geschah in der jüdischen
Geschichte und bildet das erste Hindernis, das wir überwinden müssen.
Verteidigungsmechanismen
Wie sahen nun
neben der oben erwähnten Bestechung die Mechanismen aus, die die
jüdischen Gemeinden gemeinsam mit äußerster Kraft einsetzten, um den
Angriff auf den Talmud und die andere religiöse Literatur abzuwehren? Es
lassen sich mehrere Methoden unterscheiden, von denen alle die wichtigen
politischen Folgen haben, die sich in der gegenwärtigen israelischen
Politik zeigen. Es wäre ermüdend, in jedem Falle auf die Parallelen zu
Begin oder zu Ben Gurion hinzuweisen; ich bin sicher, daß der mit der
Politik im Nahen Osten etwas vertraute Leser selbst die Ähnlichkeit
bemerken wird.
Der erste
Mechanismus, der hier behandelt werden soll, ist der mit äußerlicher
Unterwerfung verbundene heimliche Widerstand.
Wie schon oben
gesagt, mußten die gegen das Christentum oder gegen Nichtjuden
gerichteten talmudischen Passagen entfernt oder geändert werden - der
Druck war allzu stark. Man tat folgendes: Einige der anstößigsten
Passagen wurden aus allen in Europa nach der Mitte des 16. Jahrhunderts
gedruckten Ausgaben herausgenommen. In allen anderen Passagen ersetzte
man die Ausdrücke "Heide", "Nichtjude", "Fremder" (Goi, Eino Jehudi,
Nochri), die in allen frühen Manuskripten und Druckwerken sowie in
sämtlichen in islamischen Ländern veröffentlichten Ausgaben standen,
durch Begriffe wie "Götzenanbeter", "Heide" oder sogar "Kanaaniter" oder
"Samariter", die sich leicht wegerklären lassen, die aber ein jüdischer
Leser als Euphemismus für die alten Ausdrücke erkennen konnte.
Mit den sich
steigernden Angriffen wurde die Verteidigung immer subtiler, mit
zuweilen dauerhaft tragischen Ergebnissen. Zu bestimmten Zeiten wurde
die Zensur im zaristischen Rußland immer strenger, und als die oben
erwähnten Euphemismen enttarnt wurden, verbot man sie. Daraufhin nahmen
die rabbinischen Autoritäten als Ersatz die Begriffe "Araber" oder
"Moslem" (in Hebräisch "Ismaeliter" - was beides bedeutet) oder
gelegentlich auch "Ägypter" und kalkulierte ganz richtig, daß die
zaristische Behörden gegen diese Art des Mißbrauchs nichts einwenden
würden. Gleichzeitig wurden Listen der talmudischen Auslassungen in
Manuskriptform in Umlauf gebracht, die alle neuen Begriffe erläuterten
und alle Auslassungen herausstellten. Gelegentlich druckte man eine
Distanzierung vor der Titelseite eines jeden Bandes der talmudischen
Literatur, in der man feierlich und manchmal auch eidlich bekräftigte,
daß alle feindseligen Ausdrücke in dem betreffenden Band nur gegen die
Götzenverehrer der Antike oder sogar gegen die längst untergegangenen
Kanaaniter gerichtet seien und nicht gegen "die Menschen, in deren Land
wir leben". Nach der Eroberung Indiens durch die Briten gebrauchten
einige Rabbiner die Schutzbehauptung, daß alle von ihnen verwendeten,
besonders schimpflichen und herabsetzenden Ausdrücke nur für die Inder
gedacht wären. Manchmal benutzte man auch die Ureinwohner Australiens
als Prügelknaben.
Selbstverständlich
war alles von Anfang bis Ende ein vorsätzlicher Betrug, denn als sich
nach der Gründung des Staates Israels die Rabbiner erst einmal sicher
fühlten, nahmen sie alle anstößigen Passagen und Ausdrücke in alle neuen
Ausgaben ohne Zögern wieder auf. (Wegen der enormen Kosten, die mit
einer neuen Ausgabe verbunden sind, ist ein beträchtlicher Teil der
talmudischen Literatur einschließlich des Talmuds selbst noch immer ein
Nachdruck der älteren Ausgaben. Aus diesem Grunde wurden die oben
genannten talmudischen Auslassungen jetzt in Israel in einer billigen
Ausgabe mit dem Titel Chesronot Schas veröffentlicht.) Man kann also
jetzt ganz frei solche Passagen lesen (und den jüdischen Kindern werden
sie tatsächlich auch beigebracht), wie diejenige, in der steht, daß
jeder Jude beim Vorbeigang eines jüdischen Friedhofs seinen Segen
aussprechen, aber an einem nichtjüdischen Friedhof die Mütter der Toten
verfluchen muß.
