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Leserbrief an die "Junge Welt", mit der Bitte um Veröffentlichung


 

Mein Magen dreht sich beim Lesen ihrer Buchbesprechung von Klaus Bittermann über Dershowitz' "Plädoyer" um: Die JUNGE WELT leiht einem Zyniker Bittermann Raum. Wie muss es um eine Tageszeitung stehen, um so tief zu sinken? Mark Twain - der hoch-geschätzte -  wird zitiert, dabei hätte Bittermann doch nur in der nächstgelegenen Uni-Bibliothek über Fernleihe den sicher gar nicht Palästinenser-freundlichen, immerhin aber nüchtern-abwägenden  Bericht der königlich-britischen Peel-Kommission aus dem Jahre 1937 einsehen müssen, um zu lernen, dass es während der britischen Mandatszeit durchaus eine blühende Exportwirtschaft der Palästinenser gab, dass damals, anders als die jüdische Bevölkerung infolge legaler und, mehr noch illegaler Einwanderung,  die Bevölkerungszahl der Palästinenser aus eigener Kraft, allein als Folge des damals allgemeinen medizinischen und hygienischen Fortschritts zunahm. Zahlreich sind Veröffentlichungen, die, gut dokumentiert, mit Zahlen, Fotos und Berichten, von einem Land mit zahlreichen Dörfern und Städten, schönsten Gärten und Plantagen (trotz Briten-, vorher Türkenherrschaft) berichten. All das gab es ohne Milliarden-Zuflüsse aus Nachkriegsdeutschland, später bis jetzt noch viel zahlreicher, aus den Vereinigten Staaten von Amerika.  Auf das kürzlich wieder erschienene Buch von Klaus Polkehn, "Damals im Heiligen Land - Reisen in das alte Palästina" sei verwiesen.  Bemerkenswert: Bittermann benutzt die Terminologie staatlicher israelischer Propaganda, die die Inexistenz eines palästinensischen Volkes vermuten lassen soll, er redet von "Arabern". Palästinenser,  so meint wohl auch er, wie Golda Meir (wider besseres Wissen, jene) "gibt es nicht". Muslime, Araber... was will Bittermann damit wohl sagen? Gab, gibt es da nicht auch christliche Palästinenser (es stimmt, die zionistische Besatzung hat inzwischen viele von ihnen außer Landes getrieben) und andere, nicht-arabische Bevölkerung? Die Rezension Bittermanns zeugt von Unwissenheit, Zynismus und Rassismus, Menschenverachtung, lange vergangen geglaubter Herren-Rasse-Ideologie. Sind dies nicht genau jene Ingredienzien, die den Boden für das schlimmste denkbare Verbrechen der Neueren Geschichte in unserem eigenen Land bereiteten. Man glaubt sich in einer Provinz-Glosse bei den Republikanern oder anderen Unverbesserlichen - lediglich mit geänderen Vorzeichen. 

Der Skandal, das ist nicht zuerst Bittermann, das ist auch nicht einmal der berühmte Un-Rechtsprofessor aus Boston, der uns treffende Skandal ist die Tatsache der Veröffentlichung dieser Rezension in der JW.  


 

Günter Schenk 
Beinheim, Frankreich 
- collectif judéo-arabe et citoyen pour la paix, Strasbourg 
- coordination de l'appel de strasbourg pour une paix juste au proche orient 
http://www.eutopic.lautre.net/coordination/


 

 

Liebe DLF-Redaktion,

ich bitte Sie um Weitergabe dieser Zuschrift an Ihren Autor, Herrn Joseph Croitoru. Danke.



Sehr geehrter Herr Croituru,

wenige bei der deutschen Medienlandschaft sind so gut informiert, informieren zumindest so
unbestechlich über die Nahost-Frage, oft unterstützt durch Ihren ehrewerten Jerusalem-
Korrespondenten Dr. Bremer, wie Sie. Gern lese ich auch Ihre beachtenswerten Beiträge in der FAZ.

Zu Ihrem Beitrag im Deutschlandfunk vom 10.02.05 möchte ich eine Anmerkung machen, den
Eröffnungssatz Ihres Beitrages betreffend
.

