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Günter Schenk an Bundeskanzler Gerhard Schröder

 

Offener Brief an meinen Parteifreund.


Lieber Genosse Gerhard,

ich weiß, es ist für einen Bundeskanzler nicht leicht, sich in den Wirren internationaler Politik zu informieren, gibt es doch immer auch noch schwer zu lösende Probleme im Innern, ganz zu schweigen mit manch einem in der eigenen Partei. Für Letztes hast Du ja nun glücklicherweise in Genossen Müntefering einen äußerst fleißigen, dazu auch noch zuverlässigen Helfer. Schwieriger ist es da schon mit der internationalen Politik. Ich meine dabei nicht die Europapolitik, in der Dir ja die Arbeit durch die
glückliche Kooperation mit Deinem Freund Jacques durchaus erleichtert, wenn nicht vorgegeben ist.
Ganz besonders schwierig wird es, wenn es dann heißt, dem Liebling des Wahlvolkes, Deinem Vize und Außenminister, einem echten Dr. h.c., Pari zu bieten in der sensiblen Israel-Frage. Ich hätte nun ja auch sagen können: in der Palästina-Frage. Soweit wollte ich aber nicht gehen, denn ich weiß ja nicht, inwieweit Deine diversen Assistenten überhaupt das Wort Palästina in den Mund zu nehmen bereit sind, ohne Hiebe von Deinem guten Freund Ehud zu bekommen.
Ach ja, dieser Ehud... er hat es ja auch nicht leicht gehabt, obwohl ihm der große Bruder aus Washington doch wirklich mutig zu Seite stand, in Camp David und in Taba.
Nun hat Dir Dein Freund Ehud auch noch sein Märchen erzählt. War es eine "Gute-Nacht-Geschichte",
die er Dir da auftischte ? Das wäre ja ganz verständlich, denn beim Einschlafen ist man ja nicht mehr so
aufmerksam. Das weiß jeder, der nach einem anstrengenden Tag, gefüllt mit Verhandlungen, Anwürfen aus der rechten Presse (oh, leider auch aus der linken, das ist ja wirklich der Höhepunk t) die Geschehnisse des Tages an sich vorbeiziehen lässt. Da ist man dann nicht mehr so wählerisch mit den Wiegenliedern. Nun, beim Aufwachen, am nächsten Morgen, hättest Du dann schon bemerken können, dass es ein Märchen aus Tausend-und-eine-Nacht war, die Dir da Ehud aufgetischt hatte.
Anwesende sowohl in Camp David als auch in Taba hätten Dir doch ohne Weiteres die wahre Geschichte zum Frühstück gereicht.
Aber, und das darf man nicht vergessen, da war ja noch, wie ich Dir oben schrieb, dieser Joseph, Pardon, Dr. h.c. Joseph Fischer, ach so liebevoll und anheimelnd vom Volke und vor allem von sich selbst Joschka genannt. Was war nun zu tun ? Solltest Du, indem Du Dich über eigene Kanäle in der Palästina-Frage schlau machtest - wie dies ehedem Dein von mir so geschätzter Vorgänger Helmut, nein den Dicken meine ich nicht, ihn hab ich doch niemals weder verehrt noch geschätzt - ich meine wirklich den vorbildlichen Helmut Schmidt, ehemals Schmidt-Schnauze ( von mir liebevoll gemeint !) tat, Als objektiver Informationskanal war Dir ja unser Botschafter in Israel nicht zu Diensten. Er, der arme Rudolf hatte ja gerade in einem etwas armseligen und liebedienerischen Artikel (Typ mea culpa, mea maxima culpa..) seine Reputation als mutiger Botschafter unseres Landes in Frage gestellt. Er hatte nämlich auch nichts zu sagen gewagt über das, was täglich einige km von seiner Botschaft entfernt, in den militärisch besetzten Gebieten Palästinas geschieht. Das kann man ja verstehen, beim armen Rudolf, der weder zuhause noch an seinem "schwierigen" Einsatzort über eine ausreichende Hausmacht verfügt um den Anfeindungen von Ari und Silvan (bist Du mit diesen denn auch schon befreundet wie Fischers Joseph?) standzuhalten, würde er einfach mal Tacheles reden mit unseren israelischen Freunden aus dem rechtsradikalen Lager ?
Ich sag es Dir, Helmut (-Schnauze) war in solchen Dingen ganz frei: er umging einfach mal, und dafür gebührt ihm Dank und Lob, den offiziellen Weg und erkundigte sich bei Menschen vor Ort... Ich weiß das, denn einer der befragten hat mir das berichtet.
Ach, lieber (Partei-)Freund, die Zeiten haben sich geändert. Du musst wirklich darauf acht geben, dass
der Joseph / Joschka (oder ist es shon der Joshka -sic!?) Dich nicht abhängt als Ehrendoktor der Universität Haifa. Den hättest Du nun, nach dem was Du - gegen alle Vernunft, vor allem Gegen alle Wahrheit - über Arafats Versäumnis in Taba von Dir gabst, wirklich auch verdient.
Schau nur mal, wie viele Ehrendoktor-Hüte der Alte Konrad einheimste. Da dürfte nun bei Dir, mein lieber Gerhard, auch die Zeit gekommen zu sein. Dr. honoris causae der Hebrew University, wie wäre das?
Ich finde, Du hast ihn Dir ehrlich verdient. Das wird dann auch den armen Yassir nicht stören, denn er wird sich kaum in seinem Grab umdrehen, hat er doch all diese Verleumdungen und Lügengeschichten
auch schon zu seinen Lebzeiten oft genug hören müssen.