In den alten
Ausgaben wurde der Fluch weggelassen oder einer der Tarnnamen für
"Nichtjude" eingesetzt. In der neuen israelischen Ausgabe des Rabbiners
Adin Steinsalz (komplett mit hebräischen Erläuterungen und Glossaren zum
aramäischen Teil des Textes, so daß die Schulkinder nicht im Zweifel
darüber sind, was sie sagen sollen) nahm man die unzweideutigen Wörter
"Nichtjuden" und "Fremde" wieder auf.
Unter äußerem
Druck bereinigten oder änderten die Rabbiner in betrügerischer Absicht
gewisse Passagen, aber nicht die in ihnen vorgeschriebenen Praktiken. Es
bleibt eine Tatsache, daß unsere totalitäre Gesellschaft
jahrhundertelang barbarische und inhumane Bräuche anwandte, um den Geist
ihrer Mitglieder zu vergiften. Dies geschieht heute noch. (Diese
inhumanen Bräuche können nicht als bloße Reaktion auf den Antisemitismus
oder die Judenverfolgungen wegerklärt werden. Sie sind unbegründete
Barbareien, die sich gegen jedes menschliche Wesen richten. Ein frommer
Jude, der zum ersten Mal nach Australien kommt und dabei zufällig an
einem Friedhof der Ureinwohner vorbeikommt, muß als kultische Handlung
die Mütter der dort Begrabenen verfluchen.) Wenn wir dieser harten
Tatsache nicht ins Gesicht schauen, werden wir alle zu Beteiligten an
der Täuschung und zu Komplizen bei der Vergiftung der heutigen und
künftigen Generationen mit allen ihren Konsequenzen.
Die
Täuschung geht weiter
Moderne Gelehrte
des Judaismus führten nicht nur die Täuschung fort, sondern übertrafen
noch die alten rabbinischen Methoden an Frechheit und an Verlogenheit.
Da die verschiedenen geschichtlichen Darstellungen des Antisemitismus
nicht einen ernsten Gedanken wert sind, will ich sie hier übergehen.
Stattdessen führe ich drei besondere Beispiele und ein allgemeines
Beispiel der moderneren "akademischen" Täuschungen an.
Im Jahre 1962
erschien im Jerusalem ein Teil des oben erwähnten Maimonidischen Kodex,
das sogenannte Buch der Gebote und Verbote mit den Grundregeln des
jüdischen Glaubens und der Religionsausübung als eine zweisprachige
Ausgabe, bei der die englische Übersetzung dem hebräischen Text
gegenübergestellt ist. Der hebräische Text wurde in seiner
ursprünglichen Fassung wiedergegeben, wobei das Gebot, jüdische
Ungläubige auszurotten, in voller Länge angeführt ist: "Es ist eine
Pflicht, diese mit eigener Hand auszurotten." Die englische Übersetzung
ist etwas abgeschwächt: "Es ist die Pflicht, aktive Maßnahmen zu
ergreifen, um sie zu vernichten". Dann aber führt der hebräische Text
genaue Beispiele der "Ungläubigen " an, die auszurotten sind: "Solche
Leute wie Jesus von Nazareth und seine Schüler sowie Sadok und Baitos
und deren Gefolgsleuten; möge der Name der Verruchten verrotten". Nicht
ein Wort davon erscheint im englischen Text auf der gegenüberliegenden
Seite (Seite 78 a).
Bezeichnend dabei
ist, daß trotz der weiten Verbreitung dieses Buches unter den Gelehrten
in den englischsprachigen Ländern keiner von ihnen meines Wissens nach
gegen diese eklatante Täuschung protestiert hat.
Das zweite
Beispiel stammt aus den USA, und hier wiederum aus der englischen
Übersetzung eines Buches von Maimonides, der nicht nur den Talmud
kodifizierte, sondern auch ein großer Philosoph war. Sein Führer der
Verirrten wird mit Recht als eines der größten Werke der jüdischen
Religionsphilosophie betrachtet, von vielen Menschen gelesen und noch
heute benutzt. Neben seiner Haltung gegenüber Nichtjuden im allgemeinen
und Christen im besonderen war Maimonides leider auch ein
schwarzenfeindlicher Rassist. Am Ende des Führers behandelt er in einem
entscheidenden Kapitel (Buch III, Kapitel 51) die Frage, wie die
verschiedenen Gruppen der Menschheit den höchsten religiösen Wert,
nämlich die echte Gottesanbetung, erreichen können. Zu denen, die nicht
fähig sind, sich diesem Ziel auch nur zu nähern, gehören:
Einige der Türken
[d.h. die mongolische Rasse] und die Nomaden im Norden sowie die
Schwarzen und die Nomaden im Süden und all diejenigen, die ihnen in
unseren Landstrichen ähneln. Ihre Natur entspricht der Beschaffenheit
stummer Tiere, und nach meiner Meinung stehen sie nicht auf dem Stand
von Menschen, und bei allen belebten Dingen stehen sie unter dem
Menschen und über dem Affen, da sie dem Aussehen nach mehr Menschen als
Affen ähneln.