Sicher gibt es zahlreiche, sich auch wiedersprechende Äußerungen Theodor Herzls über
das, was jüdische Zuwanderer in Palästina zu erwarten hätten.
Mehr jedoch, als seine Hoffnung, freudig begrüßt zu werden, scheinen mir aber seine
Eintragungen, am 12.06.1895, in seinem Tagebuch Aussagekrafti zu besitzen:

"Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir in
den Durchzugsländern Arbeit beschaffen, aber in unserem eigenen Land jederlei Arbeit
verweigern. Die besitzende Bevölkerung wird zu uns übergehen. Das Expropriationswerk muß ebenso wie die Fortschaffung der Armen mit Zartheit und Behutsamkeit erfolgen.
Die Immobilienbesitzer sollen glauben, uns zu pressen. uns über dem Wert zu verkaufen.
Aber zurückverkauft wird nichts"


und weiter....

"Ziehen wir in eine Gegend, wo es für Juden ungewöhnlich wilde Tiere gibt - große Schlangen usw. -
so benütze ich die Eingeborenen, bevor ich sie in den Durchzugsländern beschäftige, dazu, diese
Tiere auszurotten....."


Diese Zitate entstammen der Ausgabe von 1922, Theodor Herzls Tagebücher, erschienen in
Jüdischer Verlag, Berlin

Was zeigen uns diese Sätze ? Zunächst, dass es den frühen Zionisten durchaus klar war, dass sie in
Palästina kein menschenleeres Land vorfinden würden. Dann, dass schon bei Herzl ziemlich
klare Vorstellungen bestanden von der "Notwendigkeit" ethnischer Säuberungen, die jedoch,
und auch dies ist interessant zu vermerken, so von statten gehen sollten, dass sie von der übrigen
Welt nicht, oder kaum bemerkt würden: behutsam. Ein Unrechtsbewußtsein war also auch schon bei
Herzl vorhanden, obwohl seine Thesen im Übrigen noch recht gut in das koloniale Zeitalter passen.

Vor dieser Erkenntnis weicht auch heute noch ein großer Teil der von Ihnen zitierten israelischen Linken,
ein Teil des Friedenslagers, wie Peace Now zurück, denn viel mehr als nur die illegalen Siedlungen
würde das ganze Gebäude eines "völkischen" zionistischen Projektes "EREZ ISRAEL" infrage gestellt,
würde man kritisch mit Herzls Visionen umgehen. Hier scheint es einen unausgesprochenen Konsens
in der israelischen Mehrheitsgesellschaft zu geben. Nur kleine, wiewohl beachtenswerte Gruppen machen
da eine bewundernswerte Ausnahme.

Wenn sich also heute die Siedler, schon von Leibowitz "Judeo-Nazis" betitelt, gegen Rückführung
aus den Siedlungen wehren, so liegen sie sicher auch weiterhin auf der Linie Herzls, nach dem
immerhin sowohl in Paris als auch in Wien im vergangenen Jahr ein Platz benannt wurde. Was die
Siedler von Herzl allerdings unterscheidet: Sie haben keinerlei Unrechtsbewußtsein.

Ihren Beiträgen zur Nahost-Frage, sei es in der FAZ, sei es im DLF, sehe ich auch weiterhin mit großem
Interesse entgegen. Gern würde ich es auch sehen, dass Sie, solange dies noch möglich ist, ein
Interview mit dem US-amerikanischen Senior-Politologen, Herrn Professor Dr. Kenneth Lewan führten *

mit freundlichen Grüßen

Günter Schenk
5, rue des cigognes
F-67930 Beinheim
(Mitglied im "Collectif Judeo-arab et citoyen pour la Paix", Straßburg)


* ich nehme an, daß Sie Lewans Anschrift besitzen. Falls dies nicht der Fall sein sollte, bin ich Ihnen sehr
gern behilflich. Lewan lebt mit seiner deutschen Ehefrau in der Bundesrepublik.





Kultur heute
Montag bis Freitag • 17:35 Samstag und Sonntag • 17:30

10.2.2005

Opfer oder Täter?

Kontroverse um die Geschichte der israelischen Siedler

Von Joseph Croitoru
 

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