Gib dabei aber bitte acht, lieber Gerhard, dass morgen oder übermorgen, wenn dann auch Abu Mazen
mit der Wahrheit konfrontiert wird, mit der einzigen, die zählt, dass der Scharon und seine ganze Mischpoke auch von ihm nichts anderes erwartet, als das, was ihnen der verblichene Abu Amar
verweigern musste: die Aufgabe eines eigenen unabhängigen, lebensfähigen Staates, mit Räumung aller gesetzeswidrig seit 1967 eingerichteter Kolonien, mit seiner Hauptstadt Ost-Jerusalem,- lass Dir sagen, Abu Dis, das ist ein kleiner Vorort, in Deinem Hannover vielleicht vergleichbar mit Laatzen, es ist nicht Ost-Jerusalem! - wenn also Sharon oder wer auch immer nach ihm kommen sollte und ihm all das verwehrt, zudem noch von ihm, Abu Mazen, verlangt, er solle "per Dekret" und ohne die Betroffenen jemals befragt zu haben, auf deren Heimatrecht verzichten, dass Du dann nicht schon wieder, nur aus Bequemlichkeit, und weil Dir das die israelische Regierung "aus der Hand frisst" und es Dir der Silvan zur guten Nacht auftischt, auch dem Mahmut Abbas so'ne Sachen nachsagst, die von seinen "großen Fehlern"
Wenn das soweit ist, wird Dir das nämlich niemand mehr abnehmen, denn, das weißt auch Du,
die Wahrheit kommt immer irgendwann zu Tage.

In alter Partei-Freundschaft (Du weißt ja....) und in der Hoffnung, dass Du nun wirklich so bald wie möglich Deinen Doktorhut, mindestens mit so großer Krempe, wie die des Joschka, auf Dein Haupt setzen darfst.

Dein Freund Günter (lassen wir doch einfach mal das banalisierende und unehrliche Vorwort "Partei" weg)
-
nach 39 Jahren mit doppelter Loyalität: SPD und "Collectif Judeo-arab et citoyen pour la Paix, Strasbourg.

Post Scriptum:
Vielleicht kann einer Deiner Mitarbeiter im Kanzleramt, vielleicht ist einer ja gerade auf Dienstreise ins benachbarte Pullach, an folgender Veranstaltung teilnehmen. Er könnte Dir dann berichten über
ein "anderes Verständnis des Judentums", vielleicht könntest Du den hervorragenden und umfassend
gebildeten Professor Rabkin aus Montreal sogar zu einem kleinen Seminar "privatissime et quasi gratis"
ins Kanzleramt einladen ? Das wäre ein wunderbarer Akt interkulturellen Verständnisses und von Freundschaft


 
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:  http://www.nzz.ch/2005/02/18/al/newzzE5CALFOK-12.html
 

  auch unter: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,342469,00.html

 

 

Lieber Gerhard Schröder,

bitte entschuldige: aus Versehen vergaß ich den Anhang über den Münchner
Vortrag des beachtenswerten kanadischen, hochgebildeten wie auch jüdischen
Professor Y. Rabkin, den ich Dir als Anhang zu meinem Schreiben versprach.
Es wäre wirklich schön, wenn Du jemanden zu seinem Vortrag schicken
könntest.

Mit meinen besten Grüßen

Günter Schenk
Beinheim, Frankreich,



 

Im Namen der Torah
Jüdische Opposition zum Zionismus

Prof. Yakov M. Rabkin*, Kanada

Vortrag in englischer Sprache mit Übersetzung


Der Zionismus, aus dem Geist der nationalistischen Ideologien des 19.
Jahrhunderts entstanden, wurde - damals wie heute - im Namen der Torah
und ihrer moralischen Werte von vielen Juden abgelehnt. Als 1948 der
Staat Israel proklamiert wurde, vertiefte sich die innere Spaltung des
Judentums: die Identifikation mit dem Staat Israel habe bei Vielen das
jüdische Wertesystem ersetzt - Barmherzigkeit und Bescheidenheit seien
durch Egoismus und Nationalstolz abgelöst worden. Welche Alternativen
gibt es?

* Prof. Yakov M. Rabkin ist Historiker an der Universität Montreal, wo
er jüdische Geschichte unterrichtet. Neben zahlreichen Artikeln, unter
anderem in der SZ, zum Judentum und Israel erschien von ihm zuletzt sein
Buch "Au nom de la Torah. Une histoire de l`opposition juive au
sionisme", Quebec 2004, 274 Seiten

Moderation: Dr. Reiner Bernstein
Übersetzung: Sophia Deeg



Wann: Mittwoch, 23. Februar 2005, 19.30 Uhr

Wo: Eine Welt Haus
Schwanthalerstr. 80 Rgb.
80336 München

U5 Theresienwiese, Ausgang St.Pauls Kirche, oder 10 Minuten Fußweg vom
Hauptbahnhof
Eintritt: 3.- Euro

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