Was soll man mit
so einer Passage in dem wichtigsten und unumgänglich notwendigen Buch
des Judaismus tun? Der Wahrheit und ihren Konsequenzen ins Gesicht
sehen? Gott behüte! Zugeben (wie z.B. viele christliche Gelehrte in
ähnlichen Situationen), daß eine hohe jüdische Autorität fanatische
schwarzenfeindliche Ansichten pflegt und durch dieses Zugeständnis den
Versuch einer Selbsterziehung zu echter Menschlichkeit machen? Vergessen
Sie diesen Gedanken. Ich kann mir schon die jüdischen Gelehrten in den
USA vorstellen, wie sie sich zu Beratungen zurückziehen und fragen, was
zu tun sei, denn das Buch mußte wegen der schwindenden Kenntnis des
Hebräischen unter den amerikanischen Juden übersetzt werden. Sei es
durch Beratung oder persönliche Inspiration, eine glückliche "Lösung"
wurde gefunden: In der weitverbreiteten amerikanischen Übersetzung des
Führers von einem gewissen Friedlander, die zuerst im Jahre 1923
veröffentlicht wurde und dann in vielen Neuauflagen, auch in mehreren
Taschenbuchausgaben, herauskam, ist das hebräische Wort Kuschim mit der
Bedeutung "Schwarze" einfach transskribiert worden und erscheint als "Kushites",
ein bedeutungsloses Wort, wenn man kein Hebräisch kann oder von einem
gütigen Rabbiner nicht mündlich aufgeklärt wird. Während all dieser
Jahre fiel nicht ein Wort, um diese einleitende Täuschung oder die
sozialen Tatsachen, auf denen sich diese Fortdauer der Täuschung
gründet, herauszustellen.
Und dies begab
sich während der ganzen Aufregung über die von so vielen Rabbinern
unterstützten Kampagnen Martin Luther Kings, ganz zu schweigen von den
anderen jüdischen Persönlichkeiten, denen die schwarzenfeindliche
rassistische Haltung bekannt sein mußte, die ein Teil ihres jüdischen
Erbes ist.
Viele der
rabbinischen Helfer Martin Luther Kings waren, wie man zwangsläufig
annehmen muß, schwarzenfeindliche Rassisten, die ihn wegen des
"jüdischen Interesses" aus taktischen Gründen (und um schwarze
Unterstützung für das amerikanische Judentum und Israels Politik zu
gewinnen) unterstützten. Oder es waren ausgebuffte, ja fast schon
schizophrene Heuchler, die sich sehr schnell von einer versteckten
Freude an fanatischem Rassismus auf erklärte Anhängerschaft eines
antirassistischen Kampfes und dann wieder umgekehrt umstellen konnten.
Das dritte
Beispiel stammt aus einem Werk, das einen weitaus geringeren
wissenschaftlichen Anspruch erhebt, aber gerade deswegen weiter
verbreitet ist: The Joys of Yiddish von Leo Rosten. Dieses heitere Buch,
zuerst in den Vereinigten Staaten im Jahre 1968 und dann in vielen
Neuauflagen einschließlich einiger Penguin Paperbacks veröffentlicht,
ist eine Art Glossar jiddischer Wörter, die Juden und sogar Nichtjuden
in den englischsprachigen Ländern oft gebrauchen. Jeder Eintrag enthält
nicht nur eine ausführliche Definition und mehr oder weniger amüsante
Anekdoten zur Veranschaulichung des Gebrauchs, sondern auch mehr oder
weniger korrekte etymologische Angaben über die Sprache, aus der das
Wort in das Jiddische übernommen wurde, und welche Bedeutung es in jener
Sprache hat. Eine Ausnahme bildet dabei Shaygets mit Hauptbedeutung
"nichtjüdischer Junge oder nichtjüdischer junger Mann". Als dunkle
etymologische Erklärung ist "hebräischen Ursprungs" angegeben, ohne
genau mitzuteilen, welche Form oder Bedeutung das ursprüngliche
hebräische Wort hat. Unter Shiksa, der weiblichen Form von Shaygets,
gibt der Autor das ursprüngliche hebräische Sheqetz (oder Sheques in
seiner Transskription) an und erklärt die hebräische Bedeutung mit
"blemish". Dies ist eine glatte Lüge, wie jeder Sprecher des Hebräischen
weiß. Das in Israel herausgegebene Megiddo Modern Hebrew-English
Dictonary definiert Sheqetz ganz richtig als: "unclean animal; loathsome
creature, abomination, wretch, unruly youngster; Gentile youngster"
(Anm.d.Übers.: "unsauberes Tier; ekelhafte Kreatur, Scheusal, Lump,
widerspenstiger Bursche, nichtjüdischer Bursche").
Das letzte und
allgemeinere Beispiel ist, falls überhaupt möglich, noch schockierender
als die anderen und betrifft die Haltung der chassidischen Bewegung
gegenüber Nichtjuden. Der Chassidismus, eine Fortführung (und eine
Verfälschung!) der jüdischen Mystik, ist noch immer ein lebendige
Bewegung mit Hunderttausenden von aktiven Anhängern, die fanatisch auf
ihre "heiligen Rabbis" eingeschworen sind. Einige von ihnen haben
beträchtlichen politischen Einfluß in Israel, darunter auf die Führer
der meisten Parteien und noch mehr auf die höheren Ränge der Armee.
Wie ist also nun
die Einstellung dieser Bewegung gegenüber Nichtjuden?
Als Beispiel sei
hier das berühmte grundlegende Buch Hatanya der Chabad-Bewegung
angeführt, eines der wichtigsten Ablegers des Chassidismus.
Nach diesem Buch
sind alle Nichtjuden ausnahmslos satanische Kreaturen, "in denen absolut
nichts Gutes ist". Sogar ein nichtjüdischer Embryo unterscheidet sich
qualitativ von einem jüdischen. Die ganze Existenz eines Nichtjuden ist
"entbehrlich", wogegen die gesamte Schöpfung allein um der Juden willen
erfolgte.
Dieses Buch
erschien in zahllosen Auflagen, und seine Vorstellungen werden in den
zahllosen "Diskursen" des derzeitigen, geborenen Führers des Chabad, dem
sogenannten Ljubawitscher Rabbi M. M. Schneuerssohn, weiterverbreitet,
der diese mächtige weltweite Organisation von seinem Hauptquartier in
New York aus leitet. In Israel erfolgt die Verbreitung dieser Ideen in
der Öffentlichkeit, in den Schulen und in der Armee. (Nach dem Zeugnis
von Schulamit Aloni, Mitglied der Knesset, erfuhr diese Propaganda des
Chabad eine Steigerung vor der israelischen Invasion des Libanon im März
1978, um Militärärzte und Krankenschwestern zu veranlassen, "verwundeten
Nichtjuden" medizinische Hilfe vorzuenthalten. Diese nazi-ähnliche
Anweisung galt nicht speziell für Araber oder für Palästinenser, sondern
schlicht und einfach für "Nichtjuden", Gojim.) Der frühere israelische
Präsident Schasar war ein glühender Anhänger des Chabad, und viele hohe
israelische und amerikanische Politiker, allen voran Premierminister
Begin, machten dieser Bewegung den Hof und unterstützten sie öffentlich.
Trotz der hohen Unbeliebtheit des Ljubawitscher Rabbi: In Israel wird er
heftig kritisiert, da er sich weigert, auch nur zu Besuch nach Israel zu
kommen. Er bleibt aus obskuren messianischen Gründen in New York, obwohl
seine schwarzenfeindliche Haltung dort notorisch ist.
Die Tatsache, daß
trotz dieser praktischen Schwierigkeiten der Chabad von so vielen hohen
Persönlichkeiten in der Politik öffentlich unterstützt werden kann, geht
zum großen Teil auf die vollkommen unredliche und irreführende
Behandlung durch die meisten Gelehrten zurück, die über die chassidische
Bewegung und ihren Ableger Chabad geschrieben haben. Dies gilt besonders
für alle Personen, die über diese Bewegung in englischer Sprache
schreiben und geschrieben haben. Sie vertuschen die offenkundige
Konzeption der alten chassidischen Texte sowie der aktuell daraus
folgenden politischen Konsequenzen. Diese fallen sogar dem
gelegentlichen Leser der hebräischen Presse auf, weil der Ljubawitscher
Rabbi und andere chassidische Führer hier unablässig die blutrünstigsten
Behauptungen und Ausfälle gegen alle Araber veröffentlichen.
Der Hauptbetrüger
in diesem Falle und ein gutes Beispiel für die Macht der Täuschung ist
Martin Buber. In seinen zahlreichen Werken hebt er die gesamte
chassidische Bewegung (einschließlich des Chabad) in den Himmel und
zeigt weniger die tatsächlichen Lehrmeinungen des Chassidismus
hinsichtlich der Nichtjuden auf.
Das Verbrechen der
Fälschung ist um so größer angesichts der Tatsache, daß Buber seine
Lobpreisungen des Chassidismus zuerst in deutsch während des Aufstiegs
des deutschen Nationalismus und der Machtübernahme der
Nationalsozialisten veröffentlichte. Angeblich war er ein Gegner des
Nationalsozialismus, glorifizierte aber eine Bewegung, die Lehrmeinungen
über Nichtjuden vertritt, die denen der Nationalsozialisten über die
Juden nicht nachstehen. Man könnte natürlich sagen, daß die
chassidischen Juden vor 70 oder 50 Jahren die Opfer waren und eine
"Notlüge" zugunsten eines Opfers entschuldbar sei. Die Folgen solch
einer Täuschung sind jedoch unermeßlich. Bubers Werke wurden ins
Hebräische übersetzt und zu einem mächtigen Element der hebräischen
Erziehung in Israel. Sie erhöhten stark die Macht der blutrünstigen
chassidischen Führer und sind somit zum großen Teil verantwortlich für
das Anwachsen des israelischen Chauvinismus und des Hasses gegenüber
allen Nichtjuden. Wenn man an die vielen Menschen denkt, die nur darum
starben, weil von der chassidischen Propaganda aufgestachelte
Sanitäterinnen der israelischen Armee ihnen ihre Hilfe verweigerten,
dann liegt die schwere Last für deren Blut auf dem Haupt von Martin
Buber.
Ich muß hier
erwähnen, daß Buber mit seiner Lobhudelei des Chassidismus andere
jüdische Gelehrte weit übertraf, und zwar vor allem diejenigen, die in
Hebräisch (oder früher in Jiddisch) oder sogar in europäischen Sprachen,
allerdings nur für eine jüdische Leserschaft, schreiben. Bei Fragen der
internen jüdischen Interessen hat es einmal eine starke und
gerechtfertigte Kritik der chassidischen Bewegung gegeben. Ihr Frauenhaß
(viel extremer als in der gesamten jüdischen Orthodoxie üblich), ihre
Alkoholexzesse, ihr fanatischer Kult mit ihren erblichen "heiligen
Rabbis", die ihnen Geld abpressen, ihre zahllosen abergläubischen
Vorstellungen - diese und viele andere negative Charakterzüge wurden mit
Kritik begleitet. Doch Bubers sentimentale und betrügerische
Romantisierung hat besonders in den USA und in Israel die Oberhand
gewonnen, da sie mit der totalitären Bewunderung für alles "echt
Jüdische" in Einklang stand und bestimmte "linke" jüdische Kreise, auf
die Buber einen besonders großen Einfluß hatte, diese Ansichten
übernahmen.
Buber stand mit
seinen Ansichten aber nicht allein, obwohl er meines Erachtens wegen der
Verderbtheit, die er verbreitete, und wegen des Einflusses, den er
hinterlassen hat, der weitaus Übelste war. Es gab andere, wie den
einflußreichen Soziologen und Bibel-Gelehrten Jecheskel Kaufmann, ein
Befürworter des Völkermordes nach dem Vorbild des Buches Josua, und den
Philosophen der idealistischen Richtung Hugo Schmuhl Bergman, der schon
in den Jahren 1914 und 1915 die Vertreibung aller Palästinenser in den
Irak und in viele andere Länder propagierte. Nach außen hin waren sie
zwar alle "Tauben", prägten jedoch Formulierungen, die man im extremsten
antiarabischen Sinne handhaben konnte. Alle neigten dem religiösen
Mystizismus zu, der die Verbreitung von Täuschungen begünstigte, und
alle schienen milde Seelen zu sein, die anscheinend keiner Fliege etwas
zuleide tun konnten, auch wenn sie für Vertreibung, Rassismus und
Völkermord eintraten.
Gerade aus diesem
Grunde war die Wirkung ihres Betrugs um so größer.
Unser Kampf muß
sich gegen die Glorifizierung der Inhumanität richten, die nicht nur von
den Rabbis und den Rabbinern, sondern auch von denen propagiert wird,
die man als die größten und sicherlich einflußreichsten Gelehrten des
Judaismus ansieht. Geführt werden muß dieser Kampf auch gegen die
modernen Nachfolger der falschen Propheten und der unredlichen Pr |